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Wladimir I. Lenin 19050410 Die Schuld auf einen Unschuldigen wälzen

Wladimir I. Lenin: Die Schuld auf einen Unschuldigen wälzen1

[Wperjod" Nr. 15, 7./20. April 1905. Nach Sämtliche Werke, Band 7, 1929, S. 283-293]

In Nummer 92 der „Iskra" ist ein Artikel: „Die Zickzacke des festen Kurses“2 veröffentlicht, der nachzuweisen sucht, dass der Wperjod" in Wirklichkeit gar nicht fest und unentwegt an den Prinzipien und der Linie der alten „Iskra" festhalte, sondern im Gegenteil zickzackartig den Fußstapfen der neuen „Iskra" folge. In der Sache ist diese Behauptung so komisch, dass es sich nicht verlohnt, im Ernst darauf einzugehen. Charakteristisch ist hier nicht der Inhalt der Polemik der neuen „Iskra", denn ihr fehlt eben der Inhalt, sondern ihre Methoden. Auf diese Methoden verlohnt es sich einzugehen; deren Prüfung zeigt uns, dass es verschiedene Arten von Polemik gibt. Wegen der Polemik hatte man die alte „Iskra" nicht gern, aber keinem Menschen ist es je in den Sinn gekommen, zu erklären, diese Polemik sei nicht prinzipiell. Wegen der Polemik verachtet man die neue „Iskra", weil auch die Masse der praktischen Parteiarbeiter und die konsequenten Rabotschedjelzen und die „Versöhnler" mit Plechanow an der Spitze den nicht-prinzipiellen Charakter dieser Polemik sehen.

Mit welchen Kunstgriffen diese Polemik operiert, wollen wir eben dem Leser zeigen.

Folgen wir Schritt für Schritt der „Iskra". Der „Wperjod" treibe die Partei zur Spaltung, sagt sie. Das ist eine Unwahrheit. Alle, die die Parteikrise nicht nach Klatschereien, sondern nach Dokumenten studiert haben, wissen, dass gerade die Minderheit bald nach dem zweiten Parteitag die Partei gespalten hat, aber geheim, indem sie eine geheime Organisation schuf. Die „Iskra" heuchelt, indem sie jetzt die Unwahrheit behauptet. Für eine offene Spaltung kann man hassen, für eine geheime muss man verachten. Der „Wperjod" will keine geheime Spaltung, das ist alles.

Ferner will man uns in der Frage des Autonomismus und Zentralismus einen Widerspruch nachweisen. Lenin habe in den „Schritten“ versichert, der Autonomismus sei das Prinzip des Opportunismus, während jetzt das Büro der Komitees der Mehrheit selbst für eine möglichst weitgehende Autonomie der Lokalkomitees eintrete. Lenin habe versichert, der Bürokratismus verhalte sich zum Demokratismus wie das Organisationsprinzip der revolutionären Sozialdemokratie zum Organisationsprinzip der Opportunisten, aber das Büro der Komitees der Mehrheit selber spreche vom Bürokratismus. Das ist der Inhalt der Anklage gegen uns. Und wiederum ist sie auf einer direkten Unwahrheit aufgebaut. Lenin hat in den „Schritten' (und schon vorher in dem Briefe an die Redaktion der „Iskra") dutzend- und hundertmal ausgesprochen, erklärt, erinnert und unterstrichen, dass die Phrasen gegen den Bürokratismus, für den Autonomismus usw. äußerst unbestimmt sind, einen ganz verschiedenartigen und willkürlich wechselnden Sinn haben. Im Wesentlichen, sagte Lenin hundertmal, wird mit diesen Phrasen lediglich der Wunsch nach Kooptation bemäntelt. Diese Worte Lenins haben jetzt ihre vollständige und aktenmäßige Bestätigung gefunden. Wenn man aber diese Worte prinzipiell nehmen will (wenn man will!) – sagte Lenin –, so werden wir Folgendes sehen. Bürokratismus allgemein genommen kann bedeuten Schlendrian, Amtsschimmel, Papierkram, Formalismus. So ein Bürokratismus, sagte Lenin, ist schlecht, und er illustrierte seine Worte an Hand des bekannten Statutenentwurfs von Martow. Für einen einigermaßen gewissenhaften Leser ist es klar, dass das Büro der Komitees der Mehrheit von einem solchen Bürokratismus spricht, und dem „Wperjod" einen Widerspruch vorzuwerfen, ist eine Kinderei. Bürokratismus kann bedeuten die Verletzung der berechtigten und, wenn man so sagen darf, „natürlichen" Rechte jeder Opposition, den Kampf gegen die Minderheit mit unrichtigen Mitteln. So ein Bürokratismus ist möglich, sagte Lenin, aber er hat nichts Prinzipielles an sich. Man muss dagegen ankämpfen, ankämpfen durch Ausarbeitung konstitutioneller Rechtsgarantien für die Minderheit. Solche Garantien haben als erste klar, direkt und offen die Steinharten, oder wie man sie heute nennt, die „Wperjodisten" in der bekannten Deklaration der 22 vorgeschlagen, die im August, vor sieben Monaten, erschien, ohne dass die Anhänger der neuen „Iskra" auch nur den geringsten Versuch gemacht hätten, ihre Stellung zu dieser Deklaration unzweideutig zu definieren.

