Franz Mehring 19010410 Über Kamaschendrill

Franz Mehring: Über Kamaschendrill

10. April 1901

[Die Neue Zeit, 19. Jg. 1900/01, Zweiter Band, S. 33-36. Nach Gesammelte Schriften, Band 8, S. 41-45]

Vor einigen Monaten hatte ein Generalmajor v. Puttkamer in einer agrarischen Zeitung einige ganz verständige Bemerkungen über die Gemeinschädlichkeit des Kamaschendrills gemacht, der im deutschen Heere noch immer bis zur Bewusstlosigkeit geübt wird. Darauf kommt jetzt ein Offizier in dem offiziösen Hauptorgan angezogen, jedoch nicht um die Behauptungen des Herrn v. Puttkamer zu bestreiten – er macht ihm nur zum Vorwurf, längst abgetane Dinge dem profanen Volke verraten zu haben, und gibt selbst zu, dass die Dressur auf dem Paradeplatz und der ganze Kamaschendrill für den Krieg nicht den mindesten Wert habe, da alle die peinlich eingeübten Exerzitien im Ernstfall versagen müssten. Aber gleichwohl erklärt er sie für notwendig, um die „seelische Verweichlichung", die „Humanitätsduselei" und die „Zersetzungsversuche" dem Heere fernzuhalten, das nach der Ansicht dieses Braven möglichst in der Verfassung der friderizianischen Söldnerarmee erhalten werden müsse.

Für den Kenner des modernen Heerwesens ist mit dieser kleinen Auseinandersetzung nichts Neues gesagt. Trotzdem ist es ganz nützlich, einen Augenblick bei ihr zu verweilen und die alten Wahrheiten, die sie enthält, einmal wieder aufzufrischen. Es wird, nicht erst seit heute oder gestern, eifrig daran gearbeitet, der Sozialdemokratie die Möglichkeit schmackhaft zu machen, dass sie auch einmal für Heeresforderungen stimmen könne, und dabei werden Argumente gebraucht, die manchmal ganz blendend aussehen für den, der den Dingen nicht auf den Grund zu blicken vermag. Man braucht diese Verführungskünste nun gewiss nicht zu fürchten, soweit es auf die organisierte Partei ankommt, aber sie sind nicht ganz unwirksam in manchen Volkskreisen, die der Partei nahe genug stehen; sie stellen somit ein nicht ganz unwesentliches Hindernis der Propaganda dar. Da kann es denn nur willkommen sein, dass solche Stimmen sich hören lassen wie Herr v. Puttkamer in der „Deutschen Tageszeitung" und sein Gegner in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung". Zwar wenn jener den Kamaschendrill als gemeinschädlich für die Verteidigung des Vaterlandes erklärt, so kann ihm der Vorwurf einiger Trivialität nicht erspart werden, aber er hat dann immer noch das Verdienst, die Offenherzigkeiten seines Gegners ans Tageslicht gelockt zu haben, Offenherzigkeiten, die in ihrer Art ja auch trivial sind, aber gar nicht oft genug ins Licht gestellt werden können.

Was dieser Held enthüllt, ist weiter nichts als das Geheimnis der stehenden Heere. Sie entstanden von Anfang an nicht nur als Waffe gegen das Ausland, sondern auch als Waffe gegen die beherrschten und unterdrückten Klassen im eigenen Lande. Daher die „eiserne Friedensausbildung mit ihrer Dressur", daher die „kriegerische Härte", daher der „unbedingte Gehorsam"; der Soldat sollte zur willenlosen Maschine gedrillt werden, die ohne einen Funken menschlichen Erbarmens, ohne die „seelische Verweichlichung der Kultur" auf Bruder und Schwester, auf Vater und Mutter schoss, sobald es befohlen wurde. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert war man auch noch naiv genug, aus dieser Bestimmung der stehenden Heere gar kein Hehl zu machen; die militärischen Schriften der damaligen Zeit wimmeln von dürren Eingeständnissen des Sinnes, dass die stehenden Heere eine Bewaffnung der herrschenden gegen die beherrschten Klassen seien, namentlich auch die Schriften des Alten Fritz. Lieber ließ dieser Monarch das Land von den Kosaken und Kroaten in Grund und Boden verwüsten, ehe er auch nur eine verrostete Flinte in der Hand eines Bauern und Bürgers duldete; wurden seine getreuen Untertanen von den eindringenden Feinden irgendwo niedergemetzelt, weil sie sich ihnen widersetzt hatten, so ließ er ihnen höhnisch sagen, damit sei ihnen ganz recht geschehen, und er hätte ihnen ebenso mitgespielt wie die Kosaken und Kroaten. So dachte und sprach der preußische Nationalheros, wenn das „Volk in Waffen" sich etwa einmal „mit Gott für König und Vaterland" erhob.

