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Wladimir I. Lenin 19050915 Brief an das Zentralkomitee der SDAPR

Wladimir I. Lenin: Brief an das Zentralkomitee der SDAPR1

[Geschrieben am 2./15. September 1905. Zum ersten Mal veröffentlicht 1926 im „Leninski Sbornik", Nr. 5. Nach Sämtliche Werke, Band 8, 1931, S. 270-274]

15. IX. 05

Liebe Genossen! Ich habe das Geld, 1000 Rbl = 2640 Francs, und die erste Nummer des „Rabotschij" erhalten. Sie macht einen ausgezeichneten Eindruck. Es ist zu hoffen, dass das Blatt die schwierige Aufgabe einer nicht langweiligen populären Darstellung in einem hohen Grade lösen wird. In Ton und Charakter der Darstellung liegt etwas Frisches. Ein ausgezeichneter Kampfgeist. Kurz, ich kann von ganzem Herzen zum Erfolg gratulieren und weitere Erfolge wünschen. Einstweilen hätte ich nur im Einzelnen das Folgende zu bemerken: 1. Es wäre im Hinblick auf den „aufklärenden" Charakter des Organs wünschenswert, etwas mehr über den Sozialismus zu sprechen; 2. es wäre zu wünschen, die politischen Kampflosungen enger und unmittelbarer mit den Resolutionen des 3. Parteitages und mit dem allgemeinen Geiste unserer Taktik der revolutionären Sozialdemokratie zu verknüpfen.

Jetzt zu Eurem Briefe vom 24. August/6. September 1905, dessen Ton uns alle geradezu verblüfft hat. 1. Über die Information. Ihr „könnt nicht mehr tun". Das ist nicht richtig, denn wir sehen und wissen, dass sowohl der Bund als auch die Menschewiki und auch eine Reihe von Bolschewiki mehr tun können und auch tun. Es ist Tatsache, dass ein ausländisches ZK-Mitglied schlechter unterrichtet zu sein pflegt als die Bundisten und die „Iskra". Man muss unausgesetzt und unermüdlich dafür sorgen, dass es anders wird. Hier das neueste Beispiel. Eure Resolution über den aktiven Boykott haben wir erst dieser Tage erhalten. Die aus Russland Ankommenden kennen sie schon seit Juni! Und Ihr werdet sagen, Ihr „könnt nicht mehr tun????" Die Verspätung der Resolution führte bei uns, ohne meine Schuld, zu einer Unstimmigkeit, denn ich habe den „aktiven Boykott" im „Proletarij" anders gedeutet, da ich nicht wusste, wie Ihr ihn deutet.

Da habt Ihr noch eine Tatsache des von Euch wiederhergestellten doppelten Zentrums. Im Grunde ist die Unstimmigkeit nicht groß gewesen, aber dennoch ist sie in der Frage der Aktionsmethoden der ganzen Partei nicht zu wünschen. Mir scheint, 1. dass es äußerst wichtig und vom Standpunkte der Beschlüsse des 3. Parteitages einzig richtig ist, direkt die Losung des Aufstandes und der provisorischen revolutionären Regierung in den Mittelpunkt der Agitationskampagne zu stellen; 2. dass der Rat, die Wählerversammlungen „mit Gewalt auseinanderzujagen", unbedingt fehlerhaft ist. Das wäre eine verderbliche Taktik. Eins von beiden: entweder fehlt es für die Anwendung von Gewalt in ernstem Umfang an den notwendigen Voraussetzungen – dann beschränkt man sich auf Agitation, Reden, Streiks, Demonstrationen, wobei man die Wähler überzeugt und keineswegs „auseinanderjagt". Oder die Voraussetzungen für die Anwendung der Gewalt in ernstem Ausmaße sind vorhanden – dann muss man diese Gewalt nicht gegen die Wähler, sondern gegen die Polizei und die Regierung richten. Dann macht euch an den Aufstand. Sonst lauft ihr Gefahr, in die unsinnigste Lage zu geraten: die Arbeiter „jagen" die Wähler „mit Gewalt auseinander", die Regierung verteidigt sie mit Gewalt!! Hier zeigt sich praktisch der Schaden, der dadurch entstanden ist, dass nicht die gerade und entschlossene Losung des Aufstandes als Mittelpunkt der Agitation gegen die Duma aufgestellt worden ist: bereitet den Aufstand vor, überzeugt alle (darunter auch die Wähler) von der Notwendigkeit, den Aufstand vorzubereiten, schafft Klarheit über seine Ziele, Formen, Methoden, Bedingungen, Organe, Voraussetzungen. Aber verausgabt die Kräfte nicht leichtfertig, solange sie nicht angesammelt sind, und wenn ihr die Wähler nicht überzeugen könnt, wäre es Wahnsinn, Selbstmord der Sozialdemokratie, sie gewaltsam auseinanderjagen zu wollen.