Aber außer diesen Auffassungen des Bürokratismus, Antiautonomismus usw. ist auch eine wirklich prinzipielle Auffassung derselben möglich, nicht als einzelner Unrichtigkeiten, Extreme usw., sondern als der allgemeinen Prinzipien der ganzen Organisation. Eine solche Auffassung wollten uns die Menschewiki gegen unseren Willen, ungeachtet unseres Widerstandes aufzwingen. Lenin hat hundertmal sowohl in seinem Brief an die Redaktion der „Iskra" als auch in den „Schritten" vor dieser Auffassung, die den konkreten und faktischen Verlauf der Krise und der Spaltung verdunkelt, gewarnt. Lenin sagte in dem Briefe an die Redaktion der „Iskra" geradezu: lasst diesen Unsinn, Herrschaften, es ist zu neun Zehnteln Krakeelsucht! Deswegen fiel man über Lenin her und das Zentralorgan versuchte nachzuweisen, dass es Prinzipien gibt. Nun, wenn es so ist, dann ist allerdings das Prinzip des Autonomismus ein opportunistisches Prinzip der sozialdemokratischen Organisation, antwortete Lenin, und das werden stets alle Wperjodisten antworten. Wenn es so ist, dann ist euer Geschrei gegen den Bürokratismus prinzipiell durchaus von derselben Art, wie das Geschrei der Jaurèsisten in Frankreich, der Bernsteinianer in Deutschland und der Reformisten in Italien. So steht die Sache; um sich davon zu überzeugen, braucht man nur auf Grund von Dokumenten und nicht auf Grund von Versicherungen guter Freunde die Parteikrise zu studieren. Schon auf dem zweiten Parteitag hat Lenin dem Bundisten Liber gesagt (siehe Protokolle), dass er gegen den kleinlichen Zentralismus die Autonomie „irgendeines" Komitees von Tula verteidigen werde; mit keiner Silbe wandte sich Lenin gegen die Gewährleistung einer solchen Autonomie in Punkt 8 unseres Parteistatuts. Aber das Prinzip des Autonomismus hat weder Lenin noch das Büro der Komitees der Mehrheit jemals verteidigt; es wurde verteidigt von Akimow, von Liber, von den Anhängern der neuen „Iskra". Vor einem unorientierten Leser ist es natürlich leicht, die Sache zu verdrehen, indem man aus verschiedenen Stellen Worte, die unter ganz verschiedenen Bedingungen gesagt wurden, die einen ganz verschiedenen Sinn haben, aus dem Zusammenhang reißt – aber Zeitungen, die mit solchen Methoden polemisieren, behandelt man wie das „Nowoje Wremja".

