Die literarischen Mitläufer der Revolution Die russische Literatur außerhalb der Oktoberrevolution ist in der Form, wie sie im ersten Kapitel von uns charakterisiert worden ist, momentan eigentlich eine erledigte Angelegenheit. In der ersten Periode setzte sich der Schriftsteller aktiv der Oktoberevolution entgegen und verweigerte allen Dingen, die mit der Revolution verbunden waren, die künstlerische Anerkennung, aus denselben Motiven, warum die Lehrer sich weigerten, die Kinder des revolutionären Russlands zu unterrichten. Der abseitige Charakter der Revolution war also nicht allein ein Ausdruck der tiefen Entfremdung der zwei Welten, sondern auch ein Werkzeug der aktiven Politik der Sabotage der Künstler, Diese Politik hat sich selbst den Garaus gemacht: die alte Literatur möchte wohl, aber kann nicht mehr. Zwischen der bürgerlichen Kunst, die sich in Wiederholungen oder im Schweigen auslebt, und der neuen Kunst, die noch nicht vorhanden ist, entsteht eine Übergangskunst, die mehr oder weniger mit der Revolution organisch verbunden ist, aber zugleich auch nicht eine Revolutionskunst ist. Boris Pilnjak, Wsewolod Iwanow, N. Tichonow und die „Serapionsbrüder", Jessenin und die Gruppe der „Imaginisten", zum Teil auch Klujew wären – alle zusammen und jeder einzeln – ohne die Revolution unmöglich. Sie wissen es selber und leugnen es nicht, fühlen auch nicht das Bedürfnis, es zu leugnen, manche verkünden es sogar ganz energisch. Es sind keine literarischen Karrieristen, die sich nach und nach an die Gestaltung der Revolution machen. Sie sind auch nicht Umlerner, wie die Gruppe der „Wegzeichenumsteller", denn bei jenen wird ein Bruch mit der Vergangenheit, eine radikale Frontänderung vorausgesetzt. Die meisten der genannten Schriftsteller sind jung, zwischen 20 und 30, Eine vorrevolutionäre Vergangenheit haben sie überhaupt nicht, so dass sie höchstens mit Kleinigkeiten zu brechen hatten. Ihr literarisches und überhaupt geistiges Gepräge hat die Revolution geschaffen, jene Ecke der Revolution, die sie erfasst hat, und jeder von ihnen nimmt sie auf seine Art auf. Bei dieser individuellen Aufnahme haben sie alle einen gemeinsamen Zug, der sie vom Kommunismus unterscheidet und stets droht, in seinen Gegensatz umzuschlagen. Sie erfassen nicht die Revolution in ihrer Gesamtheit, und ihr kommunistisches Ziel bleibt ihnen fremd. Sie alle sind mehr oder weniger geneigt, über die Köpfe des Arbeiters hinweg die Hoffnung auf den Muschik zu setzen, Sie sind nicht Künstler der proletarischen Revolution, sondern ihre künstlerischen Mitläufer in dem Sinne, in dem dieses Wort von der alten Sozialdemokratie gebraucht wurde. Wenn die Literatur abseits der (eigentlich gegen die) Oktoberrevolution die sterbende Literatur des Russlands der Bourgeoisie und des Adels ist, so bildet das literarische Schaffen der „Mitläufer" eine Art neues sowjetisches Volkstum der früheren Narodniki ohne die Tradition der alten Narodniki und – einstweilen auch ohne politische Perspektive. In Bezug auf einen Mitläufer entsteht stets die Frage: bis zu welcher Station wird er mitgehen? Diese Frage kann jedoch jetzt selbst ungefähr nicht beantwortet werden. Ihre Beantwortung hängt nicht allein von den subjektiven Eigenschaften dieses oder jenes Mitläufers ab, sondern hauptsächlich vom objektiven Gange der Dinge im kommenden Jahrzehnt. Jedoch in der Zwiespältigkeit der Weltempfindung der Mitläufer, die eine Unruhe und Unsicherheit erzeugt, steckt eine beständige Gefahr für die Kunst und die Gesellschaft zugleich. Der Dichter Block hat diese moralisch-künstlerische Zwiespältigkeit tiefer empfunden als die anderen: er war überhaupt tiefer. In den Erinnerungen der Nadeschda Pawowitsch über ihn steht der Satz: „Die Bolschewiki stören nicht, Gedichte zu schreiben, aber sie stören, dass man sich als Meister fühlt … Meister ist jener, der den Stamm seiner ganzen Schöpfung empfindet und den Rhythmus in sich hält." Der Gedanke ist etwas unvollendet, wie es häufig bei Block