Franz Mehring: Über die Kamarilla 26. August 1896 [Die Neue Zeit, 14. Jg. 1895/96, Zweiter Band, S. 705-708. Nach Gesammelte Schriften, Band 14, S. 144-148] In den Unterhaltungen, welche die stille Hochsommerzeit in der bürgerlichen Presse zu zeitigen pflegt, hat sich seit einigen Jahren eine bemerkenswerte Umwandlung vollzogen. Früher machte sich jene Presse den harmlosen und wohlfeilen, aber für sie selbst beruhigenden Spaß, in der Hundstagshitze von den drohenden Spaltungen und dem bevorstehenden Untergange der Sozialdemokratie zu fabeln. Dieser Sport ist auch jetzt noch nicht ganz ausgestorben und hat namentlich mit dem Verlaufe des Londoner Kongresses1 zu krebsen gesucht. Aber er tritt doch sehr in den Hintergrund gegen das Gefühl des grauen Elends, das sich in allen möglichen Schattierungen der bürgerlichen Presse breit macht, sobald das Klappern der parlamentarischen Mühle aufgehört hat und die sommerliche Ferienzeit zu stillen Betrachtungen einlädt. Allen bürgerlichen Parteien steckt dies Gefühl in den Gliedern, wenn auch nicht allen in gleichem Maße. Den konservativen mehr als den ultramontanen und den liberalen mehr als den konservativen. Die Jeremiaden der liberalen Blätter über die Trostlosigkeit der deutschen Zustände sind wahrhaft herzergreifend; dieweil ihr Fässlein trübe rinnt, die Welt geht auf die Neige. Und die plötzliche Entlassung des preußischen Kriegsministers hat diesem Fässlein gar den Boden ausgestoßen. Das war ein Jammern und Wehklagen, als sei der Heiland des Jahrhunderts plötzlich ans Kreuz geschlagen. Von den Bismarck-Blättern bis zur Freisinnsgarde zitterte ein Laut innigen Schmerzes durch die bürgerlichen Gemüter, so dass selbst die Regierung der „tiefen Erregung der Nation" ein Zugeständnis machte und in der offiziösen Presse erklärte, trotz des Rücktritts des Kriegsministers werde es bei den Verheißungen bleiben, die der Reichskanzler dem Reichstag über die Reform des Militärgerichtsverfahrens gemacht habe. Worüber der Kriegsminister tatsächlich gestolpert ist, mag dahingestellt bleiben. Er war der bismarckfreundlichste unter den gegenwärtigen Ministern und hatte sich von dem Ehrengreise in Friedrichsruh das rühmliche Zeugnis erworben, unter Larven die einzige fühlende Brust zu sein. Namentlich in der Beurteilung sozialpolitischer Fragen war Herr v. Bronsart ein dem Herkules des neunzehnten Jahrhunderts vollkommen ebenbürtiges Genie. Die zugleich dumme und rohe Art, womit beide über das klassenbewusste Proletariat vom Regierungstische herzufallen pflegten, zeigte sie auf einer so gleichartigen Stufe botokudischen Denkens und Empfindens, dass jene innige Geistes- und Herzensgemeinschaft zwischen Bismarck und Bronsart, von der die Bismarck-Presse mit Tränen der Rührung zu berichten weiß, allerdings wahrscheinlich genug erscheint. Wodurch sich Herr v. Bronsart sonst als Staats- und Fachmann ausgezeichnet haben soll, ist der Mitwelt unbekannt geblieben, und das Gefühl des Bedauerns, womit wir ihn aus dem Kriegsministerium scheiden sehen, beschränkt sich auf die Sorge, ob die preußische Generalität wirklich noch einen gleich gespaßigen „Vernichter" der Sozialdemokratie als seinen Nachfolger zu stellen fähig sein wird. In der Tat ist es auch nur die Bismarck-Presse, nicht aber die sonstige bürgerliche Presse, der es bei dem gemeinsamen Kummer über den Sturz Bronsarts auf die Person dieses Herrn besonders ankommt. Namentlich die liberalen Blätter versichern, der bisherige Kriegsminister sei keineswegs ein Mann nach ihrem Herzen gewesen, und sie würden sich über seinen Verlust leicht trösten, wenn er nur nicht durch die Kamarilla gestürzt worden wäre. Was sie wütend macht, ist der Kometenkurs, der in unberechenbarer Weise bald so bald so steuert, der Lucanus, der gespensterhaft bald an die Tür dieses und bald an die Tür jenes Ministers klopft, ohne dass die Welt erfährt, weshalb dieser oder