Leo Trotzki: „Linke" und „Zentrum" in der deutschen Sozialdemokratie [„Nasche Slowo", Nr. 137, 11. Juli 1915, eigene Übersetzung nach dem russischen Text, Л. Троцкий: Война и революция. Крушение второго интернационала и подготовка третьего. Том II. Петроград 1922, стр. 256-258, verglichen mit der französischen Übersetzung] Nachdem die „Internationale", das Organ von Luxemburg und Mehring, nach dem ersten Heft zu existieren aufhörte, sind als einzige Propagandazeitschrift die „Lichtstrahlen" übrig geblieben. Versuche der Redaktion, von einer monatlichen Publikation zu einer wöchentlichen zu wechseln oder zumindest das Format des monatlichen Heft zu vergrößern, scheiterten beide am Verbot der Militärmacht. In der Dunkelheit der nationalen Einheit können „Lichtstrahlen" nicht mehr als 24 Seiten pro Monat beanspruchen. Im Juli-Heft der „Lichtstrahlen" wird verspätet1 – wie die Redaktion sagt – ein Artikel über das „Zentrum" in der Partei abgedruckt. Der Artikel beschreibt die Gruppen, die in der deutschen Sozialdemokratie vor dem Krieg existierten, und kritisiert die organisatorische Stagnation des Zentrums um Kautsky: „Dann brach der Weltkrieg aus und erwischte die Arbeiterklasse völlig unvorbereitet. Unter den Führern waren die Opportunisten viel stärker als gedacht. Sie haben die Verantwortung für den Krieg übernommen. Und wie haben sich die Anhänger Kautskys, das Zentrum der Partei, verhalten? Ideologisch völlig verwirrt, hatten sie nur einen Gedanken, der die Triebfeder ihres Verhaltens war: die Organisation vor allen Gefahren zu schützen. Während das Zentrum der Partei Hand in Hand mit den Sozialimperialisten ging, unterschied es sich von ihnen nur durch den Traum, dass es nach dem Krieg möglich sein würde, das alte Lied von vorne zu beginnen, während die Opportunisten ganz richtig sagten: Aus der Politik des 4. August wird man alle Konsequenzen ziehen müssen. „In der heutigen Zeit ist die Partei vom Kampf zerrissen, mehr denn je in ihrer gesamten Geschichte. Die Unmöglichkeit, offen über Meinungsverschiedenheiten zu sprechen, verschlimmert die Lage nur. Die Widersprüche betreffen nicht nur die Einschätzung des Weltkriegs und die zukünftige Politik der Sozialdemokratie. Sie bestehen im Unterschied zwischen den Handlungen der sozial-imperialistischen Rechten, die jetzt sowie für die Zukunft die nationale Zusammenarbeit in allen Bereichen verteidigt, was von der wachsenden Linken mit jedem Tag bekämpft wird, die in all diesen Fragen in Agitation und Praxis die 2entgegengesetzte Antwort gibt. Erstere versucht an bestimmten Orten3, die Linke aus der Partei zu drängen. Was macht das Zentrum der Partei? Er verteidigt im Wesentlichen die Politik der Rechten. Er beklagt „Exzesse", sowohl der Rechten als auch der Linken, propagiert die Toleranz, wärmt alte Hoffnungen auf, dass der Imperialismus von seinen „gefährlichen Tendenzen" geheilt werden könne. Wenn Kautsky und seine Anhänger sich von Zeit zu Zeit über die Produkte der Politik der Rechten ärgern, wenn sie ihre Bereitschaft versichern, die alten Prinzipien zu bewahren, dann verschärft das nur das Chaos. Besonders viele Argumente liefert Kautsky jenen Elementen der Partei, die sich selbst in diesem Weltsturm nicht aus der Ruhe bringen lassen wollen. Angesichts der großen Autorität, die Kautsky als der prominenteste Popularisator von Marx' Ideen unter den arbeitenden Massen genießt, verzögert er den Prozess der ideologischen Verständigung. „Angesichts dessen ist kein Kampf gegen die Rechten ohne einen gleichzeitigen Kampf gegen Kautskys Ansichten möglich. Der Kampf gegen ihn ist kein Kampf im Lager des Marxismus, er ist keine Spaltung der Linken. Das ist ein Kampf für die Anwendung marxistischer Prinzipien in der gegenwärtigen historischen Epoche, ein Kampf für die Vereinigung aller linken Elemente der Partei, von denen einige unter dem Einfluss von Kautskys Autorität zwischen der Linken und der Rechten schwanken, in Worten sich den Rechten widersetzen, sie in Taten unterstützen.