vorkommt. Außerdem haben wir es mit Erinnerungen zu tun, die bekanntlich nicht immer genau sind. Aber die innere Wahrscheinlichkeit und Bedeutsamkeit dieses Satzes machen ihn glaubwürdig. Die Bolschewiki stören einen, sich als Meister zu fühlen, denn ein Meister muss die Achse, eine organische, unzweifelhafte Achse in sich haben, während die Bolschewiki die Hauptachse verschoben haben. Keiner von den Mitläufern der Revolution – und ein Mitläufer war auch Block, die Mitläufer bilden jetzt eine sehr wichtige Abteilung in der russischen Literatur, – trägt den Stamm in sich, und deshalb haben wir bloß eine Periode der Vorbereitung der neuen Literatur, bloß Skizzen und Federproben: die vollendete Meisterschaft mit dem sicheren Stamm in sich selbst liegt in der Zukunft. Man kann die Revolution weder begreifen noch aufnehmen oder gestalten, auch nicht partiell, wenn man sie nicht ganz sieht, mit ihren objektiven geschichtlichen Aufgaben, die für die leitenden Kräfte der Bewegung zu Zielen werden. Wenn das fehlt, so fehlt auch die Achse, fehlt die Revolution, sie zerfällt in Episoden und Anekdoten, heroische oder Unheil verkündende. Man kann aus ihnen mehr oder weniger kunstgerechte Bilder zusammenstellen, aber man kann nicht die Revolution wieder aufleben lassen, oder gar sich mit ihr aussöhnen: wenn ihre unerhörten Opfer und Entbehrungen ziellos waren, so ist die Geschichte … ein Narrenhaus. Sowohl Pilnjak als Wsewolod Iwanow und Jessenin suchen gewissermaßen sich im Wirbel aufzulösen ohne Eigengedanken und ohne Verantwortlichkeit. Aber sie lösen sich nicht in dem Sinne auf, dass sie unsichtbar werden – das wäre kein Tadel, sondern ein Lob, und dieses Lob verdienen sie nicht – im Gegenteil, sie sind nur allzu sichtbar: Pilnjak – in seiner Selbstgefälligkeit und Manieriertheit, Wsewolod Iwanow – in seinem übersprudelnden Lyrismus, Jessenin in seiner überbürdeten „Flegelei". Es ist nur schlimm, dass zwischen ihnen und der Revolution keine geistige Distanz besteht, die eine künstlerische Perspektive sicherte. Das Nichtwollen und Nichtkönnen der literarischen Mitläufer, die Revolution zu erfassen und sich mit ihr zu verschmelzen, ohne sich in ihr aufzulösen, die Revolution nicht nur als Elementarerscheinung, sondern als Zielprozess zu betrachten –, ist keineswegs ein individueller, sondern ein sozialer Zug. Die meisten Mitläufer gehören zu den „muschikierenden" Intellektuellen. Es ist aber so eine Sache, wenn die Intellektuellen die Revolution bejahen und sich auf den Muschik stürzen. Daher kommt es, dass die Mitläufer keine Revolutionäre sind, sondern in der Revolution ihr Unwesen treiben. Es bleibt qualvoll unverständlich, womit sie sich eigentlich aussöhnen – ob damit, dass sie den Ausgangspunkt einer beharrlichen Vorwärtsbewegung bildet, oder aber dass sie uns in gewisser Hinsicht zurückgeschleudert hat: denn es unterlaufen Tatsachen von beiderlei Kategorien mit dabei. Der Muschik versuchte bekanntlich den „Bolschewik" zu akzeptieren, aber den „Kommunisten" abzulehnen.1 Dies bedeutet eigentlich, dass der reiche Bauer auf dem Rücken des Mittelbauern sich an den Beutel der Geschichte und der Revolution heranmachte: nachdem er den Gutsbesitzer davon gejagt hatte, wollte er die Stadt stückweise auseinanderreißen und dem Staat den dicken Hintern zuwenden. Er braucht Petersburg nicht (wenigstens nicht für den Anfang), und wenn die Hauptstadt „krätzig wurde" (Pilnjak), so geschah es ihr nur recht. Nicht allein das Losgehen des Bauern auf den Gutsbesitzer – unermesslich bedeutsam, unschätzbar nach den historischen Folgen – aber auch das Losgehen des Muschiks auf die Stadt reihte sich als notwendiges Element in die Revolution ein. Das ist jedoch noch nicht die ganze Revolution. Die Stadt lebt und leidet. Lässt man die Stadt zerfleischen: wirtschaftlich – vom reichen Bauern, und künstlerisch vom Pilnjak, so bleibt nicht die Revolution übrig, sondern ein stürmischer und blutiger Rückwärtsprozess. Das bäuerliche Russland würde ohne die