Franz Mehring: Kronprinzliche Fronde [Die Neue Zeit, 30. Jg. 1911/12, Erster Band, S. 209-212. Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 553-557] 11. November 1911 Wenn man sich als falscher Prophet erwiesen hat, so soll man es wenigstens ehrlich bekennen, und so gestehen wir, dass wir gewaltig auf dem Irrweg waren, als wir vor acht Tagen annahmen, dass in der Marokko-Debatte des Reichstags dem persönlichen Regiment von sozialdemokratischer Seite gehörig der Marsch geblasen werden würde. Statt dessen pries heute der Genosse Frank den gegenwärtigen Träger des persönlichen Regiments, weil er “eine mutige und verdienstvolle Tat von bleibendem Werte” vollbracht habe. Das ist allerdings bitter für unseren Prophetenruf. Inzwischen bilden wir uns ein, noch zwei Augen im Kopfe zu haben und die Dinge zu sehen, wie sie sind. Im Anfang Juli begann die Marokko-Affäre mit der Entsendung des “Panther” nach Agadir. Dieser “Panthersprung”, für den bis heute auch noch nicht der Schatten eines vernünftigen Grundes hat angegeben werden können, war entweder eine souveräne Laune oder ein frivoles Wahlmanöver oder beides. Seine Folge war, dass Europa, und in erster Reihe Deutschland, monatelang zwischen Krieg und Frieden schwebte. Sein Ergebnis aber bestand in einem Abkommen, das dem Reiche teils neue Koloniallasten aufbürdete — afrikanische Fiebersümpfe und Sandwüsten, deren Erwerb vor dem Reichstag zu vertreten der berufenste Vertreter der amtlichen Kolonialpolitik sich so schämte, dass er lieber seinen Abschied nahm —, teils wirtschaftliche Abmachungen mit Frankreich traf, die sich, soweit sie haltbar und vernünftig sind, auf diplomatischem Wege hätten erreichen lassen, ohne dass die zivilisierte Welt ein Vierteljahr lang und länger vom Waffenlärm dröhnte und ohne dass sich die deutsche Diplomatie bei auswärtigen Mächten allerlei Nasenstüber holte. Begreiflich genug erregte diese Leistung des persönlichen Regiments die allgemeinste Enttäuschung. Namentlich die Junker begriffen, dass sie die holde Bürde nicht noch zu den anderen Bürden auf sich nehmen könnten, mit denen beladen sie ohnehin in den Wahlkampf marschieren müssen. Dreist und gottesfürchtig, wie sie sind, beschlossen sie also, den Panthersprung nach Agadir in verbesserter Auflage zu wiederholen, mochte dabei auch sein eigentlicher Urheber über Bord gehen, der gegenwärtige Reichskanzler, der zwar immer ihr gehorsamer Leibeigener gewesen, aber ihnen doch nicht als “starker Mann” genügt. Am ersten Tage der Marokko-Debatte legte Herr v. Heydebrand mit der ganzen Furie eines Gassendemagogen los, um die nationalen Leidenschaften aufzustacheln, mit der junkerlichen Plempe gegen England zu hetzen und die deutsche Diplomatie einer traurigen Unfähigkeit zu zeihen. Er verstieg sich zu der komischen Behauptung, für den Kriegsfall würden die Junker nicht nur ihr Blut, sondern sogar ihr Gut opfern, und warf sich dann zur Abwechslung als erprobter Schmierenkomödiant auf die tragische Seite, indem er sich auf die Worte berief, die Schiller einem feudal-mittelalterlichen Schlagetot in den Mund gelegt hat: Für seinen König muss das Volk sich opfern, Das ist das Schicksal und Gesetz der Welt. Nichtswürdig ist die Nation, die nicht Ihr alles freudig setzt an ihre Ehre. Jedoch der Dialektik des persönlichen Regiments erwies sich der junkerliche Schlaumeier nicht ganz gewachsen. Zu diesem Regiment gehört nämlich die kronprinzliche Fronde wie das B zum A. Das ist ja psychologisch auch sehr einfach zu erklären. Wird jeder