“4 Bekanntlich war es dieser entschiedene Kampf der Linken, der Kautsky aus dem Zustand des ruhigen Quietismus, in dem er sich seit Beginn des Krieges befand, heraus geholfen hat. Das von ihm unterzeichnete Manifest hat trotz aller Beschränkungen seines politischen und vor allem taktischen Inhalts – in gewisser Weise aufgrund dieser Beschränkung – der Politik des „offiziösen Behagens" einen unheilbaren Schlag versetzt, deren Theoretiker während des gesamten Krieges Kautsky war. Die Stellung des Zentrums ist politisch unwiderruflich kompromittiert. Das Manifest von Bernstein, Haase und Kautsky diente als unbestreitbarer Anstoß für das Denken breitester Parteikreise. Doch als nur zaghafter erster Schritt aus dem nationalen Block drängt das mit dem autoritativen Namen Kautsky unterzeichnete Manifest nicht nur vorwärts, sondern hält auch von „Exzessen" ab, d. h. von zwingenden taktischen Schlussfolgerungen aus revolutionär-internationalistischen Prämissen. Deshalb hat der Kampf der Linken gegen das Zentrum in Deutschland noch bei weitem nicht sein letztes Wort gesagt. Die Arbeitermassen werden um so früher aus der ideologischen Bevormundung des ideenlosen Zentrums herauskommen und selbst viele und viele Führer mitziehen5, je entschiedener und prinzipientreuer die Linke ihre kritische und Propagandaarbeit machen wird. 1In der französischen Übersetzung ist nicht der Artikel, sondern das ganze Juli-Heft verspätet. 2In der französischen Übersetzung eingefügt „diametral“ 3In der französischen Übersetzung fehlt: „an bestimmten Orten“ 4 „Das Zentrum der Partei“, in: „Lichtstrahlen. Bildungsorgan für denkende Arbeiter“, 2. Jahrgang, Nr. 13, 4. Juli 1915, S.257-260, hier S. 259 f. „Da brach der Weltkrieg aus und traf die Arbeiterklasse vollkommen unvorbereitet. Innerhalb der Führer erwiesen sich die Opportunisten viel stärker, als man angenommen hatte. Sie übernahmen die Verantwortung für den Krieg. Und wie verhielten sich dabei die Anhänger Kautskys, das Zentrum der Partei? Geistig vollkommen desorientiert, hatten sie nur den einen Gedanken, der schon früher die Triebkraft ihrer Haltung bildete: die Organisation keinen Gefahren auszusetzen. Indem das Zentrum der Partei mit den Sozialimperialisten Hand in Hand ging, unterschied es sich von ihnen nur dadurch, dass es in dem Wahn lebte, nach dem Krieg das alte Lied von Neuem singen zu können, während die Opportunisten ganz richtig erklärten: man werde genötigt sein, aus der Politik des 4. August die Konsequenzen zu ziehen. Die Partei wird jetzt von einem Kampfe aufgewühlt, wie in keiner Epoche ihrer Geschichte. Die Unmöglichkeit, die Gegensätze offen zu besprechen, verschärft die Situation. Die Gegensätze beziehen sich nicht nur auf die Beurteilung des Weltkrieges und der zukünftigen Politik der Sozialdemokratie. Sie bestehen in der Verschiedenheit der Taten. Einer sozialimperialistischen Rechten, die jetzt die nationale Mitarbeit auf allen Gebieten befürwortet und sie auf die Zukunft übertragen will, stellt sich entgegen eine mit jedem Tage an Einfluss zunehmende Linke, die auf alle diese Fragen agitatorisch und praktisch die entgegengesetzte Antwort gibt. Die Rechte versucht an einzelnen Orten die Linke direkt aus der Partei hinauszudrängen. Was tut das Parteizentrum? Es verteidigt im Grunde die Politik der Rechten. Es lamentiert dabei über die „Heißsporne“, die „Exzesse“ von Rechts und Links, propagiert die Toleranz, wärmt die alten Hoffnungen auf, dass man den Imperialismus von seinen „gefährlichen Tendenzen“ kurieren könne. Dass dabei Kautsky und seine Anhänger von Zeit zu Zeit an einzelnen Produkten der Politik der Rechten nörgelt (sic!), dass sie beteuern, die alten Grundsätze behalten zu wollen, verschlimmert noch das Chaos. Kautsky besonders liefert den Elementen der Partei Argumente, die selbst in diesem Weltsturme sich aus der Ruhe nicht aufscheuchen lassen. Bei der großen Autorität, die er als angesehenster Popularisator der Gedanken von Marx in den Arbeitermassen besitzt, hemmt er den Prozess der Klärung. Angesichts dessen ist kein Kampf gegen die Rechte möglich, ohne gleichzeitigen Kampf gegen die Auffassungen des Genossen Kautsky. Der Kampf gegen ihn ist kein Kampf im Lager des Marxismus, keine Spaltung der Linken. Es ist ein Kampf um die Anwendung der marxistischen Grundsätze auf die jetzige Zeitepoche, ein Kampf um die Vereinigung aller linken Elemente der Partei, von denen ein Teil unter dem Einfluss der Kautskyschen Autorität zwischen Rechts und Links pendelt, mit Worten sich gegen die Rechte erklärt, durch Taten sie stützt.” 5 In der französischen Übersetzung fehlt: „und selbst viele und viele Führer mitziehen“ |
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