Weiter. II: Ihr schreibt, dass Ihr es mit der Organisationskommission ehrlich gemeint und den Willen des 3. Parteitages durchgeführt habt. Ich meine, dass Ihr hier offensichtlich im Unrecht seid. Über die Notwendigkeit, die Bedingungen für die Vereinigung und für die der Vereinigung dienenden zwei Parteitage (an einem Ort zu gleicher Zeit mit der Verpflichtung einer jeden Organisation, sich den Beschlüssen ihres Parteitages zu unterordnen) vorzubereiten, schrieb ich Euch schon am 2 Darüber gibt es also keine Meinungsverschiedenheiten. Aber dass Ihr die geheime Resolution (ich füge sie weiter unten bei) über die obligatorische Bestätigung der Verschmelzungsbedingungen durch den 4. Parteitag vergessen habt, diese Tatsache bleibt bestehen. Auf sie habe ich auch Gewicht gelegt. Die Organisationskommission spricht sich in zwei Punkten ihrer Erklärung („Flugschrift" des ZK, Nr. 3, S. 5), in Punkt 2 und 3, direkt gegen die Vereinigung auf dem Wege des Parteitages aus.3) Das ist nicht zu leugnen. Und Ihr lasst in Eurer Antwort keinen Ton von Eurer abweichenden Ansicht hören!! Die Sache läuft jetzt also darauf hinaus, dass Ihr die Resolution aufgehoben habt. Dass das ein Fehler ist, der korrigiert werden muss, steht fest.

Endlich ein anderer unbestreitbarer Fehler: das Ausbleiben einer direkten Antwort der Organisationskommission. Ihr schreibt, dass es „sich um eine Verschmelzung auf den Grundlagen des 3. Parteitages handelte". Verzeiht, Herrschaften! Wozu sich selbst betrügen? Wozu seine sichere Position durch eine offensichtliche Heuchelei schwächen??

Die Verschmelzung auf der Grundlage des 3. Parteitages ist abgelehnt. Sowohl Winter als auch Wadim haben sie hier unmittelbar sowohl Plechanow wie der Organisationskommission vorgeschlagen. Bei einer solchen Verschmelzung würde es nur ein Zentralorgan geben. (Plechanow hat sogar durch seine Vertrauensleute ein „Dreier"-Komitee für sie vorgeschlagen.) Bei einer solchen Verschmelzung würde es nur ein Zentralkomitee geben, das unbedingt den beiden Hälften der Partei entnommen würde, d.h. die „Kooptierung" wäre keine Kooptierung, sondern eine tatsächliche Verschmelzung.

Aber das ist abgelehnt worden. Also bleibt nur ein Abkommen bis zum 4. Parteitag und die Verschmelzung auf der „Grundlage des vierten Parteitages". Statt dieser geraden und klaren Antwort und einer allen vernehmbaren Erklärung schweigt Ihr Euch vor der Öffentlichkeit über das Wesen der Frage aus (denn die Organisationskommission schlägt offensichtlich eine Verschmelzung nicht auf der Grundlage des 4. Parteitages vor, während Ihr erwidert: Im Allgemeinen annehmbar, sehr schön, wir unterhalten uns noch darüber!). Und mir schreibt Ihr: „Unser Ultimatum war das Statut des 4. Parteitages." Und das soll kein Selbstbetrug sein? Denn wenn Ihr das öffentlich sagt, werden Euch erstens alle Bolschewiki auslachen und zweitens die Menschewiki Euch so antworten, dass alle Eure guten Verschmelzungsvorsätze zum Teufel gehen werden!