Nehmen wir die Broschüre des „Arbeiters". Worin liegt der Sinn der Sache, den die „Iskra" verdreht? Darin, dass die prinzipienlosen Leute sich mit ihrem Geschrei über das Prinzip des Autonomismus usw. verrannt haben, denn die Antwort konnte nur die Forderung der Wählbarkeit sein. Darauf bliesen die Verrannten zum Rückzug. Die Wperjodisten aber sagten und sagen: es ist unanständig, mit Phrasen und mit „Prinzipien" des Autonomismus, des Demokratismus zu prunken; wenn aber ernste, sachliche Änderungen des Statuts im Geiste eines unter den russischen Verhältnissen möglichen Demokratismus notwendig sind, dann wollen wir sie direkt und offen besprechen. Der „Wperjod" hat den „Arbeiter" herausgefordert: zeigen Sie uns auch nur eine Stelle in der sozialdemokratischen Literatur, wo von der Notwendigkeit, die Arbeiter in die Parteikomitees aufzunehmen, so klar gesprochen worden wäre, wie bei Lenin. Der „Arbeiter", von der neuen „Iskra" aus dem Konzept gebracht, antwortete in der Presse, er nehme die Herausforderung an; es stellte sich aber heraus, dass er nicht versteht, was es bedeutet, eine Herausforderung anzunehmen, denn er hat keine andere Stelle gezeigt, sondern nur gedroht, Lenin „eins auszuwischen" oder ihm „heimzuleuchten"3. Natürlich hat der „Wperjod" auf diese schrecklichen Drohungen gar nicht geantwortet.

Nehmen wir weiter die Frage eines einzigen Zentrums. Lenin soll in den „Schritten" gesagt haben, für ein einziges Zentrum seien die Opportunisten, und jetzt trete das Büro der Komitees der Mehrheit dafür ein. Wiederum eine grobe Verdrehung, berechnet auf den uninformierten oder unaufmerksamen Leser. Wer sich die Mühe nimmt, die „Schritte" durchzulesen, wird sehen (auf Seite 28, die von dem Artikelschreiber der „Iskra" sorgfältig umgangen wird), dass Lenin schon lange vor dem ersten Artikel des Bolschewiks gegen ein Doppelzentrum (dem Artikel Rjadowois in der Broschüre „Unsere Missverständnisse") geschrieben hat4, die Idee des Doppelzentrums „berücksichtigte die zeitweiligen (hört, hört!, hört!) und besonderen Nöte der russischen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in einem Milieu der politischen Knechtschaft, unter der Bedingung der Entstehung einer anfänglichen Operationsbasis für den revolutionären Ansturm im Auslande". „Die erste Idee, – heißt es in den „Schritten" gleich darauf von der Idee des Zentralismus überhaupt – als die allein (hört!) grundsätzliche, sollte (nach dem Plan der alten „Iskra") das ganze Statut durchdringen; die zweite, als partielle, durch die zeitweiligen Umstände des Ortes und der Art des Vorgehens hervorgerufene, äußerte sich in der scheinbaren Abweichung vom Zentralismus, in der Schaffung von zwei Zentren" (S. 28). Wir überlassen nun dem Leser das Urteil über die polemischen Methoden des „Nowoje Wremja" unserer Partei! Die „Iskra" versucht einfach den Leser zu täuschen, indem sie ihm vorenthält, 1. dass Lenin schon längst auf die zeitweilige, partielle Bedeutung der Idee des Doppelzentrums hingewiesen hat; 2. dass Lenin deshalb das Eintreten der Opportunisten für ein einziges Zentrum nie durch allgemeine Prinzipien zu erklären gesucht hat, sondern ausschließlich „durch die zeitweiligen Umstände des Ortes und der Art des Vorgehens", durch solche Umstände, wo der opportunistische Flügel der Partei faktisch für ein einziges Zentrum eintrat und eintreten musste. Dass die alte „Iskra" ein Bollwerk des Kampfes gegen den Opportunismus war, ist eine Tatsache. Dass auf dem Parteitag gerade der opportunistische Flügel die Minderheit bildete, ist auch eine Tatsache. Ist es da verwunderlich, dass jetzt, nachdem die neue „Iskra" sich als opportunistisch erwiesen, nachdem Russland größere prinzipielle Festigkeit und Standhaftigkeit in den Parteifragen an den Tag gelegt hat als das Ausland, dass jetzt die „zeitweiligen Umstände" sich geändert haben? Es würde uns jetzt nicht im Geringsten überraschen, wenn die Rabotschedjelzen, Martynow, der „Sumpf" und die neue „Iskra" (beispielsweise auf dem dritten Parteitag) für zwei Zentren und alle Bolschewiki (oder fast alle) für ein Zentrum einträten. Das wäre nur eine Änderung der Kampfesmittel, entsprechend den „zeitweiligen Umständen", für dieselben Prinzipien der revolutionären Sozialdemokratie, die Prinzipien der alten „Iskra", für die Lenin und die Bolschewiki unbeirrt gekämpft haben und kämpfen. In einer solchen Wendung „Wunder" erblicken, können nur Leute vom Schlage des „Nowoje Wremja". (Wir sagten, dass fast alle Bolschewiki für ein Zentrum sein dürften. Wie es auf dem dritten Parteitag sein wird, werden wir sehen. Unter uns gibt es verschiedene Meinungen über die Bedeutung der „zeitweiligen Umstände des Ortes und der Art des Vorgehens", und alle diese Meinungen werden wir auf dem Parteitag gegeneinander halten und „zusammenfassen".)

