Leo Trotzki: „Ein wenig bemerkbares,aber durchaus wichtiges Schräubchen in der Staatsmaschine“[„Östliche Rundschau“ Nr. 230, 15./28. Oktober 1900, eigene Übersetzung nach dem russischen Text] Die ländliche Gesellschaft, das ist ein juristisch nicht zergliedertes Element des russischen Staatssystem, eine Art sozialer Zelle, obgleich die Bezeichnung im gegebenen Fall bloß rein formelle Bedeutung haben kann. Niemand leugnet, dass in der gegenwärtigen Zeit die Dorfgemeinde bei weitem keinen nach dem Bau in sich gleichartigen, nach den Aufgaben selbstgenügsamen Organismus darstellt. Innerhalb ihrer formell-juristischen Hülle fand und findet ein Prozess der Differenzierung, Verwicklung der Funktionen und Beziehungen innerhalb der Gemeinde-Zelle statt und neben ihm – ein Prozess der immer größeren Wechselwirkung dieser Zelle mit dem ganzen gesellschaftlichen Organismus. Diese Wechselwirkung, die ihrerseits noch mehr das Leben innerhalb der Gemeinden verkompliziert, radierte und radiert faktisch die Gemeindegrenzen aus und enthüllt eine Tendenz, automatisch die gesellschaftlichen Elemente sowohl in der Stadt als auch im Dorfe auf vollkommen neuen Wegen, nach neuen Merkmalen zu gruppieren.
„…der
oberflächlichste Blick auf das zeitgenössische Dorf“ – sagt der
vom russischen Dorf durchdrungene Künstler und leidenschaftliche
Verteidiger seiner Interessen – „genügt vollauf, um nicht alle
Dorfeinwohner und alle Dorfmeinungen und -begierden ,über einen Kamm
zu scheren'. Eine Gleichartigkeit der Dorfinteressen auf den
Gemeinde-Grundbesitz zu begründen, ist so ungerecht, wie es wäre,
auf der Grundlage des Gemeindebesitzes an den Petersburger
Wasserleitungen … eine Gleichheit der Ziele, Begierden,
Bestrebungen, auch nur in einem bestimmten Grade, unter allen
Tausenden Menschen zu begründen, die Tausende Wohnungen mit dem
gleichen durchgeleiteten Wasser bevölkern …“ (G. I. Uspenski,
„Ausrichtung unter eines“.)
Trotz der außerordentlichen Verwickelung des Dorflebens erfuhr dessen administratives System beinahe keine Änderungen; der Wolostvorstand fuhr weiter fort, das Kabinett der Wolost [= Landgemeinde] zu sein. Neue Ansprüche, Bedürfnisse, Aufgaben des Dorflebens erhalten Antworten, Befriedigung, Lösung mit Hilfe des alten Wolostverwaltungsmechanismus, welcher immer weniger fähig ist, seine Bestimmungen zu erfüllen. Im europäischen Russlands gingen mit der Verwickelung der Aufgaben des Dorfdaseins eine Menge außerordentlich wichtige Seiten von ihm in die Führung des Semstwo über, auf ein kompetenteres, kräftigeres Organ als die „Wolost“, und es ist zweifellos, dass eine fernere gesunde Entwicklung unseres gesellschaftlichen Lebens zur Absonderung aller gesamtstaatlichen oder gesamtbezirklichen (Gouvernements-, Kreis-) Fragen aus der Sphäre der Wolostführung und deren Übergang in die Führung von Regierungs- und Semstwoorganen bei fernerer Ausweitung der Kompetenzen letzterer führen wird. Aber auch im europäischen Russland, wo es – teilweise neben, teilweise über dem Land- und Wolostvorstand – das Semstwo gibt, ist die Sphäre der Führung des Wolostvorstandes zu vielseitig, breit, sogar allumfassend, als dass die Tätigkeit dieses Organs alle ihre Aufgaben erfüllen könnte. Was kann man aber in einem solchen Fall über Sibirien sagen, wo es keine Semstwos gibt, dafür ganze Zweige – und obendrein außerordentliche wesentliche – des Landlebens vorhanden sind, die die „russländischen“ Woloste überhaupt nicht oder beinahe überhaupt nicht berühren? Man nehme zum Beispiel die zur Verbannung Angesiedelten und administrativ Verbannten, Schul- und Straßenangelegenheiten … Um den Lesern eine Vorstellung über die Ausmaße der Papierkramtätigkeiten des Wolostvorstands zu geben, empfehlen wir seiner Aufmerksamkeit das trockene, aber lehrreiche Verzeichnis der „Bücher“ und „Angelegenheiten“ (natürlich, nicht das ganze), deren