Zentralkomitee der SDAPR: Offener Brief an die auf der ersten
allrussischen Konferenz der sozialdemokratischen Funktionäre gewählte Organisationskommission [„Proletarij", Nr. 11, 27. Juli/9. August 1905. Nach Lenin, Sämtliche Werke, Band 8, 1931, S. 581-584] Werte Genossen! Im Verlaufe der gewaltigen Ereignisse der großen russischen Revolution ist uns und auch euch die schwierigste und verantwortlichste Rolle in der Parteiarbeit der russischen Sozialdemokratie zugefallen. Der ungestüme Vormarsch der Revolution bringt für die Sozialdemokratie viele Hoffnungen und viele Gefahren mit sich. Jetzt ist allem Anschein nach der Moment gekommen, wo die Entscheidung der Frage der Verwirklichung dieser Hoffnungen und dieser Gefahren, der Frage, was die Revolution dem russischen Proletariat in Wirklichkeit bringen soll, gelöst wird. Die Kraft der proletarischen Bewegung war eine gewaltige, die Arbeiterklasse ist in der Rolle der allgemein anerkannten streitbaren Avantgarde der Revolution aufgetreten. Das Schicksal der Revolution, ihre endgültigen Ergebnisse hängen im höchsten Grade davon ab, in welcher Richtung diese Kampfkraft wirken wird: ob das Proletariat seine unabhängige Klassentaktik durchführen oder ob es sich als unbewusster Agent der Kräfte der Bourgeoisie erweisen wird. Die bürgerlichen Parteien haben es verstanden, die politische Lage zu erfassen, und sie haben alle Anstrengungen auf die Trübung des politischen Bewusstseins des Proletariats gerichtet. Zum Mittelpunkt dieser Arbeit haben sie Petersburg gemacht, und hier ist jetzt der liberale „Arbeiterbund" schon bereit, den Weg von der heuchlerisch-wohlwollenden Geschwätzigkeit der bürgerlichen Ideologen zur zynisch-rauen Wirklichkeit zu finden. Nur eine politische Kraft kann und muss eine neue Wiederholung der sehr alten Geschichte verhindern – der Bezahlung der politischen Gewinne der Bourgeoisie mit dem Blut der Arbeiter. Diese Kraft ist die Sozialdemokratie. Genossen! Die Erfüllung schon allein dieser Tagesaufgabe des Kampfes für die Reinheit und Unabhängigkeit der Klassenpolitik des Proletariats gegen die verräterischen Bestrebungen der feindlichen Kräfte erfordert die gewaltigste Anspannung aller unserer Kräfte und die strengste Übereinstimmung in allen unseren Handlungen. Aber vor uns steht nach wie vor eine ganze Reihe anderer Aufgaben, die uns die Erfordernisse des direkten Kampfes einerseits gegen das absolutistische System und das kapitalistische Joch, anderseits gegen die politische Unwissenheit der proletarischen Massen stellen. Ihr wisst sehr gut, Genossen, wie qualvoll wir auf Schritt und Tritt in unserer schweren und ungeheuer verantwortungsvollen Arbeit den Mangel an Kräften fühlen. Und ihr wisst auch gut, wie sehr unsere organisatorische Spaltung diesen Mangel verschärft. Diese Spaltung bedrückt euch, davon sind wir überzeugt, nicht weniger als uns. Könnte damit nicht ein Ende gemacht werden? Was trennt uns? Taktische Differenzen? Sind diese etwa so ernst, um die Spaltung der Sozialdemokratie in zwei Parteien zu rechtfertigen? Die Differenzen zwischen den taktischen Resolutionen des 3. Parteitages und eurer ersten Konferenz sind so unbedeutend, dass ein außenstehender Beobachter sie sogar schwerlich sofort wahrnehmen würde. Sie sind viel weniger bedeutend als die Differenzen, die innerhalb jeder beliebigen westeuropäischen sozialdemokratischen Partei bestehen. Der Unterschied in den organisatorischen Formen? Können denn bei gemeinsamem Programm und fast identischer Taktik organisatorische Differenzen ein genügender Grund für das separate Bestehen zweier Parteien sein? Das wäre vielleicht zulässig, wenn unsere organisatorischen Normen die ideologische Freiheit und die praktische Initiative der Parteiorganisationen und der einzelnen Parteimitglieder unterdrückten. Aber ihr müsst zugeben, dass unsere organisatorischen Normen so nicht sind, dass sie die notwendige Freiheit für den ideologischen Kampf gewähren und ein genügend breites Feld für die Ausarbeitung neuer Formen des Parteilebens eröffnen. Es bestehen also im Wesen keine Hindernisse für die Vereinigung. Darüber kann es keinen Streit geben, das ist auch von der Konferenz, die euch gewählt hat, in ihrer Resolution über die Beziehungen zwischen den beiden Teilen der Partei zugegeben worden. Formale Hindernisse? Aber auch solche gibt es nicht, und wir freuen uns, dass wir uns bei dieser Feststellung auf einen bestimmten Beschluss derselben Konferenz stützen können. Indem die Konferenz euch, der Organisationskommission, vorschlug, in Unterhandlungen mit unserer Leitung einzutreten, stellte sie als Grundlage für die „Möglichkeit und daher Notwendigkeit" einer Vereinbarung über die Vereinigung folgende drei Bedingungen auf: „1. Zusammenwirken beider Zentralstellen bei allen Versuchen der Vereinigung und der Verständigung über die politische und organisatorische Arbeit an den einzelnen Orten." Wir haben in Ausführung der Resolution des 3. Parteitages in einem Rundschreiben allen unseren autonomen örtlichen Organisationen – den örtlichen Parteikomitees, den Gebiets- und Betriebskomitees – vorgeschlagen, überall, wo neben ihnen eure Parallelorganisationen bestehen, sich an diese mit der Aufforderung zur Verschmelzung auf den vom 3. Parteitag ausgearbeiteten organisatorischen Grundlagen zu wenden. Für den Fall der Ablehnung dieser Verschmelzung haben wir allen unseren autonomen Organisationen und auch den ihnen angegliederten Spezialgruppen – agitatorischen, propagandistischen, literarischen usw. – empfohlen, zusammen mit euren parallelen Organisationen systematisch Konferenzen zum Zwecke der Vereinigung und der Koordinierung der Arbeit abzuhalten. Wir sind gewillt, diese Politik der Vereinigung mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln auch weiterhin, fest und entschlossen durchzuführen. Damit ist die erste von eurer Konferenz gestellte Bedingung durch uns erfüllt. Zweite Bedingung: „2. Vereinbarung der Zentralstellen über die gemeinsame Tätigkeit zur Wiederherstellung der Parteieinheit." Soweit das uns betrifft, erfüllen wir diese Bedingung schon dadurch, dass wir uns mit diesem Briefe, mit der direkten Aufforderung zur gemeinsamen Wiederherstellung der Parteieinheit an euch wenden. Dritte Bedingung: „3. Paralleles Bestehen der literarischen Organe beider Richtungen und Koordinierung der Tätigkeit zur Versendung und Verbreitung der Literatur." Die direkte Antwort auf diese Forderung ist jener Paragraph unseres Statuts, der jeder Parteiorganisation das Recht gibt, in ihrem eigenen Namen Parteiliteratur herauszugeben, und das ZK verpflichtet, auf das Verlangen von 5 Parteiorganisationen diese Literatur zu versenden. Wir sind unsererseits bereit, in dieser Hinsicht noch weiter zu gehen und uns zu verpflichten, auf das Verlangen auch nur einer einzigen Parteiorganisation diese oder jene Literatur in die allgemeine Versendung der Parteiliteratur einzuschließen. Wo gibt es formale Hindernisse der Vereinigung? Vielleicht die Begrenztheit eurer Vollmachten? Uns ist ihr Umfang nicht bekannt. Von dieser Seite ist aber kaum eine Schwierigkeit möglich, da wir doch alle Bedingungen erfüllen, die von der Konferenz gestellt wurden, die euch bevollmächtigt hat. Wir können nicht annehmen, dass dieselbe Konferenz, die die Notwendigkeit einer raschen Vereinigung der Partei so leidenschaftlich und bestimmt formulierte, zu gleicher Zeit dieser Vereinigung formelle Hindernisse in Gestalt einer engen Begrenzung eurer Vollmachten bereitet haben sollte. Alles das bringt uns nur zu dem einen Schluss: wesentliche und ernste Hindernisse der Vereinigung können nicht angeführt werden. Genossen! Alle unsere Kräfte müssen in den Dienst des Proletariats gestellt werden, das ringsum von Feinden umgeben ist. Keinerlei private Vereinbarungen können die organisatorische Einheit ersetzen. Solche Vereinbarungen sind auch mit uns fremden Parteien möglich, sie bedeuten keine Sicherung für die Zukunft. Wir laden euch ein, euch mit uns auf jenen organisatorischen Grundlagen zu vereinigen, die der 3. Parteitag gegeben hat. Nichts hindert euch, eure ideologische Selbständigkeit vollständig zu wahren. Nichts hindert euch, beim Eintritt in die gemeinsame Organisation eure ideologischen Differenzen mit uns selbst genau festzustellen und im Weiteren den ideologischen Kampf für eure Auffassungen sowohl bis zum künftigen Parteitag als auch auf dem Parteitage selbst zu führen. Nichts hindert euch auch bis zum Parteitag daran, auf dem Wege des normalen ideologischen Kampfes und im Geiste eurer Auffassungen jene praktischen Reformen zu erreichen, die jede vorhandene Organisation im inneren Parteileben selbst zu verwirklichen kompetent ist. Aus der Vereinigung würden wir neue Kräfte schöpfen für den Kampf gegen die Feinde des Proletariats; sie würde das Vertrauen der hinter uns stehenden breiten Massen des Proletariats festigen, jenes Vertrauen, das für die erfolgreiche Erfüllung unserer geschichtlichen Mission in den bevorstehenden gewaltigen Ereignissen so notwendig sein wird. Mit Parteigruß Zentralkomitee der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands Wir laden euch ein, eine bestimmte Frist für die Unterhandlungen anzugeben und die Bevollmächtigten bekannt zu geben. |