Wir glauben, durch das Vorhergehende dürften die Methoden der Polemik der neuen „Iskra" zur Genüge geklärt sein, und wir können uns nunmehr kürzer fassen. Die „Iskra" sagt, das Büro der Komitees der Mehrheit hätte die Parteidisziplin verletzt, indem es entgegen dem Parteistatut, unter Umgehung des Parteirates den Parteitag einberuft. Das ist nicht wahr, denn der Parteirat hat durch die Ablehnung des Parteitages viel früher die Statuten verletzt. Wir haben das vor längerer Zeit und offen in der Presse dargelegt (Orlowski)5. Nachdem die Menschewiki durch die geheime Spaltung die Partei zerrissen und durch Betrug sich dem Parteitag entzogen haben, blieb uns kein anderer praktischer Ausweg aus der dummen Lage, als ein Parteitag gegen den Willen der Zentralinstanzen. Die „Iskra" sagt, der Leitartikel in Nr. 9 des „Wperjod" – „Neue Aufgaben und neue Kräfte" –, in dem die Notwendigkeit betont wird, sehr erheblich die Zahl der mannigfaltigsten Parteiorganisationen zu erhöhen, der Idee des Leninschen ersten Punktes des Statuts widerspreche, denn Lenin habe, als er seine Idee auf dem Parteitag verteidigte, von der Notwendigkeit gesprochen, den Begriff der Partei einzuengen. Diesen Einwand der „Iskra" könnte man als Gymnasialaufgabe der Logik empfehlen, um die Jugend über Polemik zu unterrichten. Die Bolschewiki sagten und sagen, man müsse die Partei auf eine Summe oder einen Komplex von Parteiorganisationen beschränken und dann die Zahl dieser Organisationen vermehren (siehe Protokolle des Parteitages sowie die „Schritte", S. 40, und andere, besonders S. 40, 41 u. 46). Die neue „Iskra" verwechselt die Erweiterung des Rahmens der Partei mit der Erweiterung des Begriffs der Partei, die Erhöhung der Zahl der Parteiorganisationen mit der Erweiterung der Partei über die Grenzen der Parteiorganisationen hinaus! Um dieses kopfzerbrechende Ding zu erklären, wollen wir ein kleines, nicht allzu schwieriges Beispiel anführen: nehmen wir der Einfachheit halber an, eine ganze Armee bestehe aus Personen der gleichen Waffengattung; den Bestand der Armee muss man auf die Summe der Personen beschränken, die wirklich, nachgewiesenermaßen, schießen können, ohne zu dulden, dass man sich mit Phrasen und Beteuerungen ihrer Kriegstauglichkeit darüber hinwegsetzt, sodann muss man sich alle Mühe geben, die Zahl der Leute, die fähig sind, die Prüfung in der Schießkunst zu bestehen, zu vermehren. Beginnt ihr nun, ihr Herren von der neuen „Iskra", ein wenig zu begreifen, worum es sich handelt?

