Leo Trotzki: Aktivitäten der Linken in Deutschland [eigene Übersetzung nach dem russischen Text, Л. Троцкий: Война и революция. Крушение второго интернационала и подготовка третьего. Том II. Петроград 1922, стр. 42-44, verglichen mit der französischen Übersetzung] „Worin äußert sich Ihre Arbeit?“ „Wir agitieren1 unter den Massen gegen die Fortsetzung des Krieges, gegen die Politik der Beschlagnahmung und Kontributionen, wir bringen die Massen gegen den offiziellen Parteikurs in Stellung, der die Regierungspolitik unterstützen soll. Die Arbeit der legalen Zeitungen, die auf unserer Seite stehen, wird durch entschiedenere2 illegale Proklamationen ergänzt, die in Hunderttausenden Exemplaren verbreitet werden. Sie werden wahrscheinlich von unseren Proklamationen3 Kenntnis haben: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land", „Wahnsinn der Annexionen" usw. Wir machen eine mündliche Agitation bei Versammlungen im gleichen Geist, und je weiter, desto öfter und radikaler müssen wir den Rahmen der Legalität durchbrechen. Haben wir Erfolg? Zweifellos: Der Widerspruch zwischen offizieller Politik, in Staat und Partei, und der Stimmung der Massen wächst zunehmend. Wir bleiben innerhalb der alten Parteiorganisation, aber wir verfolgen hartnäckig unsere eigene Linie, wir haben unsere Versammlungen, unsere Kongresse4 und unsere informellen Zentren.“ „Sie fragen nach der Stimmung5 unserer werktätigen Massen", sagt Adolf Hoffmann, „ich sage Ihnen kategorisch: Sie ist ganz und gar gegen den Krieg, die Regierung und unsere Parteiführer. Überall dort, wo wir die Gelegenheit hatten, mit den breiten Massen in Kontakt zu kommen, stellte sich heraus, dass die Massen des Volkes entschieden vom chauvinistischer Berauschung frei waren. Nehmen Sie meinen Wahlkreis: Dies ist eine der rückständigsten Regionen, mit einer halb bäuerlichen, halb proletarischen Bergwerksbevölkerung, die noch vor wenigen Jahren der klerikal-antisemitischen Reaktion folgte: Vor einer Woche habe ich dort auf einem Treffen von „Vertrauensleuten", d.h. gewählten Delegierten, einen Bericht über die politische Lage verlesen und solche Vorschläge unterbreitet: Die sozialdemokratischen Abgeordneten sollten die Staatskredite ablehnen und die sofortige Beendigung des Krieges verlangen. Alle Delegierten schlossen sich einstimmig und entschieden diesem Standpunkt an: Man hörte nicht eine einzige Stimme dagegen, und man sollte meinen, wo, wenn nicht in diesem rückständigen Gebiet, findet die chauvinistische Agitation einen Boden!“ „Die Zimmerwalder Konferenz hat uns eine unverzichtbare Unterstützung für die Fortsetzung unserer Arbeit gegeben", sagt eine energische Aktivistin6 der Arbeiterinnenbewegung7. „Unsere parlamentarische Opposition, angeführt von Ledebour, hat einen zu „parlamentarischen“8 Charakter. In einer Zeit, in der die Rechten, die sich der Partei bemächtigt haben, bis ans Ende gehen, alle Beschlüsse unserer Parteikongresse niedertreten, unterwerfen sich unsere oppositionellen Parlamentarier der Disziplin und entfernen sich in entscheidenden Momenten aus dem Reichstag, statt die Herrschenden anzugreifen. Die Oppositionsabgeordneten – und jetzt sind es vier Dutzend – erklären sich im Wesentlichen solidarisch mit Liebknecht, aber im Augenblick der Prüfung lassen sie einen der ihren im Stich. Wir wollen dem ein Ende machen. Die Opposition im Lande ist unvergleichlich entschiedener als die Opposition im Reichstag, und vor Ort stimmen wir alle Liebknecht zu.“ Die deutsche Sozialdemokratie weckte mit ihrem Verhalten, beginnend seit dem 4. August, großes Erstaunen, das sich bald in Empörung verwandelte. Das wurde in allen Berichten der Konferenz zur Genüge gesagt. Es konnte nicht anders sein. Aber es wäre völlig falsch, über die deutsche Sozialdemokratie ein Kreuz zu machen. Der Protest rührte sich im Innern. Die Entrüstung über die Politik der offiziellen Zentren, die sich immer auf die Politik der französischen Sozialisten bezog, stieß sofort auf Widerstand. Aber die Verwirrung war so kolossal, die Massen waren so unwissend, desorientiert, betäubt – durch das Donnern der Ereignisse und durch das Verhalten derer, auf deren Qualität als „Führer" zu „führen" man sich verließ, dass Scheidemann und Heine zuerst keine formale Abfuhr erhielten. Aber je unverhoffter und auf den ersten Blick unerklärlich die politische Kapitulation der verknöcherten9 Parteiführer ist, desto härter wird die Abfuhr der Massen sein. Die deutsche Linke blickt voller Zuversicht in die Zukunft. 1 In der französischen Übersetzung: „machen Propaganda“ 2 Fehlt in der französischen Übersetzung 3 In der französischen Übersetzung: „Slogans“ 4 In der französischen Übersetzung: „Netzwerke“ 5 In der französischen Übersetzung: „Mentalität“ 6 In der französischen Übersetzung: „Leiterin“ 7 In der französischen Übersetzung: „Frauenbewegung“ 8In der französischen Übersetzung statt „zu ,parlamentarischen'“ „,außerparlamentarischen'“ 9 In der französischen Übersetzung: „wirbellosen“ |
Leo Trotzki > 1915 >