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Franz Mehring 19020531 Unser Programm

Franz Mehring: Unser Programm

31. Mai 1902

[ungezeichnet, Leipziger Volkszeitung Nr. 122, 31. Mai 1902. Nach Gesammelte Schriften, Band 14, S. 476 f.]

Seit ein paar Monaten hat die „Leipziger Volkszeitung" die Ehre und das Glück, den besonderen Hass aller Arbeiterfeinde zu erregen. So erfreulich uns dieser Erfolg unserer bescheidenen Tätigkeit ist, so würden wir ihn doch im stillen genießen, wenn das Breslauer Parteiorgan sich nicht bemühte, die abgeschmacktesten Angriffe der arbeiterfeindlichen Presse noch zu überbieten durch eine liebenswürdige Anspielung auf „einzelne Städte", unter denen es gleich darauf in erster Reihe Leipzig nennt, wo „an jedem Tage ein halbes Dutzend in- und ausländischer Revisionisten verspeist werden von Radikalen, die keinen Schuss knallen hören können". Zwar hat das Breslauer Parteiorgan schon den verdienten Lohn dahin in dem frenetischen Beifall, womit ihm der durch das massenhafte Niederknallen wehrloser Zopfträger patriotisch berauschte Hunnenpastor zuruft: Glück auf zum Kampfe! Aber da uns diese Anzapfung aus der eigenen Partei heraus einen passenden Anlass bietet, einige Worte über unser Programm zu äußern – wir meinen das spezielle Programm der „Leipziger Volkszeitung", denn im allgemeinen sind wir natürlich, wie jedes Parteiblatt, an das Erfurter Programm gebunden –, so wollen wir das wenige nicht verhehlen, was darüber zu sagen ist.

Wir knüpfen an eine Erscheinung an, die in höchst charakteristischer Weise die bürgerliche Denkweise kennzeichnet. Die Angriffe gegen unser Blatt richten sich nicht sowohl gegen die Redaktion selbst, als gegen eins ihrer Mitglieder. Kaum war die Notiz veröffentlicht, dass die Genossin Luxemburg in unsere Redaktion eingetreten sei, als die Heulmeierei der patentierten Gesellschafts- und Staatsstützen begann. Die „Kreuz-Zeitung" eröffnete den Reigen mit der Aufforderung an die Polizei, die Genossin Luxemburg aus Deutschland auszuweisen, und die „Vossische Zeitung" schließt vorläufig den Reigen mit der Aufforderung an den Parteivorstand, die Genossin Luxemburg aus der Partei auszuschließen. Dazwischen kam dann die „unparteiische" Presse der politischen Gesinnungslosigkeit, „Generalanzeiger" in Leipzig und „Tägliche Rundschau" in Berlin, und nicht zuletzt die um Naumann und die um Sonnemann, jene versprengten Häuflein kurioser Käuze, die auf den verflucht gescheiten Einfall geraten sind, am Ende werde man eher mit der revolutionären Arbeiterbewegung fertig, wenn man sie von innen heraus politisch verlumpe, als wenn man ihr den Nagel mit nackter Gewalt ins Hirn treibe. Diese ganze Gesellschaft ist seit einigen Monaten ein Ach und ein Wehe über die Genossin Luxemburg.

Wir können unsere junge Freundin nur beglückwünschen zu dem Entsetzen, das ihr bloßer Name schon all diesen patriotischen Heldenherzen einflößt. Ihr bloßer Name, denn der Zufall hat es gefügt, dass von all den „Brandartikeln", um derentwillen sie verbrannt werden soll – mit einer einzigen Ausnahme –, auch nicht einer von ihr verfasst worden ist. Es war ein Zufall bei der vollkommenen Solidarität der Redaktion, aber dieser Zufall ist höchst charakteristisch für die Gegner. Sie haben nicht den geringsten Anhalt für die von ihnen vorausgesetzte Autorschaft, aber sie spekulieren auf das alte dumme Philistervorurteil gegen die Tätigkeit der Frau im öffentlichen Leben. Selbstverständlich erreichen sie mit dieser Spekulation bei den Arbeitern das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollen. Die Arbeiter schätzen mit gutem Fug jeden Kampfgenossen um so höher, je heftiger er durch seine Tätigkeit in ihrem Interesse den Hass ihrer Feinde erregt, und in diesem Fall erkennen sie zugleich, was für kindische Klatschgevattern jene bürgerlichen Gönner sind, um deren gnädiger Herablassung willen unser altes revolutionäres Programm revidiert, ein Schlacht- und sieggewohntes Banner mit einer verwaschenen Parlamentärfahne vertauscht werden soll.