Leitung der Stadt nicht nur den Sozialismus nie erreichen, sondern keine zwei Monate standhalten und müsste als Dung oder Torf vom Weltimperialismus verschluckt werden. Sind das Fragen der Politik? Es sind Fragen der Weltanschauung und folglich auch Fragen der großen Kunst. Diese Fragen müssen näher behandelt werden. Vor kurzem noch spornte der Kritiker Tschukowski den Dichter Alexej Tolstoi zur Versöhnung an, zur Versöhnung mit dem revolutionären Russland oder mit dem Russland ungeachtet der Revolution. Das Hauptargument Tschukowskis war dasjenige, dass Russland ja das nämliche geblieben sei, und dass der russische Muschik seine Ikonen und seine Läuse für nichts in der Geschichte hergeben würde. Tschukowski sieht hinter dieser Frage offenbar einen gewaltigen Schwung des nationalen Geistes und ein Zeichen seiner Unausrottbarkeit. Die Erfahrung des Mannes, der eine Wanze im Brot für eine Rosine ausgegeben hat, wird von Tschukowski auf die ganze russische Literatur ausgedehnt. Die Wanze als „Rosine" des nationalen Geistes! Was ist das, wahrhaftig, für eine dreckige nationale Demut, und welche Verachtung des lebendigen Volkes! Glaubt denn Tschukowski selbst an Heiligenbilder? O nein, denn sonst hätte er sie nicht in einem Atemzug mit den Wanzen genannt, obwohl im Bauernhause die Wanzen hinter dem Heiligenbilde hausen. Da aber irgendwie Tschukowski mit seinen Wurzeln ganz in der Vergangenheit steckt und diese Vergangenheit sich auf dem mit Moos und Aberglauben bewachsenen Muschik hält, so setzt Tschukowski zwischen sich und der Revolution das alte nationale Ungeziefertier als versöhnendes Prinzip, Schmach und Schande! Schmach und Schande! Die Herren studierten Bücher (auf Kosten der Bauern), übten sich in Zeitschriften, erlebten verschiedene „Epochen" schufen Richtungen; als aber die Revolution im Ernst kam, da entdeckten sie die Stätte des nationalen Geistes im dunkelsten Wanzenloch der Bauernhütte. Tschukowski ist nur ungenierter, aber auch die anderen „Muschikierenden" neigen permanent zu einem primitiven, verwanzten.Nationalismus. Es ist unzweifelhaft, dass in der Revolution selbst sich Prozesse vollziehen, die mit diesem Nationalismus in verschiedenen Punkten in Berührung kommen. Der wirtschaftliche Niedergang, das Erstarken des Provinzialismus, die Revanche des Bauernbastschuhs an dem Stadtstiefel, der hausbereitete Schnaps – all das zerrt (man kann jetzt schon sagen: zerrte) zurück ins finstere Mittelalter. Parallel damit konnte man eine gewisse bewusste Wendung zum „Volkstümlichen" in der Literatur wahrnehmen. Die hohe Entwicklung des städtischen Gassenhauers bei Block („Die Zwölf"), die Volksweisen (bei der Achmatowa und viel manirierter bei der Zwetajewa), der Provinzialismus (W. Iwanow), das ziemlich mechanische Einflechten der Volksriten und Knüttelverse in die Erzählung bei Pilnjak – all das ist unzweifelhaft durch die Revolution hervorgebracht worden, d. h. dadurch, dass die Volksmasse so wie sie ist in den Vordergrund rückte. Man kann noch andere Äußerungen der Wendung zum „Nationalen" aufdecken, die noch kleiner, zufälliger und oberflächlicher sind. Z. B. in der Militäruniform: neben dem „French" und dem abscheulichen „Gallifet" sehen wir in der Roten Armee den alten Schützenkaftan und die Altheldenmütze. Auf anderen Gebieten hat die Mode infolge der allgemeinen Armut sich noch nicht offenbaren können, aber man kann mit einem gewissen Rechte auch hier eine wenn auch nicht sehr tiefgehende Vorliebe für volkstümliche Vorbilder feststellen. Die russische „Mode" war in weitem Sinne des Wortes eine ausländische Mode und galt nur für die besitzenden Klassen und bildete dadurch eine ziemlich scharfe Wasserscheide in der Gesellschaft. Das Hervortreten der Werktätigen als regierende Klasse musste unbedingt eine Reaktion gegen die Anlehnung an die bürgerlichen Vorbilder auf den verschiedenen Gebieten des Lebensalltags hervorrufen. Es ist vollkommen klar, dass eine wirtschaftliche Verschiebung in der Richtung des