Wladimir I. Lenin: Der entlarvte Parteirat [„Wperjod" Nr. 15, 7./20. April 1905. Nach Sämtliche Werke, Band 7, 1929, S. 310-314] Soeben erschien als Sonderdruck aus der Nr. 95 der „Iskra" ein Beschluss des „Parteirates", datiert Genf, 7. April 1905. Dieser Beschluss stellt ein fortlaufendes Netz von „Abweichungen von der Wahrheit" dar. Die wichtigsten seien hier festgehalten. Man sagt uns, der Parteirat habe dafür gesorgt, dass der Kampf in der Partei deren Einheit nicht untergrabe. Das ist eine Unwahrheit. Aus unwiderlegten und unwiderlegbaren Dokumenten müssen alle Parteimitglieder wissen, dass die ZK-Mitglieder Lenin und Wassiljew vor mehr als einem Jahre, im Januar 1904, im Parteirat den Vorschlag machten, einen Aufruf an die gesamte Partei zu erlassen, mit der Aufforderung, dem Boykott und der Aneignung von Geldern der Gesamtpartei durch Zirkel ein Ende zu machen. Der Parteirat lehnte ihren Vorschlag ab. Statt dessen nahm der Parteirat direkten Anteil an der geheimen Spaltung der Partei und sanktionierte den Kampf der geheimen Organisation der Minderheit um die „Kooptation". Dieser Kampf wurde, wie jetzt dokumentarisch nachgewiesen ist, seit dem zweiten Parteitag betrieben, d. h. von August 1903 bis November oder Dezember 1904. Also, seit Januar 1904 war der Parteirat nicht mehr die höchste Körperschaft der Partei, sondern ein Werkzeug der geheimen Organisation der Minderheit. Das Bestehen dieser Organisation ist öffentlich und in der Presse nicht nur von dem versöhnlerischen ZK, sondern auch von der „Iskra" selbst zur Zeit des Hinüberschwenkens des ZK auf die Seite der Minderheit zugegeben worden. Als Werkzeug der geheimen Organisation der Minderheit richtete der Parteirat alle Anstrengungen darauf, sich dem von den Komitees geforderten Gesamtparteitag zu entziehen. Volle anderthalb Jahre wurde die sozialdemokratische Arbeit in Russland durch das desorganisierende Treiben der ausländischen Minderheit gehemmt. Volle anderthalb Jahre führten die Komitees in Russland einen ununterbrochenen verzweifelten Kampf um den Parteitag, einen Kampf gegen den Genfer Rat, der die Resolutionen der Komitees entweder verheimlichte oder sie zurück sandte unter Hinzufügung gröbster Beschimpfungen („Hochstapler, banale Komödie, Fabrikation von Dokumenten" – Ausdrücke aus einem Briefe Martows, siehe die Broschüre von Orlowski: „Der Parteirat gegen die Partei"). Jeder größere Schritt dieses qualvollen Kampfes gegen das Treiben der geheimen Spalter ist jetzt dokumentarisch in der Literatur bezeugt. Schon im Oktober 1904, d. h. vor einem halben Jahre, wurde der Beweis erbracht, z. B. in der Broschüre Orlowskis: „Der Parteirat gegen die Partei", dass der Parteirat ohne Angabe von Gründen sich der ihm laut Statut obliegenden Pflicht zur Einberufung des Parteitages entzogen hat. Hierauf sprach eine lange Reihe von Parteikomitees eines nach dem anderen dem Parteirat und sämtlichen Zentralinstanzen das förmliche Misstrauen aus. Aber der Parteirat scherte sich den Teufel darum und hielt ungeniert die Partei zum Narren. Der Parteirat war ein Werkzeug der Minderheit. Der Parteirat erklärt sich jetzt in dem Beschluss vom 7. April 1905 direkt als einen der streitenden Teile, gleichzeitig aber genierte er sich nicht, den Titel, die Rechte und Vollmachten einer Körperschaft der Gesamtpartei zu benutzen und weigerte sich, der Partei das von ihr erhaltene Mandat zurückzugeben! Es war ein einziger fortlaufender schreiender Missbrauch des Vertrauens. Als nun endlich die Parteikomitees in Russland, da sie sahen, dass der Parteirat sich dem Parteitag entzieht, durch das von ihnen auf drei Konferenzen gewählte „Büro" selbst den Parteitag einberiefen, da beeilte sich selbst das auf die Seite der Minderheit übergetretene ZK, seinen Fehler zu korrigieren. Das russische ZK, das mit den Komitees der Mehrheit nicht nur nicht sympathisierte, sondern sogar gegen sie kämpfte, musste dennoch, da es die russischen Angelegenheiten sah, das wirkliche Überwiegen der Mehrheit in Russland kannte, die völlige Unparteilichkeit des Büros der Komitees der Mehrheit bei der Einberufung des Parteitages anerkennen, es musste sich gegen den Parteirat wenden. In einem Aufruf an die gesamte Partei vom 12. März 1905 wendet sich das russische ZK, wie wir es bereits in der Presse festgestellt haben und wie alle russischen Parteiarbeiter es aus der Deklaration wissen, direkt gegen den Parteirat, indem es in Punkt 5 der Deklaration erklärt, dass „die Resolution des Parteirates vom 8. März gegen den Parteitag (Nr. 89 der „Iskra") nicht als Grund zur Einstellung der Arbeiten zur Organisierung des Parteitages anerkannt" werde. Was bedeutet diese Erklärung, die unser Parteirat so sorgfältig verschweigt? Sie