Führung zu den Verpflichtungen des Wolostschreibers und dessen (1-4) Hilfskräften gehört . Famillienbezogene Listen (Statistik der Wolostbevölkerung); Bauernhaushalts-bezogene Listen (Statistik der Bauernhaushalts-bezogenen Wirtschaft – Inventar, Arbeiter, sogar Kostgänger…); Umlagebuch der Steuern und Pflichten (verwickeltste Finanzstatistik und daneben – Finanzpolitik!); Eintragung der Übertragungssummen (die „Wolost“ spielt die Rolle eines Schatzamts, das das Gehalt an den abschnittsbevollmächtigten Arzt, Feldscher, die Hebamme, die Zuwendungen für administrativ Verbannte … auszahlt); weltliche Summen (Abrechnung des Wolost-„Finanzministeriums“); Geschäfte und Verträge (der Wolostvorstand fungiert im gegebenen Fall als Notariat in Geschäften von Bauern untereinander oder von Bauern mit Personen anderer Stände); Entscheidungen des Wolostgerichts: a) in Zivilsachen, b) bei unwichtigen Delikten; Vorstrafen der Bauern; Einziehung und Ausstellung von Pässen; Verteilung der Dorfpferdе; Zustand der Lebensmittelvorräte, Sicherung von Besitz (von nach einem Tod ohne Erben ohne Aufsicht verbliebenem Besitz, von Besitz von spurlos Verschollenen, von in den Krieg Gezogenen …; hierher werden auch in der „Wolost“ verwahrte stoffliche Nachweise hinzugerechnet); niedriges Nutzvieh; Handelszeugnisse (es stimmt, dass das nicht in allen Wolosten vorhanden ist); Eintragung der Einberufung junger Leute in den aktiven Dienst; Landwehrmänner der I. und II. Kategorie; örtliche untere Ersatzränge (im Falle der Einberufung, die Auflistung in der Landwehr usw.); aus dem Gebiet der Wolost weggegangene untere Ersatzränge; aus anderen Wolostеn eingetroffene untere Ersatzränge. Alle diese „zu führenden Bücher“ sind sowohl in sibirischen, als auch in allen „russländischen“ Wolosten vorhanden. Speziell für sibirische Woloste muss man noch Gefangene und Verbannte verwaltende Bücher hinzufügen; für die Eintragung der zur Ansiedlung Verbannten, die der Wolost zugewiesen sind (von ihnen werden in bestimmten Wolosten mehr als Bauern geführt); weibliche zur Ansiedlung Verbannte (eine vergleichsweise geringe Anzahl); Gehaltsbuch (die Angesiedelten werden zum Nutzen des „Ansiedlungskapitals“ besteuert); nach allgemeinen Urteilen verbannte Bauern; auf dem Durchtransport befindliche Gefangene; Das Ankommen und die Ausgabe von Ernährungszuschüssen für unterhaltene und für auf dem Durchtransport befindliche Gefangene. Das sind die Haupt-„Bücher“. Ich fürchte im Übrigen, dass ein erfahrener Wolostschreiber in meinem Verzeichnis nicht wenige wesentliche Lücken finden wird. Aber ich glaube, auch die aufgezählten sind genug. „Bücher“ erschöpfen die Wolosttätigkeit jedoch nicht: außer „Büchern“ sind noch „Angelegenheiten“ vorhanden, die aber unzählig sind. Hier werden Sie Angelegenheiten der Reparatur von Wegen, der Eröffnung von Schulen, des Zustands der Ernte oder der Aussicht auf diese, Vormundschaftsangelegenheiten usw., usw., usw. finden. Falls wir alles aufzählen würden, dann würde, um es in den Worten des Evangelisten zu sagen, auch die ganze Welt nicht die geführten Bücher fassen. Nicht umsonst bestimmte ein mir bekannter Wolostschreiber, als das Gespräch dessen Pflichten berührte, lakonisch sie mit folgender Formel: „mit einem Wort, Alfa und Omega“, und, wenn unter den Gesprächspartnern ein Neuling war, dann zog der Schreiber aus einem Brillenfutteral ein von einem Wandkalender abgerissenes zerknittertes Blättchen heraus, auf dessen Rückseite sich zwischen Verzeichnissen von historischen Jubiläumsereignissen und Mittagsmenüs der Titel befand, den wir als Überschrift für diese Notiz übernommen haben: „Ein wenig bemerkbares, aber durchaus wichtiges Schräubchen In der Staatsmaschine“, doch unter der Überschrift war zu lesen: „Welches Amt hat keine Beziehung zum Wolostschreiber? Vom Ministerium für innere Angelegenheiten