Bastschuhs, des selbstgemachten Strickes und des hausgefertigten Schnapses nicht eine soziale Revolution bedeutet, sondern eine wirtschaftliche Reaktion, d. h., ein Haupthindernis der Revolution. Für die bewusste Wendung zu der Vergangenheit und dem „Volkstümlichen" sind die wahrgenommenen Erscheinungen äußerst schwankend und oberflächlich. Es wäre unberechtigt, wollte man die Entwicklung einer neuen Literaturform von den städtischen Gassenhauern oder dem Bauernliede erwarten. Allzu viele Provinzialismen wird die Literatur ausspeien. Der Schützenkaftan ist aus Rücksichten der Tuchersparnis auch jetzt schon bedeutend internationalisiert. Die nationalen Eigentümlichkeiten des neuen sowjetrussischen Alltags und der neuen Kunst wird weniger demonstrativ aber viel tiefer sein und wird sich erst später offenbaren. Die Revolution bedeutet ihrem Wesen nach den eigentlichen Bruch des russischen Volkes mit Asien, mit dem 17. Jahrhundert, mit dem „heiligen Russland", mit den Ikonen und Wanzen; nicht eine Rückkehr in das mittelalterliche Russland sondern ein Teilhaftigmachen des ganzen Volkes an der Zivilisation, eine Umgestaltung, deren materielle Grundlagen den Interessen des Volkes entsprechen. Die Epoche Peters I. war bloß eine kleine Treppe zum historischen Aufstieg Oktoberrevolution und ging über den Oktober noch weiter. In diesem Sinne blickt Block tiefer als Pilnjak. Block besitzt die Tendenz der Revolution, sich in Formulierungen auszudrücken: „Schießen wir mal in das heilige Russland, das dreckige, das bäuerische, dickhintrige hinein!" Der Bruch mit dem 17. Jahrhundert, dem Russland der Bauernhütten ist für den Mystiker Block eine heilige Sache, ja sogar die Vorbedingung der Aussöhnung mit Christus. Dahinter steckt der Gedanke, dass dieser Bruch nicht von außen aufgedrängt, sondern ein Resultat der nationalen Entwicklung ist und seinen tiefsten Bedürfnissen entspricht. Ohne diesen Bruch würde das Volk in Fäulnis geraten. Denselben Gedanken über den nationalen Charakter der Revolution drückt ein interessantes Gedicht Brjussows über die Altweiberparks „Am Tauftage, im Oktober", aus: „Und am Platze", erzählt man allgemach - Wo der Kreml stand als Ziel, Da band man zum Spinnrock mannigfach Den Flachs ganz fest …" Was bedeutet eigentlich dieses „nationale Element"? Puschkin, der an Heiligenbilder nicht glaubte, und nicht mit Wanzen lebte, war nicht national? Unnational sei natürlich auch Belinski. Man kann noch manch einen aufzählen, selbst ohne die jetzige Zeit zu berühren. Laut Pilnjak war das Nationale im 17. Jahrhundert. Peter I. sei antinational. Also national sei nur das, was einen toten Ballast der Entwicklung darstellt, was den Geist der Entwicklung angehaucht hat, was der nationale Organismus in den vorhergehenden Jahrhunderten verarbeitet hat. National sind also nur die Exkremente der Geschichte. Wir meinen das Gegenteil. Der Barbare Peter war nationaler als seine bärtige und farbenfrohe Vergangenheit, die ihm widerstand. Die Dekabristen sind nationaler als die offizielle Staatlichkeit Nikolaus I. mit ihrem leibeigenen Muschik, den offiziellen Ikonen und den Wanzen. Der Bolschewismus ist nationaler als die monarchistische und sonstige Emigration, der Reitergeneral der Roten Armee, Budjonni, ist nationaler als der Weißgardist Wrangel, was da die Ideologen, Mystiker und Poeten der nationalen Exkremente auch sagen mögen. Das Leben und die Bewegung der Nation vollziehen sich durch Widersprüche, die in Klassen, Parteien und Gruppen verkörpert sind. Das Nationale fällt in seiner Dynamik mit dem Klassenmäßigen zusammen. Die Nation zerbricht in allen kritischen, d. h. verantwortlichsten Etappen ihrer Entwicklung in zwei Hälften; – national ist dabei das, was das Volk auf eine höhere wirtschaftliche und kulturelle Stufe hebt. Die Revolution entsprang dem „nationalem Element", aber das bedeutet keinesfalls, dass in der Revolution nur das Elementare lebensfähig oder national ist, wie es bei den Dichtern erscheint, die die