bedeutet, dass das russische ZK, das die russischen Angelegenheiten kennt und offenbar die Behauptung des ausländischen Rates nachgeprüft hat, diese Behauptungen als unrichtig erkennt, die Ausreden gegen die Einberufung des Parteitages für erfunden hält, die Tatsache, dass die übergroße Mehrheit der russischen Komitees, die die Möglichkeit hatten, den Sachverhalt kennenzulernen, den Parteitag fordert, für erwiesen hält. Darum also schweigt sich unser Parteirat über den Punkt 5 der Erklärung des ZK aus! Weil diese Erklärung gleichbedeutend ist mit der Feststellung der Unrichtigkeit der Behauptungen des Parteirates vor der gesamten Partei, mit der Feststellung der Fälschung der öffentlichen Meinung der Partei durch den Parteirat! Vergebens versucht deshalb der Parteirat, die Partei wieder einmal irrezuführen, indem er Beratungen oder Vereinbarungen der streitenden Teile vorschlägt. In Russland ist eine solche Vereinbarung bereits zustande gekommen. Das russische Zentrum der Minderheit war das ZK – dies wurde von der „Iskra" selbst in der Mitteilung über die Annahme der Juli-Deklaration des ZK durch die menschewistischen Organisationen offen erklärt. Das russische Zentrum der Mehrheit war das Büro der Komitees der Mehrheit. Die russischen Zentren beider streitenden Teile haben bereits eine Vereinbarung über einen gemeinsamen Parteitag getroffen. Hieraus sieht man, dass es in Russland Menschewiki gibt, die das Parteiwesen und die Parteieinheit etwas mehr schätzen als die ausländischen Menschewiki. Hieraus sieht man, dass die russischen Menschewiki selber, in Gestalt ihres Zentrums, des Zentralkomitees, den ausländischen Parteirat überführen und ihm den Rücken kehren. Hieraus sieht man, dass nach der Vereinbarung zwischen den russischen Zentren der beiden streitenden Teile von irgendeiner Vereinbarung mit dem ausländischen Rat, d. h. mit den in Genf sitzenden Gentlemen keine Rede sein kann. Vergebens spricht deshalb unser Parteirat über seinen Sturz durch das ZK in der Zukunftsform. Es ist nicht Zukunft, sondern Vergangenheit. Der fünfte Punkt des Aufrufs des ZK an die Partei vom 12. März 1905 zeigt allen, die den Sinn dessen, was sie lesen, verstehen können, dass dieser Sturz bereits erfolgt ist. Russland, in Gestalt der vereinigten Zentren der beiden Teile, hat das Ausland gestürzt. Der Parteirat repräsentiert jetzt nicht die Partei, sondern eben eine Gruppe in Genf. Wie sehr diese Schilderung der Parteiangelegenheiten richtig ist, geht mit besonderer Klarheit aus Folgendem hervor: Der Parteirat erklärt, dass sein Beschluss vom 7. April 1905 einstimmig gefasst worden sei. Die Parteimitglieder, die es lesen, müssen natürlich annehmen, dass an der Beschlussfassung auch die zwei Mitglieder des ZK im Parteirat mitgewirkt haben. Indessen muss hinter eine solche Annahme, die der Parteirat bei den Lesern hervorzurufen sucht, ein großes Fragezeichen gesetzt werden. Beweis: wie wir bereits in Nr. 13 des „Wperjod" erwähnten, haben wir noch nicht das Recht, den Vertrag zwischen dem Büro der Komitees der Mehrheit und dem ZK zu publizieren. Gleichzeitig aber wurde uns mitgeteilt, dass wenigstens ein Punkt dieses Vertrages in dem Falle zu veröffentlichen ist, wenn der Parteirat einen gegen die Einberufung des dritten Parteitages gerichteten Beschluss fassen sollte. Dieser Fall ist jetzt eingetreten. Deshalb publizieren wir nunmehr den ersten Punkt des unveröffentlichten Vertrages. „Vertrag zwischen dem Büro der Komitees der Mehrheit und dem ZK, unterzeichnet am 12. März 1905: Erster Punkt: Das Organisationskomitee, bestehend aus Vertretern des ZK und des Büros der Komitees der Mehrheit, organisiert sofort den dritten Parteitag, unabhängig von dieser oder jener Resolution des Parteirates über die Einberufung des Parteitages." Das ist doch klar? Das ZK hat sich in einer besonderen Klausel vorbehalten, die künftigen Resolutionen des Parteirates nicht zu befolgen, ohne dies einstweilen zu veröffentlichen für den Fall, dass der Parteirat ausnahmsweise ehrlich handeln sollte. Das bedeutet, dass die russischen Menschewiki noch geglaubt haben, der Parteirat könnte, sei es auch ausnahmsweise, ehrlich handeln. Die russischen Menschewiki, in Gestalt ihres russischen Zentrums, haben jetzt eine Enttäuschung erlebt. Es ist also nunmehr vollkommen bewiesen, dass das dem Parteirat durchaus günstig gestimmte ZK selbst seinen Auslandskollegen restlos entlarven musste. Jetzt bleibt uns nur übrig, den Lesern eine kleine abschließende Frage zu stellen: was soll man nach alledem von den in Genf sitzenden Mitgliedern des Parteirates denken, die in der Presse und öffentlich erklärten, dass der Beschluss des Parteirates vom 7. April 1905 in Genf einstimmig angenommen worden sei? |