Ich meine, es ist besser, man erklärt der Partei gerade heraus: Leider haben sie eine Verschmelzung auf der Grundlage des 3. Parteitages abgelehnt. Lasst uns den 4. Parteitag so vorbereiten, dass sich gleichzeitig zwei Parteitage an ein und demselben Ort versammeln. Lasst uns den Verschmelzungsplan ausarbeiten. Etwa so: in allen Parallelorganisationen, überall, zu gleichen Teilen die einen und die anderen (à la Nikolajew). Wenn es in dieser Weise geschehen soll, dann stellt eine Liste der parallelen Organisationen zusammen, eine vollständige Liste, und lasst sie alle sich dazu äußern. Dann kommt das ZK, etwa auch halb und halb, also zu gleichen Teilen. Bei voller Verschmelzung lässt sich gegen eine solche „Kooptierung" prinzipiell nichts einwenden (obwohl die Frage praktisch komplizierter ist und man wissen muss, wie viel Parallelorganisationen usw. es gibt). (Nebenbei: sehr schade, dass Ihr in Nr. 1 der „Flugschriften" Euch rühmtet, zwei Drittel der Partei auf unserer Seite zu haben. Dadurch habt Ihr Euer künftiges Einverständnis mit dem „halb und halb" untergraben. Und habt Ihr überhaupt die Wahrheit gesprochen, dass es zwei Drittel sind??). Dann das Zentralorgan. Bei einer Verschmelzung sind zwei Zentralorgane nach meiner Ansicht unsinnig, und ich halte es für möglich, dass die Bolschewiki diesem Unsinn ihr auf Grund des Parteistatuts erscheinendes Organ mehrerer Komitees vorziehen werden. Bei zwei konkurrierenden Zentralorganen wird die Verschmelzung nur auf dem Papier bleiben. Dann schon lieber ein „Abkommen" auf einer der „Nikolajewschen" ähnlichen Grundlage, d.h. überall Vereinigungs- und Verständigungskommissionen auf paritätischer Grundlage.4

III. Über die Geldangelegenheit. Eure Erklärung, dass das Zentralorgan „mit ausländischen Mitteln" herausgegeben werden müsse, dass der Bankrott des ZK mit dem Zentralorgan anfangen müsse, hat uns alle wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen. Ihr schreibt, dass das kein Ausdruck der Gereiztheit und auch kein Vorwurf sei. Gestattet, Euch nicht zu glauben. Eine solche Sache ernst, ruhig und kaltblütig aussprechen, heißt den Bruch des Zentralorgans mit der Partei erklären, das aber könnt Ihr nicht gewollt haben. Das Zentralorgan der Partei auf Kosten nicht der Partei, sondern des Auslandes herauszugeben; zu beschließen, dass der Bankrott der Partei mit dem Zentralorgan anfangen (und nicht enden) müsse – das ist geradezu phänomenal. Wenn wir das ernst nähmen und nicht als Symptom einer durch vorübergehende Schwierigkeiten entstandenen Nervosität ansähen (denn im Allgemeinen habt Ihr einen „fetten" Umsatz und die Aussichten auf die 60.0005 und auf die „Unternehmung" sind dreimal so „fett"), so wären wir gezwungen, sofort Maßnahmen zu ergreifen, um zur Herausgabe eines Organs des Komitees der Ausländischen Organisationen auf Grund „ausländischer Mittel" überzugehen. Aber ich wiederhole, dass ich in dieser Eurer ungeheuerlichen Ausschreitung nur Nervosität sehe, und ich werde erst die persönliche Zusammenkunft abwarten, denn hier liegt meines Erachtens nicht der Anfang eines Bruchs, sondern ein Missverständnis vor.

