Leo Trotzki: Karl Liebknecht – Hugo Haase [„Krieg und Revolution", Band 2. Eigene Übersetzung nach dem russischen Text in Л. Троцкий. Сочинения. Том 8. Перед историческим рубежом. Политические силуэты. Москва-Ленинград, 1926, verglichen mit der französischen und englischen Übersetzung] Liebknecht war nicht in Zimmerwald - er war bereits ein Gefangener der Hohenzollern-Armee, bevor er ein Gefangener des Gefängnisses1 wurde, aber sein Name wurde auf der Konferenz mehr als einmal ausgesprochen. Er wurde ein Markenname in dem Kampf, der den europäischen und dann den amerikanischen Sozialismus zerriss. Liebknecht war unsere wichtigste Stütze: ein lebendiges Argument, ein Vorbild und ein Modell in der kritischen Kampagne gegen den Sozialpatriotismus in den Entente-Ländern. Auf der anderen Seite zitierten französische und russische Sozialpatrioten mit unnachahmlicher Schamlosigkeit Liebknechts Reden mehr als einmal als Beweis für die Verbrechen des deutschen Militarismus und die moralische Korrektheit der Entente-Regierungen. Sie sangen in dieser Hinsicht nur mit der kapitalistischen Presse. Karl Liebknecht kannte ich seit vielen Jahren, obwohl ich ihn vergleichsweise selten traf: expansiv, leicht entflammbar, hob er sich vor dem Hintergrund der feierlichen, unpersönlichen und gleichgültigen Parteibürokratie ab. Selbst durch sein Aussehen, vor allem durch seine vollen Lippen und dunklen lockigen Haare, die ihn wie einen „Ausländer" aussehen ließen, war Liebknecht, obwohl er ein reinblütiger Deutscher war, immer ein halber Fremder im Haus der deutschen Sozialdemokratie mit ihrer inneren Mäßigung und ständigen Kompromissbereitschaft. Er war kein Theoretiker. Er entwickelte keine unabhängige Bewertung der historischen Entwicklung, er beschäftigte sich nicht mit der theoretischen Voraussicht des morgigen Tages, aber sein echter und zutiefst revolutionärer Instinkt führte ihn immer durch dieses oder jenes Schwanken hindurch auf den richtigen Weg. Bebel kannte Karl Liebknecht von Kindheit an und behandelte ihn bis zu seinem Tod als Jugendlichen2 oder als jungen Mann – etwa so, wie Wilhelm Liebknecht Bebel selbst lange Zeit behandelte. Bei empörten Protesten Karls gegen die opportunistische Politik der Partei oder ihrer einzelnen Teile war3 Bebel nicht ohne ironische Sympathie, indem er leicht die Ecke seines dünnen Mundes bewegte, aber er gab Karl keinen Platz. Und Bebels Wort war fast bis zu seinem Tod in der Partei von entscheidender Bedeutung. Liebknecht war ein echter Revolutionär und ein aufrichtiger Internationalist. Er widmete den Verbindungen und Interessen, die außerhalb der deutschen Partei4 lagen, viel Zeit und Energie. Er war eng mit russischen und polnischen Revolutionären verbunden, mit einigen durch persönliche Freundschaft, mit vielen durch persönliche Hilfe. Einige Zeit nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er eine Russin. Die Ereignisse der russischen Revolution [1905] steckten ihn ungeheuer an. Er durchlebte den Sieg der Konterrevolution mit uns. Er fand in gewisser Weise den Ausgang für seine revolutionäre Energie in seiner Arbeit unter der Jugend und in antimilitaristischer Propaganda. Die Führer der Partei verhielten sich sehr übelwollend zu dieser unruhigen Tätigkeit. Die Staatsanwaltschaft richtete ihre Aufmerksamkeit auf sie. Die Konfrontation mit dem deutschen Gericht verlieh Liebknecht die nötige Kampfstählung5 und die Möglichkeit, den durchschnittlichen deutschen Parteibürokraten deutlicher zu sehen und einzuschätzen, der wütend die Zähne gegen den Verrückten fletschte, der das friedliche, sorglose Leben zu stören drohte. Liebknecht kochte und empörte sich, nicht um seiner selbst, sondern um der Partei willen. So begegnete Liebknecht dem großen Krieg. Zunächst hat ihn die entstandene Lage natürlich verwirrt. Einige Wochen lang suchte er nach Wegen – dann fand er sie und verließ sie bis zum Ende nicht. Er wurde auf dem Posten des Bürgerkriegskämpfers getötet – zwischen