Die „Iskra" schreibt, um den „Wperjod" bloßzustellen:

Früher wurden nur konsequente Sozialdemokraten verlangt, die als solche anerkannt werden mussten, jetzt werden in das Allerheiligste alle Elemente zugelassen, mit Ausnahme der bewusst nichtsozialdemokratischen."

Nehmen wir die Nummer 9 des „Wperjod" und lesen:

Mögen alle … Zirkel, außer den bewusst nichtsozialdemokratischen entweder direkt in die Partei eintreten, oder sich eng an die Partei anlehnen (vom Verfasser gesperrt). Im letzteren Falle darf man weder die Annahme unseres Programms noch bindende organisatorische Beziehungen zu uns verlangen."

Ist es nicht klar, dass die „Iskra" direkt verdreht, indem sie das, was „früher" für den Eintritt in die Partei „verlangt wurde", mit dem verwechselt, was „jetzt" für eine Gruppe, die sich an die Partei anlehnt, „zugelassen wird"? Die Bolschewiki haben früher gesagt und sagen auch jetzt im „Wperjod", dass die Selbsteinreihung in die Partei intelligenzlerischer Anarchismus ist, dass die Parteimitglieder die „bindenden organisatorischen Beziehungen" nicht nur in Worten anerkennen müssen. Dies nicht begreifen kann nur jemand, der absichtlich Verwirrung stiften will. Die Losung des „Wperjod" war: für die neuen Aufgaben organisiert neue Kräfte in den Parteiorganisationen oder wenigstens in Organisationen, die sich an die Partei anlehnen. Die Losung der „Iskra" war: Weit auf das Tor! Die einen sagen: nehmt neue Schützen in eure Regimenter auf, organisiert diejenigen, die schießen lernen, zu Hilfsabteilungen. Die anderen sagen: Weit auf das Tor! Jeder, der Lust hat, mag sich selbst in die Armee einreihen.