Revolution aufgenommen haben. Für Block ist die Revolution eine empörte Elementarkraft: „Wind, Wind, in der ganzen Welt Wind!" W. Iwanow erhebt sich fast nicht über das Bauernelement. Für Pilnjak ist die Revolution ein Schneegestöber. Für Klujew, Jessenin – ein Putsch, wie derjenige eines Pugatschew oder Stenka Rasin.2 Element, Wirbel, Flamme, Sturm, Sausen! Tschukowski aber, derselbe, der sich mit der Wanze abfinden will, erklärt, die Oktoberrevolution sei nicht die richtige, da ihr die Flamme fehle. Und selbst der Phlegmatiker und Snob Samjatin stellte bei unserer Revolution einen Mangel an Temperatur fest. Wir haben da eine ganze Stufenleiter: von der Tragödie bis zur Buffonersie. Aber im Grunde genommen steckt hier und dort ein passiv beschauliches, spießig romantisches Verhalten zu der Revolution als empörtem nationalem Element. Aber die Revolution ist keineswegs ein Wirbelwind. Dem bäuerlichen Revolutionselement ent[sprechend Pugatschow, Rasin und teilweise auch]3 Machno4, der revolutionären Natur der Stadt der Priester Gapon, zum Teil Chrustaljew5 und sogar Kerenski. Das ist jedoch noch nicht die Revolution, sondern Aufruhr oder Aufruhr im Aufruhr, wie die Kerenskiade. Die Revolution bedeutet vor allem den Kampf der Arbeiterklasse um die Macht, um die Statuierung der Macht, um die Umgestaltung der Gesellschaft. Sie passiert ihren höchsten Gipfel, ihre schärfsten Paroxismen, aber eigentlich und ungeteilt bleibt sie in ihrem ganzen Verlauf von ihren ersten schüchternen Anfängen bis zum idealen Schlussakkord, wo der von der Revolution organisierte Staat sich in der kommunistischen Gesellschaft aufgelöst haben wird. Die Poesie der Revolution ist nicht zu suchen im Maschinengewehrschießen und nicht in den Barrikadenkämpfen und nicht im Heroismus der Gefallenen und nicht im Triumph des Siegers, denn alle diese Momente sind auch im Kriege der Gewalt enthalten, – auch dort fließt Blut, knattern (sogar reichlicher noch) die Maschinengewehre, gibt es Besiegte und Sieger. Das Pathos der Revolution und ihre Poesie bestehen darin, dass die neue revolutionäre Klasse sich alle diese Kampfmittel untertänig macht und im Namen der neuen Ziele, die den Menschen erweitern und bereichern, die den neuen Menschen wandeln, den Kampf gegen die alte Welt führt, fällt und sich erhebt, bis sie gesiegt hat. Die Poesie der Revolution ist synthetisch, sie lässt sich nicht in Kleingeld einwechseln für den vorübergehenden Gebrauch der Sonettenschreiber. Die Poesie der Revolution ist nicht leicht transportabel, sie ist im schwerfälligen Kampf der Arbeiterklasse, in ihrem Wachstum, in ihrer Beharrlichkeit, in ihren Niederlagen, in ihren wiederholten Versuchen, in den grausamen Energievergeudungen, die jeder eroberte Schritt kostet, in dem sich daraus ergebenden Willen und der Spannung des Kampfes, im Triumph der Sieger, aber auch im berechneten Rückzug, im Abwarten, im Vordringen, im elementaren Anwachsen des Massenaufstandes, in dem genauen Abschätzen der Kräfte und in dem schachzugmäßigen Gang der Strategie. Die Revolution nimmt ihren Anfang mit dem ersten Karren, auf dem die rabiat gewordenen Sklaven ihren Aufseher aus dem Betriebe fahren, mit dem ersten Streik, wo sie dem Unternehmer ihre Arbeitskraft verweigern; mit dem ersten illegalen Zirkel, wo utopische Phantastik und revolutionärer Idealismus aus der Realität der sozialen Wunden genährt werden. Sie verläuft in Ebbe und Flut, die von den Intervallen der ökonomischen Konjunktur, dem Aufschwung und den Krisen geregelt werden. Mit dem Mörser blutender Körper schlägt sie sich den Ausgang zu der Arena der ausbeuterischen Legalität, steckt ihre Fühler hinein und versteht es sogar, im Bedarfsfall Schutzfarben anzunehmen. Sie baut Gewerkschaften, Versicherungskassen, Genossenschaften, Selbstbildungsvereine, Sie dringt in die feindlichen Parlamente, gründet Zeitungen, agitiert und trifft zugleich unermüdlich die Auslese aller besten, unerschrockenen, geweihten Elemente der Arbeiterklasse und – baut ihre Partei. Die Streiks führen öfter zu Niederlagen als zu halben Siegen; die Demonstration wird von neuen Opfern, neuem Blute markiert. Aber all das sind Kerben im Gedächtnis der Klasse, durch sie erstarkt und stählt sich der Bund der Auserwählten, die Partei der Revolution. Sie wirkt sich nicht aus auf der leeren geschichtlichen Arena, und deshalb steht es ihr nicht frei, sich Wege und Termine auszusuchen. Die Verhältnisse zwingen ihr entscheidende Aktionen auf, noch bevor sie die Möglichkeit erhalten hat, dafür genügend Kräfte zu sammeln: das ist 1905. Von der Höhe herab, auf die sie durch den selbstlosen Mut und die Klarheit der Ziele getragen wird, ist sie verurteilt, hinabzustürzen – aus Mangel organisierter Unterstützung der Massen. Die Früchte jahrelanger Bemühungen werden ihren Händen entrissen. Die Organisation, die soeben noch allmächtig zu sein schien, ist zerschlagen, zersplittert. Die besten Elemente werden vernichtet, eingekerkert, auseinandergejagt, zerstreut. Es sieht so aus, als ob ihr Ende gekommen wäre. Da stellen die Dichterlein, die im Moment des vorübergehenden Triumphes pathetisch um sie klimperten, ihre Leier auf einen pessimistischen Ton um. Das Proletariat selbst scheint entmutigt und demoralisiert zu sein. Aber letzten Endes markiert sich in seinem Bewusstsein eine neue, höchst wichtige Kerbe, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. So wird die Niederlage eine Stufe zum Siege. Neue Anstrengungen mit knirschenden Zähnen, neue Opfer – die Avantgarde sammelt Schritt um Schritt ihre zerstreuten Reihen, fesselt an sich die besten Elemente der neuen Generation, die durch die Zerschmetterung der alten Generation geweckt worden sind. Die verblutete, aber nicht besiegte Revolution lebt weiter im dumpfen Hass der unterdrückten und getrennten Arbeiterviertel und Dörfer. Sie lebt weiter im klaren Bewusstsein einer wenig zahlreichen, aber schon erprobten alten Garde, die ohne vor der Niederlage zurückgeschreckt zu sein, diese sofort mit in Rechnung zieht, analysiert, bewertet, erwägt, neue Stützpunkte bestimmt, die allgemeine Richtlinie der Entwicklung aufdeckt und den Weg markiert. Fünf Jahre nach der Niederlage dringt die Bewegung von neuem durch, in der Frühlingswelle von 1912. Die aus den Revolutionen erwachsene materialistische Methode, die die Möglichkeit gibt, die Kräfte zu bemessen, ihre Veränderungen vorauszusehen und im Rahmen dieser Voraussicht die Geschehnisse zu lenken, ist die höchste Errungenschaft der Revolution und zugleich auch ihre höchste Poesie. Die Streikwelle wächst in unabwendbarer Planmäßigkeit an; man fühlt sofort hinter ihr eine Basis der Massen und der Erfahrung, viel tiefer als es 1905 der Fall war. Doch der Krieg, der gesetzmäßig aus der ganzen vorhergehenden Entwicklung entstanden und ebenfalls vorausgesehen worden ist, unterbricht die Linie der wachsenden Revolution. Der Nationalismus überschwemmt sie; die polternde Soldateska drückt den Willen der Nation aus, der Sozialismus scheint für ewig begraben zu sein. Aber gerade im Moment des scheinbar tiefsten Sturzes formuliert die Revolution ihre verwegenste Prognose, nämlich die Überleitung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg und die Machteroberung durch die Arbeiterklasse. Beim Geratter der Artillerietanks auf den Landstraßen und dem in allen Sprachen gleich klingenden Geheul des Chauvinismus sammelt die Revolution ihre Kräfte, in den Schützengräben, in den Betrieben, auf dem flachen Lande. Die Volksmassen erfassen zum ersten Mal mit unerträglicher Schärfe die innere Verbindung der geschichtlichen Ereignisse. Der Monat Februar 1917 bringt in Russland einen bedeutenden Sieg der Revolution. Aber zugleich sieht dieser Sieg nach einer vernichtenden Verdammung der revolutionären Ansprüche des Proletariats aus, die sowohl verderblich als hoffnungslos erscheinen. Es beginnt die Zeit der Kerenski, Zeretelli, der revolutionären patriotischen Leutnants und Obersten, der geschwätzigen, schielenden, qualmenden, dämlichen