jener Minister fallen muss. Die unverantwortliche Nebenregierung, welche die verantwortlichen Ratgeber der Krone über- und durcheinander purzeln lässt wie die Puppen eines Schachspiels: Sie beklemmt die patriotischen Herzen, die in feierlichem Schwüre erklären, so gehe es nicht weiter. Die liberalen Blätter haben den Sündenbock gefunden, auf den sie das Gefühl ihres grauen Elends abladen können: Die Kamarilla ist das Unheil, mit dessen Beseitigung eitel Lust und Herrlichkeit im Deutschen Reiche erblühen würde. Haben wir erst einmal ein verantwortliches Ministerium, dann wird alles im schönsten Geleise gehen, besonders wenn das Ministerium aus dem Schoße des Liberalismus genommen werden sollte. Die ganze Argumentation, die man in den letzten Wochen hundertmal in liberalen Blättern lesen konnte, leidet an dem kleinen Fehler, dass sie Ursache und Wirkung verwechselt. Die Kamarilla ist nicht die Ursache, sondern die Wirkung des bürgerlichen Elends. Hätte das deutsche Bürgertum jemals ernsthaft mit dem deutschen Fürstentum angebunden, so würde es mit der Kamarilla, mit der unverantwortlichen Nebenregierung, längst fertig geworden sein. Begnügt sich die bürgerliche Klasse aber damit, über die Existenz der Kamarilla zu klagen und das Fürstentum alleruntertänigst anzuflehen, dieser Existenz doch ein Ende zu machen, so wird es am Jüngsten Tage noch nicht die Kamarilla aus der Welt geschafft haben. Wenn reaktionäre Blätter erklären, die Klagen über den durch die Kamarilla verursachten Sturz Bronsarts seien eine Art Majestätsbeleidigung, denn es sei das unbestreitbare Recht des Königs, seine Minister zu entlassen und zu berufen, wie ihm beliebe, so mögen die liberalen Zeitungen diesen Einwand insofern mit Recht eine elende Heuchelei nennen, als dieselben reaktionären Blätter die Entlassung Bismarcks, die gleichfalls im souveränen Belieben der Krone stand, bitter genug kritisiert haben. Aber im Prinzip ist der Einwand vollkommen richtig: Wer das Recht der Krone anerkennt, die Minister nach ihrem Belieben zu ernennen und zu entlassen, der hat kein Recht, über den Gebrauch zu jammern, den die Krone von diesem ihrem Rechte macht. Solange sich der Liberalismus vor dem Gedanken bekreuzigt, die monarchische Gewalt durch die parlamentarische einschränken zu wollen, solange muss er sich auch gefallen lassen, dass ihm die Kamarilla auf der Nase tanzt. Die Kamarilla ist die notwendige Begleiterscheinung jedes Scheinkonstitutionalismus. Unverantwortlich, wie sie ist, verkörpert sie die tatsächlich unbeschränkte Macht der Krone, während das verantwortliche Ministerium die scheinbar beschränkte Macht der Krone vertritt. Die Verantwortlichkeit der Minister gleicht sich dadurch aus, dass sie in der Hand der unverantwortlichen Kamarilla sind wie Wachs. Ein Minister, an dessen Tür jeden Morgen der Lucanus pochen kann, verliert jeden selbständigen Willen gegenüber dem Monarchen. Bismarck hat in den Zeiten seiner größten Macht beständig mit den „Friktionen" der Kamarilla zu kämpfen gehabt, und wenn er sich dennoch jahrzehntelang an der Macht erhielt, so nur, weil die Macht der Krone in einem seit Jahrzehnten hilflosen Greise verkörpert war; als ein junger und kräftiger Herrscher auf den Thron gelangte, waren Bismarcks Tage gezählt. Und seitdem fallen die Minister wie die Fliegen; die schönen Zeiten, wo die preußischen Offiziösen dicke Broschüren voll pharisäischen Spottes über den Ministerverbrauch der französischen Bourgeoisrepublik schrieben, sind längst dahin. Nichts begreiflicher, als dass die liberalen Patrioten einen Zustand beklagen, der in solcher, sozusagen fossilen Form innerhalb der großen modernen Kulturstaaten sonst nirgends mehr vorkommt! Aber sie sollten billigerweise einsehen, dass sie, wenn sie diesen Zustand bessern wollen, bei sich selbst anzufangen haben. Die Zumutung, dass die Krone in die Hände der von ihr selbst ernannten