In der Frage der Organisation der Revolution und der Organisation der Bewaffnung will uns jetzt die „Iskra" weismachen, dass sie mit dem „Wperjod" keine Meinungsverschiedenheiten habe. Wir fragen vor allem: und wie verhält es sich mit Parvus? Wenn der verruchte „Wperjod" die Meinungsverschiedenheiten erfunden hat, warum sprecht ihr euch nicht freimütig aus mit dem Freund der neuen „Iskra", Parvus, den man doch nicht der Nörgelei gegenüber der „Iskra" verdächtigen kann? Ihr selber musstet doch als erste zugeben, mit Parvus nicht einverstanden zu sein? Wozu dieses Versteckspiel? Dem Wesen der Sache nach erwidert die neue „Iskra" dem „Wperjod" genau so, wie das „Rabotscheje Djelo" der alten „Iskra" erwiderte. Man kann den Genossen, die sich für die Geschichte ihrer Partei interessieren, nicht genug empfehlen, das „Rabotscheje Djelo" wieder zu lesen, besonders die Nummer 10.6 Dem „Rabotscheje Djelo" wurde nachgewiesen, dass es die Aufgaben des politischen Kampfes herabsetzt. Es erwiderte darauf: und die „Iskra" unterschätzt den ökonomischen Kampf. Der neuen „Iskra" wird nachgewiesen, dass sie die Aufgaben, die Revolution zu organisieren, den Aufstand durchzuführen, die Arbeiter zu bewaffnen, die Aufgabe der Beteiligung der Sozialdemokratie an der provisorischen revolutionären Regierung herabsetzt. Die neue „Iskra" erwidert: und der „Wperjod" unterschätzt die Spontaneität der Revolution und des Aufstandes, den Vorrang der Politik vor der „Technik" (Bewaffnung). Die gleichartige chwostistische Stellung führt zu gleichartigen Argumenten. Ihr Unvermögen, in der Frage der neuen Aufgaben eine richtunggebende Losung auszugeben, bemänteln sie mit dem Gerede, dass die alten Aufgaben doppelt wichtig seien. Einzelne Worte werden aus dem Zusammenhang gerissen, um zu zeigen, wie der Opponent selber die Bedeutung der alten Aufgaben, die Bedeutung des Abc der Sozialdemokratie schätze. Natürlich, liebe Genossen von der neuen „Iskra", schätzen wir sehr das Abc der Sozialdemokratie, aber wir wollen nicht ewig beim bloßen Abc stehen bleiben. Das ist alles. Weder Parvus noch dem Büro der Komitees der Mehrheit noch dem „Wperjod" ist es jemals in den Sinn gekommen, gegen jenes Abc zu streiten, dass die Arbeiter selbst sich bewaffnen können, werden und sollen, auch ohne die Organisationen und die Partei. Wenn aber die „Iskra" ihre berühmte „Selbstbewaffnung" als Losung aufstellt, so lächeln alle selbstverständlich beim Anblick einer solchen Anbetung der Spontaneität. Wenn die „Iskra", Parvus korrigierend, eine neue, der tiefsinnigsten Werke Kritschewskis und Akimows würdige, Aufgabe entdeckt, „die Arbeiter mit dem brennenden Bedürfnis nach Selbstbewaffnung zu bewaffnen", so ist es natürlich, dass sie sich nur Spott zuzieht. Wenn die „Iskra" in einem Moment, wo zu den alten Aufgaben der Sozialdemokratie neue Aufgaben der Bewaffnung der Massen, des Straßenkampfes usw. hinzugekommen sind, nichts Eiligeres zu tun hat, als diese Aufgaben (an deren Verwirklichung man kaum erst herangetreten ist) durch geringschätzige Klügeleien über die „Technik" und ihre nebensächliche Rolle herabzuwürdigen –, wenn statt einer Ergänzung der alten, üblichen und ständigen politischen Aufgaben der Partei durch die neuen Aufgaben der „Technik" die „Iskra" Betrachtungen über die Trennung der einen von den anderen in den Vordergrund rückt, so sehen alle in diesen Betrachtungen selbstverständlich eine neue Spielart des Chwostismus.

Zum Schluss wollen wir als Kuriosum den Versuch der „Iskra" erwähnen, die gute Reputation von sich abzuwälzen, die sie durch ihre berühmte Theorie: keine Panik verursachen, erworben hat. Die „Iskra" selbst bezeichnet schon jetzt diese Frage als „berühmt" und sucht nachzuweisen, dass das Büro der Komitees der Mehrheit ebenfalls predige, „keine Panik zu erzeugen", wenn es in seinem Flugblatt über den Aufstand empfiehlt, bei der Vernichtung von Eigentum der Kleinbürger (wenn es nicht absolut notwendig ist) vorsichtig zu sein, um sie nicht unnütz scheu zu machen.7 Die „Iskra" jubelt: na also, ihr wollt auch nicht einschüchtern!