und schmierigen Tschernow-Politik. O, die seligen Gesichter der jungen Dorflehrer und der neuen Gemeindeschreiber unter den Tenortönen des Awksentjew! O, das revolutionäre Uterusgelächter der Demokratie und dann das wahnwitzige Geheul ihrerseits als Antwort auf die Reden des „verschwindenden Häufleins" Bolschewiki! Und dennoch war der Zusammenbruch der ganzen Zirkusherrlichkeit der „revolutionären Demokratie" vorausbestimmt durch ein tiefes Wechselverhältnis der Kräfte, durch die heranreifenden Stimmungen der Massen, durch die Voraussicht und die Aktion der revolutionären Vorhut. Die Poesie der Revolution lag nicht allein im elementaren Anwachsen der Oktoberflut, sondern auch in dem klaren Bewusstsein und intensiven Willen der leitenden Partei. Im Juli, als wir geschlagen, auseinandergejagt, eingekerkert, zu Spionen der Hohenzollern gestempelt wurden, als man uns Feuer und Wasser entzog, als die Presse der Demokratie uns mit Grabhügeln der Verleumdungen überschüttete, da fühlten wir uns – in der illegalen Arbeit und in den Gefängnissen, als Sieger und Herren der Situation. In dieser vorausbestimmenden Dynamik der Revolution, in ihrer politischen Geometrie ist ihre höchste Poesie. Der Oktober kam lediglich als Vollendung und brachte sofort unermessliche neue Aufgaben und unermessliche Schwierigkeiten mit sich. Der weitere Kampf erforderte die ganze Mannigfaltigkeit der Methoden und Mittel: sowohl den tollen rotgardistischen Ansturm wie die abwartend ausweichende Formel: „Weder Krieg noch Frieden" und die vorübergehende Kapitulation vor dem Ultimatum des Feindes. Aber auch in Brest-Litowsk, als die Partei der Revolution zuerst den Hohenzollern den Frieden verweigerte und dann ihn ungelesen unterzeichnete, fühlte sie sich nicht besiegt, sondern als die kommende Herrin der Situation. Sie half der revolutionären Logik der Ereignisse mit ihrer diplomatischen Pädagogik nach. Der November 1918 war die Antwort darauf. Historische Voraussicht kann natürlich keinen Anspruch erheben auf mathematische Genauigkeit. In dem einen Fall über-, in dem andern unterschätzt sie. Aber der bewusste Wille der Avantgarde wird zum immer wachsenden Faktor in der Mechanik der Kräfte, die die Zukunft vorbereiten. Die Verantwortlichkeit der Revolutionspartei vertieft und kompliziert sich. Die Partei dringt mit ihren Organen in die Tiefe des Volkes, fühlt, tastet, wertet, sagt voraus, bereitet vor, lenkt. Freilich, in dieser Periode tritt sie den Rückzug öfter an als den Vormarsch. Aber ihre Rückzüge ändern die allgemeine Richtlinie ihrer historischen Handlungen nicht. Das sind bloß Episoden, Krümmungen einer großen Straße. Ist die Nep „prosaisch"? Und ob! Die Teilnahme an der zaristischen Duma, die Unterordnung unter die Präsidentenglocke der Menschewisten Tschcheidse und Dan im ersten Sowjet, die Verhandlungen mit von Kühlmann in Brest-Litowsk sind ebenfalls alles andere als entzückend. Aber die Duma ging zum Teufel, Tschcheidse und Dan liegen auf dem Rücken, – ebenso von Kühlmann und sein Gebieter … Die Nep ist gekommen. Wie sie gekommen ist, wird sie auch gehen. Der Künstler, für den die Revolution ihr Aroma verliert, weil sich ihr die Düfte des Trödelmarktes in Moskau beimischen, ist ein leerer Schlauch und ein Dreck. Er wird – unter den sonstigen gegebenen Verhältnissen erst dann zum Dichter der Revolution werden, wenn er es lernen wird, sie in ihrer Ganzheit zu erfassen, ihre Niederlagen als Stufen zum Siege zu bewerten, wenn er in die Planmäßigkeit ihrer Rückzüge eindringen wird und in der angespannten Vorbereitung der Kräfte in der Periode der elementaren Ebbe das unsterbliche Pathos der Revolution und ihre Poesie zu finden wissen wird. Die Oktoberrevolution ist tief national und ist nicht nur eine Elementarkraft, sondern eine Akademie der Nationen. Die Kunst der Revolution muss diese Akademie durchmachen, und das ist ein sehr schwerer Kursus. Ihrer bäuerlichen Grundlage nach ist die russische Revolution, ganz