Diese schönen Redensarten wurden erst in den eisernen Bestand des patriotischen Phrasenschatzes aufgenommen, als die Französische Revolution glorreichen Angedenkens in ihren Nachwirkungen die ganze friderizianische Herrlichkeit wie einen vermoderten Plunder fortgefegt hatte. Die herrschenden Klassen mussten wohl oder übel auf die friderizianische Heeresverfassung verzichten, aber sie waren nach all ihren Kräften bedacht, soviel sie irgend konnten von der mit dem Stocke entnervten Söldnerarmee in das neue „Volksheer" hinüberzuretten. Nicht einen Augenblick verloren sie die Verwendung des Heeres gegen den „inneren Feind" aus den Augen; man schlage nach, unter welchen Kämpfen die allgemeine Wehrpflicht durchdrang, und man wird erkennen, dass sie nur durch die alleräußerste Not, die den herrschenden Klassen unmittelbar auf den Fingern brannte, erzwungen werden konnte, um dann sofort wieder, als nur die ärgste Sorge gekehrt war, nach Möglichkeit auf das alte Söldnerheer rückwärts revidiert zu werden. Höchst charakteristisch war eine amtliche Äußerung, die nach den sogenannten Freiheitskriegen der erzreaktionäre General Yorck tat; er meinte: „Die monarchische Verfassung und Verwaltung, so wie sie unter Friedrich dem Großen war, ist mir die liebste und beste. Indes ist dem Lande Konstitution und Repräsentation versprochen, und das Wort muss gelöst werden. Auch so bald als möglich, weil die Fortdauer großer Lasten doch Unzufriedenheit nährt und bei den Waffen in der Hand des Volkes gar zu leicht gefährlich werden kann." Dieser Junker wusste sehr genau, worauf die absolutistische Monarchie, die angeblich „von Gottes Gnaden" in die Welt gesetzt war, tatsächlich beruhte, nämlich auf der Waffenlosigkeit des Volkes; sobald das Volk selbst nur in dem beschränkten Maße der damaligen Landwehr Waffen in die Hand bekam, begann selbst ein so harter Kopf der Reaktion gewissermaßen von selbst das Abc des Konstitutionalismus zu stammeln.

Überhaupt haben die sogenannten Freiheitskriege soviel über allen Zweifel klargestellt: Je volkstümlicher ein Heerwesen organisiert ist, desto geeigneter ist es, die Verteidigung des Vaterlandes gegen äußere Feinde zu führen, aber um so gebrechlicher wird es als Waffe der herrschenden gegen die beherrschten Klassen. In diesem Dilemma hat sich seitdem die Geschichte der preußischen und deutschen Heeresverfassung ruck- und stoßweise fortbewegt. Es ist bekannt, wie sehr in der Friedensperiode von 1815 bis 1848 das „Volk in Waffen" auf das alte Söldnerheer zurückzuschrauben gesucht wurde und in wie hohem Grade dieser Versuch gelang, so dass der preußische Staat und der Deutsche Bund1 jahrzehntelang auf die kläglichste Rolle in den europäischen Händeln beschränkt bleiben mussten; als dann endlich eine Reorganisation des Heeres nicht länger aufgeschoben werden konnte, war der damalige preußische König in erster Reihe darauf bedacht, dem neu zu schaffenden Heere nach Möglichkeit den Charakter eines Söldnerheeres zu erhalten; eben hieraus entsprangen die Kämpfe der preußischen Konfliktszeit, aus denen er bekanntlich, da die deutsche Bourgeoisie weder die nötige Konsequenz noch die nötige Courage besaß, als Sieger hervorging.

Seitdem hat kein ernsthafter Militärkonflikt mehr stattgefunden, aber die innere Dialektik der Dinge lässt sich nicht spotten. Die Notwendigkeit, das Heer den äußeren Feinden gewachsen zu erhalten, zwingt unerbittlich dazu, es mehr und mehr zu demokratisieren; die zweijährige Dienstzeit, einst der Kampfpreis der preußischen Konfliktszeit, ist trotz alledem durchgedrungen, und selbst die Militärgerichtsverfassung2, dies Kleinod der Söldnerheere, hat etwas von ihrem gespensterhaften Glänze einbüßen müssen. Aber das sind sehr langsame und sehr mühsame Fortschritte, die eben nur von einer nicht länger aufzuschiebenden Notwendigkeit diktiert werden, während immer mit voller Dampfkraft daran gearbeitet wird, den Söldnergeist und die Söldnerüberlieferungen innerhalb des Heeres aufrechtzuerhalten. Wird ja eben jetzt der ausschweifendste Brotwucher sogar von gelehrten Professoren damit verteidigt, dass die alten „Offiziersgeschlechter" erhalten werden müssten, das heißt die Krautjunkerfamilien, in denen sich, die friderizianische Fuchteltradition fort und fort erbt. Dass diese Forderung nur einen Sinn hat, wenn es sich um eine Verwendung des Heeres gegen den „inneren Feind" handelt, liegt auf der Hand; die Annahme, dass unser Heer auswärtige Kriege nicht anders siegreich führen könne, als wenn nur die von Köckeritz oder die von Zitzewitz die Offiziersstellen bekleiden, möchten wir nicht einmal dem Brotwucherenthusiasmus des Herrn Professors Wagner unterstellen.