einer Barrikade und der nächsten – lange bevor es ihm gelang, der Revolution alles zu geben, was er ihr geben konnte. Aber seine unvergleichliche moralische Persönlichkeit hat sich während des Krieges vollständig entwickelt. Sein Kampf gegen das triumphierende, allmächtige, siegreiche, unverschämte Hohenzollernsoldatentum, gegen das lakaienhaft-selbstzufriedene, unterwürfig-niederträchtige Parteispießertum, das gegen ihn die Reißzähne bleckte, wird für immer ein Vorbild schönen moralischen Heldentums bleiben. Der Name Karl Liebknecht wird in den Jahrhunderten unweigerlich ein Echo finden. Auch Hugo Haase war nicht in Zimmerwald, obwohl Gerüchte, die der Konferenz vorausgingen, von seiner Ankunft sprachen. Die Konferenz hat dadurch nicht viel verloren, da es unwahrscheinlich ist, dass Haase ihr etwas geben konnte, was Ledebour ihr nicht gegeben hat. Über Hugo Haase muss man hier ein paar Worte sagen. An der Spitze der gemäßigten sozialdemokratischen Opposition während des Krieges stand der „Führer"6 der Partei, den Bebel schon einige Jahre vor seinem Tod fast offiziell zu seinem Stellvertreter gekrönt hatte. Haase war ein Provinz-Rechtsanwalt in Königsberg, ohne große Breite des Gesichtskreises, ohne viel politisches Temperament, aber auf seine Art ehrlich und der Sache der Partei ergeben. Als Redner war er trocken, nicht originell, mit einer harten Königsberger Aussprache. Schriftsteller war Haase überhaupt nicht. Zu Beginn des Jahrhunderts, als er noch in Königsberg lebte, war er, soweit ich mich erinnere, an Kants Philosophie interessiert, aber es scheint, dass diese Begeisterung keine Spuren hinterließ. Wie Liebknecht hatte auch Haase sehr enge Beziehungen zu den russischen Revolutionären: über Königsberg liefen viele konspirative Wege, durch die Emigranten und illegale Literatur nach Russland eindrangen, und als die deutsche Polizei eine Kampagne gegen den revolutionären Schmuggel eröffnete (1903), hielt Haase eine Rede als der energischste Verteidiger der russischen Revolutionäre. Bebel wählte Haase aus. Der Alte fühlte sich unzweifelhaft von Haases Idealismus angezogen – nicht von einem breiten revolutionären Idealismus, den Haase nicht hatte, sondern von einem engeren, persönlicheren und alltäglicheren, zum Beispiel der Bereitschaft im Namen der Parteiinteressen, die wohlhabende Anwaltspraxis in Königsberg aufzugeben – eine Eigenschaft, die bei den Führern der sozialdemokratischen Bürokratie nicht so häufig vorkommt. Von dieser Gott weiß wie heldenhaften Bereitschaft Haases, seine gut gehende Praxis zugunsten der Parteiarbeit in Berlin zu opfern sprach Bebel – zur großen Verlegenheit der russischen Revolutionäre – selbst in seiner Rede auf dem Parteitag, anscheinend in Jena, als er Haase eindringlich für den Posten des zweiten Vorsitzenden des Zentralkomitees der Partei empfahl. Sanft und aufmerksam in persönlichen Beziehungen blieb Haase in der Politik bis zum Ende, was er von Natur aus war: ein ehrliches Mittelmaß7, ein provinzieller Demokrat ohne theoretischen Gesichtskreis und revolutionäres Temperament. In jeder kritischen Lage war er geneigt, von unwiderruflichen Entscheidungen abzusehen, auf halbe Maßnahmen und Abwarten zurückzugreifen. Es ist nicht überraschend, dass die Partei des Unabhängigen ihn unter ihre Führer wählte. Auf diesem Posten starb er. 1In der französischen Übersetzung: „Staatsgefangener“ 2Fehlt in der französischen Übersetzung 3In der französischen Übersetzung: „unterstützte sie“ 4In der französischen Übersetzung: „Sozialdemokratie“ 5In der französischen Übersetzung: „Kampfinstinkt“ 6In der englischen und französischen Übersetzung: „wurde zum Führer“ – aber er war ja schon seit Singers Tod gemeinsam mit Bebel und seit Bebels Tod gemeinsam mit Ebert Parteichef. Was neu war, war, dass er zugleich Führer der gemäßigten innerparteilichen Opposition war. 7 In der französischen Übersetzung fehlt „ein ehrliches Mittelmaß“ |
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