gar nicht erst zu reden, beziehen sich die Reihen beinahe aller Ämter auf den Wolostvorstand: das für Kriegswesen – mit den verschiedenen Musterungslisten, das für Finanzen – in Gestalt der Steuerinspektoren, das für Justiz – in Gestalt des Untersuchungsrichters und Reviervorstehers, das für Volksaufklärung – in Gestalt des Inspektors, das geistliche – in Gestalt des Dekans, das Amt für Ackerbau – für Statistik. Außer Marine- und Auswärtigen Angelegenheiten, beziehen sich alle mit Forderungen und Verordnungen auf den Wolostvorstand – und auf alle muss der Schreiber Antwort geben“. „Und das ist noch unwahr“ – fügte der Schreiber hinzu, indem er das kostbare Dokument auf dem Boden des Futterals wegschloss. – „Auch mit dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten haben wir Beziehungen. Als unsere Matrosen sich in England betranken und sich bei der Abfahrt des Dampfers verspäteten, schickte der Konsul diese danach in die Heimat, und wir hatten mit dem Konsul aus diesem Anlass einen Briefwechsel … Und die Flottenersatzleute? Wir führen wirklich auch von ihnen eine alphabetische Liste, was bedeutet, dass wir auch zum Marineministerium Beziehung haben. Mit einem Wort, Alfa und Omega! …“ Also, der Wolostschreiber verknüpft in seiner Person: Financier, Statistiker, Agronom, Eisenbahningenieur, Architekt, Notar, Untersuchungsrichter … Es ist verständlich, wenn das bedeutet, dass die ganze Sorge des Schreibers der Fall-Seite der Angelegenheiten gilt. Er bestimmt mit genauen Ziffern das Ausmaß der Ernte „auf Grundlage von Prüfungen“, welche er in der Tat nicht durchführte. Er macht Entwürfe für die Reparatur von Wegen, den Bau und die Instandsetzung von Brücken, während er im Gebäude des Wolostvorstands sitzt, und berichtet danach auf der Grundlage der eigenen Entwürfe über durchgeführte Arbeiten, während in der Tat niemand den Weg reparierte, niemand Brücken baute und instandsetzte. Auch viele andere Zweige seiner Tätigkeiten vereinfacht der Wolostschreiber notwendigerweise auf diese Weise. Aber die zur Hälfte fiktiven Ziffern gehen an den Vorgesetzten, werden der Bearbeitung unterzogen, bilden die Grundlage vieler offizieller und semstwostatistischer Rundschauen und Forschungen, welche ihrerseits den Gegenstand erbitterter Polemiken der vaterländischen Publizisten bilden. Wir heben jedoch hervor, dass die Fall-, d.h. die reine Kanzleiarbeit der Wolost sich in der Mehrheit der Anlässe tadellos vollzieht … „Genauigkeit in der Erfüllung ihrer Papierkrampflichten“ – sagt der weiter oben zitierte Schriftsteller – „bildet in der gegenwärtigen Zeit den herausragenden Zug des Dorflebens“. Danach gibt G. I. Uspenski die Beschreibung jenes verwickelten, aber sozusagen organisierten Durcheinanders, welches in der Wolost durch die „besonders wichtigen“ Papiere „bei der Mobilisierung“ (im Sommer des Jahres 1877) hervorgerufen wurde, und sagt:
„Und
alles dies buchstäblich ,ohne Gespräche' über die Ursache, ohne
Erkundigungen darüber, wohin und wozu sie treiben werden. Natürlich
weinen Frauen, Mütter, Bräute; der Schuster Peter bedauert
gleichfalls, dass er seine Meisterschaft an den Nagel hängen muss
und dass er sein Instrument verkaufen muss; aber bei keinem wird für
eine Minute die Frage vorbeihuschen: wozu und wohin? – Die
Anordnung traf aus der Wolost ein. Aber auf alle diese Fragen, wozu
sie treiben werden und wohin sie treiben werden, antwortet niemand –
nicht der Dorfälteste, nicht der Wolosthauptfeldwebel, nicht der
Schreiber. Außerdem wird niemand von ihnen fragen, oder, richtiger,
gewöhnte sich ab, zu fragen und das auseinanderzunehmen, was in Form
von befehlenden, aber niemals erklärenden Papieren hierher in das
Dorf kommt“.
Ein Vierteljahrhundert ist seit jener Zeit vergangen. Wie viel änderte sich an dieser Seite des Lebens? … |
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