Kronprinz in der Vorstellung erzogen, dass er in seinem achtzehnten Lebensjahr zur Fülle aller menschlichen Weisheit gelangt sei, so muss sein wohlwollendes Gemüt — und wohlwollende Gemüter besitzen gewiss alle Kronprinzen — danach trachten, diese Fülle nun auch über “sein Volk” auszuschütten, und da steht ihm nun das Leben des eigenen Vaters als fatales Hindernis entgegen. Dadurch geraten die Kronprinzen sozusagen von selbst in eine Oppositionsstellung zu ihren Erzeugern, wie man gern annehmen mag, unbewusst und unwillkürlich, obgleich es auch ruchlose Gesellen unter ihnen gegeben hat, die ihren Alten ganz offen zu allen Teufeln wünschten, um selbst ans Ruder zu kommen. Von diesem Kaliber war sogar der preußische Nationalheros, der alte Fritz. Als sein Vater wider Erwarten von einer schweren Erkrankung genesen war, schrieb er seiner Lieblingsschwester: “Der liebe Gott muss seine sehr guten Gründe haben, ihm das Leben wiederzugeben. Ich muss mich nun seitwärts schlagen … Sie können Sich darauf verlassen, liebste Schwester, dass er die Natur eines Türken hat und das kommende Geschlecht überleben wird, sobald er Lust dazu hat und sich nur ein klein wenig schonen will.” Und ehe er so schrieb, war dieser reizende Junge von seinem Vater halbtot geprügelt worden, um ihm alle unkindlichen Mucken auszutreiben. So unausrottbar gehört die kronprinzliche Fronde zum persönlichen Regiment, dem sie auch nie gefehlt hat. Glücklicherweise sind aber sanftere Sitten ins Land gekommen. Die Kronprinzen gönnen jetzt den Königen das Leben, und die Könige prügeln die Kronprinzen nicht mehr halbtot. Die Sache selbst ist sogar von der patriotischen Gelahrtheit in die anmutige Lehre gebracht worden, die kronprinzliche Fronde sei gerade das erfrischende Element der Monarchie, die sie vor der sonst unvermeidlichen Gefahr der Erstarrung schütze. Verfahren Sie säuberlich mit dem Knaben Absalom! riet Bismarck dem Könige Wilhelm gegenüber der kronprinzlichen Fronde, und dieser Rat gilt heute noch. Als im Jahre 1863 der damalige Kronprinz von Berlin nach Danzig reiste, um in einer öffentlichen Ansprache seine Missbilligung der väterlichen Politik auszusprechen, musste er in der Stille abbitten, während der Oberbürgermeister Winter, an den der Kronprinz seine Worte gerichtet hatte, öffentlich als Sündenbock geschlachtet wurde. Aber wenn der gegenwärtige Kronprinz von Danzig nach Berlin reist, um von der Hofloge des Reichstagssaales die Rede des Junkers v. Heydebrand mit seinem pantomimischen Beifall zu begleiten, so muss auch er in der Stille abbitten, während der glückliche Politiker, den er durch seine gewichtige Zustimmung ausgezeichnet hatte, vor allem Volke als Sündenbock geschlachtet wird. Diese Abschlachtung des junkerlichen Führers, die der Reichskanzler am zweiten Tage der Marokko-Debatte vollzog, soll nun “eine mutige und verdienstvolle Tat von bleibendem Werte” sein. Solche Anschauungsweise entspricht durchaus den Überlieferungen der Freisinnigen Partei, aber in der Sozialdemokratischen Partei hat sie bisher keinen Kurs gehabt; von ihr ist sie vielmehr stets als überaus kurzsichtig verurteilt worden. Wir würden sicherlich keine besondere Notiz davon nehmen, wenn es sich nur um eine gelegentliche Entgleisung handelte, aber ein Teil der Parteipresse stimmt leider in denselben Ton ein, und demgegenüber müssen wir doch die bisherige Anschauung der Partei festhalten, wonach man die Dinge so nimmt, wie sie sind, und nicht so, wie man wünschen möchte, dass sie seien. Wäre Bethmann