Noch in einer anderen Beziehung sind die bürgerlichen Attacken auf unser Blatt höchst charakteristisch für die Angreifer. Diese Leute bilden sich ein, dass die Haltung sozialdemokratischer Parteiorgane von der beliebigen Zusammensetzung ihrer Redaktion abhänge. Freilich gereicht es ihnen zur Entschuldigung, dass der bürgerliche Philister bei seiner Denkfaulheit sich jeden Morgen beim Kaffee von seinem Leibblatt sein politisches Urteil eintrichtern lässt. Sie nehmen an, in der Sozialdemokratischen Partei sei es ebenso, aber damit verraten sie nur, dass sie von der Arbeiterbewegung so viel wissen, wie der Blinde von der Farbe. Die sozialdemokratischen Organe sind Waffen, die sich das klassenbewusste Proletariat selbst schmiedet, nicht um sich von ihnen bevormunden zu lassen, wie der Wilde von seinem selbst fabrizierten Götzen oder der Gläubige von seinem Pfaffen, sondern um sie im Kampfe gegen seine Feinde zu führen. Unsere Parteiblätter sagen nicht, was ihre Leser glauben sollen, sondern was ihre Leser gesagt haben wollen; ihr Entschluss und ihre Kraft beruht allein darin, dass sie den Willen der Arbeiterorganisationen vollstrecken, die hinter ihnen stehen. So gibt auch der Wille der Leipziger Genossen unserem Blatte allein die Richtung; die Redaktion suggeriert diesen Willen nicht, sondern sie führt ihn nur aus, weil sie mit ihm übereinstimmt. Der Wille der Leipziger Genossen ist aber, die alten, guten, siegreichen Überlieferungen der Partei hochzuhalten und das revolutionäre Parteiprogramm, das uns alle bindet, mit derjenigen Kraft und Rücksichtslosigkeit zu vertreten, die wir von unseren großen Meistern Marx, Engels und Lassalle immer wieder lernen sollen, auch wenn wir sie niemals erreichen.

Wenn wir hierin ein besonderes Programm unserer Zeitung sehen, so natürlich nicht in dem Sinn, als ob wir uns darin irgendwie von der großen Mehrheit der Parteiorgane unterschieden. Eben lesen wir, dass im „Hamburger Echo" der von der bürgerlichen Presse bis zum Ekel breitgetretene Artikel des Karlsruher Parteiblattes über die „Revolution" ebenso scharf abgefertigt wird, wie wir ihn abgefertigt haben, und die unverschämte Aufforderung der „Vossischen Zeitung", die Genossin Luxemburg abzusägen, hat der „Vorwärts" umgehend so nachdrücklich zurückgewiesen, dass die alte Tante erschreckt auf ihr breites Inseratengesäß gefallen ist, um desto erbarmungswürdiger nach der Hilfe des Parteivorstandes oder der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zu jammern, auf die sie für den Sankt-Nimmerleins-Tag denn auch wohl rechnen darf. Aber von der geringen Minderzahl derjenigen Parteiorgane, die durch praktische und theoretische Unklarheit, ohne böse Absicht, aber mit bedauerlichem Erfolge den bürgerlichen Gegnern das Gaudium machen, vom „Mausern nach rechts" und dergleichen eitlen Hirngespinsten reden zu können, unterscheiden wir uns allerdings und wollen wir uns unterscheiden, selbst auf die Gefahr hin, von der „Breslauer Volkswacht" mit ungemein geistreichem Spott darüber verspottet zu werden, dass wir täglich ein halb Dutzend Revisionisten verspeisen, aber keinen Schuss knallen hören können.

Wir sind damit an unseren Ausgangspunkt zurückgelangt und wollen nur noch die Sätze zitieren, in denen die „Breslauer Volkswacht" die nächste Zukunft der Partei ausmalt. Sie schreibt: „Ob sich unsere unentwegten Nur-Theoretiker die Augen noch so dicht verhüllen, auch in Deutschland werden sozialistische Minister kommen. Nicht sogleich im Reich und in Preußen, aber sicher in den Kleinstaaten. Wer kann wissen, ob nicht in zehn, zwanzig Jahren schon ein Ulrich, ein Bock, ein Dreesbach, ein Vollmar seinen Ministersessel einnimmt?" Jeder hat das Recht, sich zu blamieren, so gut er nur kann, aber wir fürchten, dass die von der „Breslauer Volkswacht" genannten Genossen das peinliche Gefühl haben werden, wider ihren Willen blamiert worden zu sein. Selbst der Beifall der bürgerlichen Presse bleibt aus; ihre liberale Spielart entsinnt sich noch recht gut, wie ihre Vorfahren, die Märzminister von 1848, für den Versuch, von den hessischen oder badischen oder bayerischen Ministerstühlchen auch nur bürgerliche Revolution zu machen, verdientermaßen nichts geerntet haben als die Fußtritte der Hofschranzen. So sehen wir an diesem neuesten Weihaltar des Revisionismus nur den Hunnenpastor in einsamer Andacht knien, das Herz voll heiligen Grimms über die Unseligen, die keinen Schuss knallen hören können, selbst nicht einmal, wenn er gefangene Chinesen in den Staub streckt.

Wenn solche Dinge, die sich der ordinärste Liberalismus schon seit fünfzig Jahren als unglaubliche Dummheit von den Schuhsohlen gestreift hat, heute als die nächste Zukunft der Sozialdemokratie proklamiert werden, so machen wir allerdings nicht mit. Da halten wir mit der großen Mehrzahl unserer Parteiorgane an unserem ehrlichen revolutionären Programm fest und werden uns redlich bemühen, unter unseren gleich gesinnten Kolleginnen den Ruf zu verdienen, den uns die bürgerlichen Gegner einstweilen nur aus ihrer besonderen Stupidität zuerst gemacht haben.

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