Das Verhältnis, das hier flüchtig zu skizzieren versucht worden ist, spiegelt sich getreu wider in der kleinen Polemik, an die wir angeknüpft haben. Der General v. Puttkamer sagt im Interesse der Vaterlandsverteidigung: Wir müssen mit dem gemeinschädlichen Kamaschendrill aufräumen, worauf ihm ein anonymer Heros antwortet: Ja, gemeinschädlich ist der Kamaschendrill, wenn es auf die Verteidigung des Vaterlandes ankommt, aber er ist notwendig im Interesse der herrschenden gegen die beherrschten Klassen, also weg mit der Hand, die ihn antasten will! Wäre ein Preis darauf gesetzt worden, in einem lakonischen Dialog die Geschichte der preußisch-deutschen Heeresverfassung seit dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts zu schreiben, dieser Dialog hätte von dem genialsten Satiriker nicht besser erfunden werden können, als ihn der Generalmajor v. Puttkamer und sein Gegner ganz ernsthaft führen. Wer von beiden aber die ausschlaggebende und vorherrschende Stimmung des herrschenden Militärsystems vertritt, braucht nicht erst gesagt zu werden; die hohe Blüte und ungestörte Dauer des Kamaschendrills gibt darauf die erschöpfende Antwort.

Von den Folgerungen, die daraus zu ziehen sind, mögen hier nur zwei angedeutet werden. Wenn gegen diejenigen Parteien, die das deutsche Heerwesen auf volkstümliche Grundlage stellen wollen, also in erster Reihe gegen die Sozialdemokratie, der landläufige Vorwurf erhoben wird, dass sie „das Vaterland wehrlos machen" wollen, so wird gerade umgekehrt ein Schuh daraus. Es liegt schon im Begriff eines volkstümlichen Heerwesens, dass es die Kräfte des Volkes am stärksten zusammenfasst; ein solches Heerwesen kann nie auf den Gedanken verfallen, gemeinschädliche Einrichtungen aufrechtzuerhalten, um einer winzigen Minderheit des Volkes die Gewalt über seine ungeheure Mehrheit zu sichern. Der wirkliche „Wehrlosmacher des Vaterlandes" ist kein anderer als jener militärische Drill- und Kastengeist, den der Gewährsmann der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" so unbeschämt verkündigt, jener Geist, der sich nicht scheut, die Aktionsfähigkeit des Heeres gegen äußere Feinde zu lähmen, nur um ihm den Geist einer Söldnerarmee zu erhalten, die je nach dem Bedürfnis herrschender Klassen auf das eigene Volk losgelassen werden kann.

Ein anderes heute sehr beliebtes Schlagwort ist die schon erwähnte Redewendung, dass die Sozialdemokratie für Militärforderungen stimmen könne oder müsse, wenn die Arbeiterklasse als gleichberechtigte Klasse der Bevölkerung anerkannt werde. Wird diese Gleichberechtigung im wirklichen Sinne des Wortes mit allen sich aus diesem Sinne ergebenden Schlussfolgerungen genommen, so wäre es wohl an dem: Besteht tatsächlich einmal gleiches Recht zwischen der Arbeiterklasse und den heute herrschenden Klassen, dann wäre das heutige Militärsystem so überflüssig wie unmöglich, und für Militärforderungen im Sinne der von ihr geforderten Volkswehr wird die Sozialdemokratie gewiss zu haben sein. Allein wenn die Gleichberechtigung der Arbeiterklasse nur so gemeint wird – und so meinen sie allerdings die Schlauberger, die auf die Militärfrömmigkeit des Proletariats spekulieren –, dass darüber einige wohlwollende Redensarten gemacht oder dass etwa kleine Konzessionen auf diesem oder jenem Gebiet eingeräumt werden, so könnte die Sozialdemokratie einem Militärsystem, wie es sich in dem hier beleuchteten Dialog widerspiegelt, nur dann irgendwelche Forderungen bewilligen, wenn sie vorher ihr ganzes Programm kassiert und sich in die schöne Devise verliebt hätte: Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber.

1 Der auf dem Wiener Kongress am 8. Juni 1815 gegründete Staatenbund von 34 (zuletzt 31) monarchischen Staaten und 4 Freien Städten. Der preußisch-österreichische Konflikt von 1866 führte zur Auflösung des Deutschen Bundes (siehe Anm. 1).

2 Gemeint ist das 1898 im Reichstag verabschiedete Gesetz zur Reform des Militärstrafprozesses, wodurch das geheime und schriftliche Verfahren durch das öffentliche und mündliche ersetzt wurde (siehe Anm. 14).

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