Hollweg fähig und geneigt, mit den Junkern ernsthaft anzubinden, so wäre das gewiss eine vortreffliche Sache, aber wie oft haben Parteigenossen bewiesen, dass ein Handlanger des persönlichen Regiments niemals weder fähig noch geneigt sein kann, mit dem Junkertum einen Krieg auf Leben und Tod zu beginnen! Die ganze “mutige und verdienstvolle Tat” löst sich dahin auf, dass sich — wenn die Leser einen etwas unästhetischen, aber zutreffenden Vergleich verzeihen wollen — das Geschwür des persönlichen Regiments an noch einer Stelle geöffnet hat, und was den “bleibenden Wert” dieser “Tat” anbetrifft, so könnten wir von Bismarck lernen, der in seinen Denkwürdigkeiten die kronprinzliche Fronde seinerzeit einfach als “Danziger Episode” abtut. Mehr als eine Episode ist auch das Spektakelstück nicht, das sich eben im Reichstag abgespielt hat. Man braucht nur die “Norddeutsche Allgemeine Zeitung” und die “Kreuz-Zeitung” zu lesen, um zu erkennen, dass die Organe der beiden Helden, die vierundzwanzig Stunden früher wie zornige Löwen aufeinander losgingen, nur nach baldiger Versöhnung schmachten. Bethmann Hollweg weiß sehr gut, dass die Wahlen nicht von den Ministern, sondern von den Landräten gemacht werden, und die Junker wissen sehr gut, dass sie in ihrem eigensten Junkerinteresse eine Sühne des monarchischen Skandals auf sich nehmen müssen, so sicher man darauf rechnen darf, dass sie demnächst mit Zins und Zinseszins dem Reichskanzler heimzahlen werden, was er ihnen unter dem harten Zwange der gemeinsamen Staatsräson hat antun müssen. Von “bleibender Bedeutung” kann der Zwischenfall nur dadurch werden, dass er die Wahlaussichten der Regierung wie des Junkertums wesentlich verschlechtert und dass er für diesen Zweck von der sozialdemokratischen Agitation gründlich ausgenutzt wird. Allein diese Ausnutzung ist nur möglich und wirksam, wenn sie vom prinzipiellen Standpunkt aus geschieht, wenn sie die Bethmann und die Heydebrand mit gleichem Maße misst, gleichviel, ob sich diese Brüder aus Gründen, die mit den Interessen der Arbeiterklasse nicht das geringste zu tun haben, einmal in die Haare geraten. Das war bisher sozialdemokratische Taktik, und die hat sich zu gut bewährt, als dass sie verlassen werden sollte zugunsten der freisinnigen Taktik, die sich immer auf dem Gipfel der Dinge wähnte, wenn sie gegen das Junkertum ein Zitat aus den Reden eines reaktionären Ministers oder gar aus den Werken des seligen Schiller mobil machen konnte. Es war unseres Erachtens ein warnender Wink des Schicksals, als Genosse Frank, wie im Eingang seiner Rede mit seinem Kompliment an Bethmann Hollwegs Adresse, so am Schlusse mit einem Zitat aus Schiller verunglückte. Er schrieb jene Worte eines feudal-mittelalterlichen Schlagetots, auf die sich Heydebrand, und dieser von seinem Standpunkt aus mit Recht, bezogen hatte, aufs Konto des “Freiheitshelden” Tell, der übrigens auch nur ein beschränkter Philister war und, als er dem Gesslerhut nicht Reverenz erwiesen hatte, sich vor Gessler nur so zu verantworten wusste: “Verzeiht mir, lieber Herr! Aus Unbedacht, Nicht aus Verachtung Eurer ist's geschehen. Ich bitt' um Gnad', es soll nicht mehr begegnen.” Allen Zitaten aus Bethmann und Schiller sind so frische und muntere Reden vorzuziehen, wie sie Genosse Däumig im vergangenen Sommer gegen die Kriegshetzer gehalten hat und wie sie zum würdigen Ende der dreitägigen Reichstagskanonade die patriotische Wut der Erzberger und Mugdan erregten. |
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