abgesehen von ihren unermesslichen Dimensionen und ihrer kulturellen Rückständigkeit, die chaotischste und formloseste aller Revolutionen, Aber ihrer Leitung nach, ihrer Orientierungsmethode, ihrer Organisation, ihren Zielen und Aufgaben nach ist sie die „richtigste", die durchdachteste und vollendetste aller Revolutionen. In der Kombination dieser beiden Extreme ist die Seele unserer Revolution, ihr inneres Gepräge enthalten … Tschukowski, der das ausspricht, was die Vorsichtigeren bloß denken, hat in seinem Büchlein über die Futuristen den Grundmangel der Oktoberrevolution beim Namen genannt: „Äußerlich stürmisch, katastrophisch, aber eigentlich – berechnend, zerebral, vorsichtig". Eine Revolution, die bloß stürmisch, bloß katastrophisch wäre, hätten sie letzten Endes anerkannt und würden sogar (sie selber oder ihre direkten Nachkommen) ihre Geneaologie von ihr ableiten mögen, denn eine nicht berechnende und nicht zerebrale Revolution hätte die Sache nie bis zum Ende, d. h. bis zum Siege der Ausgebeuteten über die Ausbeuter, geführt und hätte niemals die materielle Basis unter der schmarotzenden und ausgehaltenen Kritik untergraben. In allen früheren Revolutionen war die Masse sowohl stürmisch als auch katastrophisch, aber berechnend und vorsichtig war die Bourgeoisie auf ihre Kosten und erntete infolgedessen auch die Früchte des Sieges. Eine solche Revolution, wo die Massen Enthusiasmus, Selbstaufopferung, aber keine politische Berechnung offenbaren, würden die Herren Ästheten, Romantiker, Elementaristen, Mystiker, scharwenzelnde Kritiker mit Leichtigkeit akzeptiert und nach feststehendem romantischen Ritual heilig gesprochen haben. Eine zerschmetterte Arbeiterrevolution hätte die großmütige, ästhetische Anerkennung seitens der Kunst gefunden, die als Nachzüglerin des Siegers angefahren gekommen wäre. Eine sehr tröstliche Perspektive, beileibe! Aber uns ist eine siegreiche Revolution lieber, selbst wenn sie auf die künstlerische Anerkennung seitens der Kunst verzichten muss, die jetzt mit den Besiegten zieht. Herzen sagte einmal, die Hegelsche Lehre sei die Algebra der Revolution. Dieser Ausspruch kann mit viel mehr Recht noch auf den Marxismus übertragen werden. Die marxistische Dialektik des Klassenkampfes ist die wahre Algebra der Revolution. Auf der mit unbewaffnetem Auge sichtbaren Arena herrscht Chaos, Hochflut, Formlosigkeit und Uferlosigkeit. Aber dieses Chaos ist berechnet und ermessen. Seine Etappen sind vorausgesehen. Die Gesetzmäßigkeit deren Aufeinanderfolge ist vorausbestimmt und in eherne Formeln gebracht. In elementarem Chaos ist der Abgrund der Blindheit. Aber in der leitenden Politik ist Hellsicht und Wachsamkeit. Die Revolutionsstrategie ist nicht formlos wie eine Elementargewalt, sondern vollendet wie eine mathematische Formel. Zum ersten Mal in der Geschichte nehmen wir die Revolutionsalgebra in Aktionen wahr. Gerade dieser grundlegende Zug, der nicht vom Dorfe her, sondern von der Industrie, von der Stadt, von ihrer höchsten Entwicklung ausgeht, die Klarheit, Realität, physische Kraft des Denkens, die erbarmungslose Konsequenz, die Prägnanz und Festigkeit der Linien, – dieser Grundzug der Oktoberrevolution bleibt ihren künstlerischen Mitläufern fremd. Deshalb sind sie nur Mitläufer, Und das muss ihnen gesagt werden – eben im Interesse der Klarheit und Prägnanz der Revolution. 1 „Nieder mit den Kommunisten, es leben die Bolschewiki!" war eine Zeitlang während der Revolution die Parole der Bauern: in ihrer Vorstellung hatten die Bolschewiki ihnen den Grund und Boden gegeben; die Kommunisten aber ordneten die Zwangserfassung des Getreides an. Anm. d. Übers. 2 Führer von Bauernaufständen im 17. und 18. Jahrhundert. Anm. d. Übers. 3 Im Text ist eine Zeile doppelt, eine andere fehlt – sie ist hier angelehnt an die Ausgabe von 1968 ergänzt. 4 Konterrevolutionärer Kosakenführer in der Ukraine 1920. Anm. d. Übers. 5 Vorsitzender (zusammen mit Trotzki) des ersten Petrograder Sowjets 1905. Anm. d. Übers. |