verantwortlichen Minister abdanken soll, ist ein handgreiflicher Unsinn; kein Mensch liefert seinen Willen gebunden aus an seine Bediensteten. Zur Beseitigung der Kamarilla gibt es nur das eine Mittel, die Macht der Krone in der Ernennung und Entlassung der Minister zu beschränken, sie von der Krone auf die Volksvertretung zu übertragen. Um diese Konsequenz kommt keiner herum, der ernsthaft der Kamarilla an den Kragen will, und solange der deutsche Liberalismus diese Konsequenz nicht zieht, ist alles Jammern und Wehegeschrei über die Kamarilla nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt erscheint. Es ist die Strafe fünfzigjähriger Sünden, wenn der deutsche Liberalismus die Schläge der Kamarilla jetzt so schmerzlich empfindet. Mit seinem ewigen Loyalitätsdusel hat er die Kamarilla zu ihrem fetten Dasein aufgepäppelt und wird er sie noch immer fetter aufpäppeln. Denn in all dem wochenlangen Gewimmere über die unheilvolle Kamarilla sucht man vergebens nach einer Spur davon, dass die liberale Presse aus den Erfahrungen der Geschichte etwas gelernt hat. Sie denkt gar nicht daran, der Frage auf den Grund zu gehen, sondern schwingt sich höchstens dazu auf, aus alten Schmökern die alten Schnurren über das verderbliche Treiben der preußischen Kamarilla dem Philister noch einmal zu behaglichem Gruseln vorzusetzen. Dabei fällt sie aber zugleich vor sittlicher Entrüstung auf den Rücken, wenn ein reaktionäres Blatt ihr vorhält, sie wolle wohl das unbeschränkte Recht der Krone zur Ernennung und zur Entlassung der Minister antasten. Gott bewahre, wie käme sie zu so hochverräterischen Gedanken? In allem Seelenschmerze über die Kamarilla wird die servile Knierutscherei vor dem monarchischen Prinzip mit aller Inbrunst fortbetrieben. Diese weisen Staatsmänner übertreffen noch jene Götzendiener, die ihren Fetisch wenigstens zerbrechen, wenn er nicht erfüllen kann, was sie von ihm erfleht haben. Kaum hat denn auch die Regierung ein Übriges getan und die offiziöse Erklärung erlassen, dem Reichstag werde in seiner nächsten Session eine Vorlage wegen Reform des Militärprozesses zugehen, als alle dunklen Wolken vom Himmel der liberalen Presse verschwinden. Ohne die geringste Bürgschaft für den Inhalt der angekündigten Vorlage erklärt sie sich befriedigt, erklärt sie, das verantwortliche Ministerium habe also über die unverantwortliche Kamarilla gesiegt. Die Situation wird einmal wieder umgelogen, und die liberale Presse schwimmt in Wonne, bis zu dem nahen Tage, wo der Lucanus abermals an die Tür eines nichts ahnenden Ministers klopft. Und darum, dass dieser Tag nahe genug ist, brauchen wir nicht zu sorgen. Deshalb gönnen wir auch der bürgerlichen Presse den vorübergehenden Lichtblick in ihrem grauen Elend. Ihr Jammern und Klagen wird bald genug wieder ohrzerreißend an die Sterne schlagen. Wie es vor fünfzig Jahren bereits die Angst vor dem Proletariat war, welche die bürgerliche Klasse hinderte, dem monarchischen Absolutismus einen ernsthaften Krieg zu machen, so ist es dieselbe Angst, welche dieselbe Klasse heute noch viel mehr hindert, die Kamarilla da zu treffen, wo sie sterblich ist. Nochmals zugegeben, dass die Kamarilla eine historisch sehr übertägige Erscheinung ist, die das Deutsche Reich vor der übrigen Welt in einem sehr trübseligen Lichte erscheinen lässt, so ist dafür das klassenbewusste Proletariat politisch nirgends so entwickelt wie in den schwarzweißroten Grenzpfählen. Das eine hängt mit dem anderen zusammen, und die bürgerliche Presse begreift diesen untrennbaren Zusammenhang nur deshalb nicht, weil sie ihn selbst verschuldet. Sie steht ihm hoffnungs- und verständnislos gegenüber in dem Gefühl jenes grauen Elends, das mehr und mehr zu ihrer chronischen Grundstimmung wird. 1 Gemeint ist der internationale Londoner Sozialisten- und Gewerkschaftskongress 1896. |
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