Das ist doch herrlich, nicht wahr? Eine Vereinbarung mit den Semstwoleuten, bei einer friedlichen Demonstration keine Panik zu verursachen, wird verglichen mit einer Warnung vor der Zerstörung von Eigentum ohne besondere Not während des Aufstandes! Und dabei: auf der einen Seite „Demonstrationen von höherem Typus", auf der anderen Seite die verächtliche, niedrige „Technik" des bewaffneten Straßenkampfes … Eine kleine Frage, Freunde: Warum ist denn jeder Sozialdemokrat* einverstanden und wird einverstanden sein mit dem Rat, die Kleinbürger während des Aufstandes nicht ohne Not einzuschüchtern, und umgekehrt, warum ist euer Plan der Semstwokampagne, nach eurem eigenen Geständnis, unter den Sozialdemokraten „berühmt" geworden? Warum protestierten gegen diesen Plan aus euren eigenen Reihen sowohl Parvus als auch viele andere? Warum geniert ihr euch bis heute selbst, diesen berühmten Plan zu veröffentlichen? Nicht etwa deshalb, weil eure Ratschläge in eurem famosen Schreiben ebenso deplatziert und lächerlich waren, wie die Ratschläge des Büros unbestritten und von der Sozialdemokratie allgemein anerkannt sind?

1 Im „Wperjod" hieß es in einer Fußnote zu diesem Artikel: „Erscheint wegen Raummangels verspätet". Der Artikel war somit vor Erscheinen der vorhergegangenen Nummer 14 des „Wperjod" geschrieben.

2 Der Verfasser des Artikels „Die Zickzacke des festen Kurses" war Dan.

3 In einem Artikel: „Die neugebackenen Führer der Sozialdemokratie Russlands", gezeichnet „Derselbe Arbeiter" in der Sonderbeilage zu Nr. 86 der „Iskra" vom 3./16.Februar 1905 heißt es: „Jawohl, verehrter Verfasser, ich nehme Ihre Herausforderung an und behaupte kühn und entschieden, dass nirgends, in keiner sozialdemokratischen Schrift, die große historische Bedeutung des Proletariats und seine Fähigkeit zu zielbewusstem sozialistischem Kampf so herabgesetzt wird, wie in den Schriften Lenins. Und nirgends, in keiner sozialdemokratischen Partei – insbesondere in unserer – wurde das Proletariat so in den Rahmen der Untätigkeit gezwängt, d. h. nirgends und niemals wurde seine Selbsttätigkeit so auf den Nullpunkt reduziert, wie in der Periode der ,alten Iskra', deren eifriger Verteidiger Sie sind!"

4 Gemeint ist der Artikel Rjadowois „Rosa Luxemburg gegen Karl Marx" in der Broschüre von Galerka und Rjadowoi, „Unsere Missverständnisse", Genf 1904 (russisch). In einem Abschnitt seines Artikels trat Rjadowoi für die Beseitigung des Dualismus in der Parteiführung ein.

5 Gemeint ist die Broschüre von Orlowski (Pseudonym Worowskis): „Der Parteirat gegen die Partei", Genf 1904 (russisch).

6 Bezieht sich auf folgende Artikel in Nr. 10 des „Rabotscheje Djelo": B. Kritschewski, „Prinzipien, Taktik und Kampf"; A. Martynow, „Enthüllungsliteratur und proletarischer Kampf".

7 Das Flugblatt des Büros der Komitees der Mehrheit, von dem hier die Rede ist, findet sich in Nr. 9 des „Wperjod" vom 23. Februar/8. März 1905.

* Bloß die Anarchisten waren bisher damit nicht einverstanden. In ihrem Flugblatt fielen sie über den „Wperjod" her, indem sie eine völlige Verkennung des Unterschieds zwischen dem demokratischen und dem sozialdemokratischen Umsturz offenbarten.

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