Mit festem Händedruck

N. Lenin

1 Der Brief des Zentralkomitees vom 24. August/6. September 1905, auf den der vorliegende Brief Lenins die Antwort bildete, war von Reinert, Dubois und Winter unterschrieben. Als Antwort auf Vorwürfe, die Lenin in einem Briefe vom 14./27. August erhoben hatte, schreiben die drei Genannten: „Zu den Unterredungen mit der Minderheit bemerken wir vor allem, dass ihr Beginn unsererseits durchaus nicht ,als Manöver gemeint ist' und dass wir uns nicht die Erringung eines diplomatischen' Sieges über die Organisationskommission zur Aufgabe stellen." Übrigens wird in dem Briefe dann im Weiteren direkt begründet, warum im Verlaufe der Unterredungen von der geheimen Resolution des 3. Parteitages, dessen Text ihnen zuzuschicken sie Lenin bitten, zurückgetreten werden soll. Über die Vereinigung auf dem Wege eines Parteitages wird gesagt: „ … Es ergab sich keinerlei Möglichkeit, sofort mit der Aufforderung zur Vereinigung auf dem Wege eines Vereinigungsparteitages zu beginnen: es ist notwendig, dass vor allem die gesamte Partei von der vollständigen Unmöglichkeit, auf irgendeinem anderen Wege zur Wiederherstellung der Einheit zu gelangen, überzeugt werde." Der letzte Absatz des Briefes Lenins bezieht sich auf die folgenden Zeilen aus dem Brief der Zentralkomiteemitglieder: „Wir senden Euch 1000 Rubel, halten es aber dabei für unsere Schuldigkeit, Euch mitzuteilen, dass wir das zum Schaden für unsere Arbeit tun. Das zum ersten. Zum zweiten erklären wir Euch kategorisch, dass falls es unbedingt nicht möglich ist, den ,Proletarij' mit den im Auslande vorhandenen Mitteln herauszugeben, und wir gezwungen sein werden, Euch systematisch auszuhalten, uns der Bankrott bevorsteht, der mit einer Unterbrechung im Erscheinen des ,Proletarij' beginnen wird, denn es ist unmöglich, damit zu beginnen, dass wir unsere Druckereien schließen und unsere illegalen Funktionäre aufs Pflaster werfen." Auf Lenins Brief vom 2./15. September antwortete schon Reinert allein. In seinem vom 12./25. September datierten Briefe schreibt Bogdanow: „Sie haben nicht bemerkt, dass es sich um eine Unterbrechung im Erscheinen und nicht um eine Einstellung (des „Proletarij" D. Red.) handelt." Eingehend verweilt Bogdanow bei der Kritik, die Lenin an dem Flugblatt des ZK „Das Zentralkomitee über die Reichsduma" übt.

2 Das Datum ist im Manuskript nicht eingesetzt, nur der Raum dafür gelassen. Gemeint ist der Brief von 15./28. Juli. N. K. Krupskaja hat das „schon" durchgestrichen und „schon früher" darüber geschrieben D. Red.

3 Die ins Protokoll der Beratung der Vertreter der Organisationskommission und des ZK vom 12./25. Juli 1905 aufgenommene Erklärung der Vertreter der Organisationskommission und des ZK wurde in Nr. 3 der „Flugschriften des ZK" vom 22. Juli/4. August unter der Überschrift „Zur Frage der Parteivereinigung" abgedruckt. Das Protokoll der Beratung wurde in der Rubrik „Aus der Partei" in Nr. 107 der „Iskra" vom 29. Juli/11. August 1905 abgedruckt.

4 In Nr. 9 des „Proletarij" vom 20. Juni/3. Juli 1905 heißt es in der Rubrik „Aus der Partei": „Nikolajew. Wir sind mit den Menschewiki eine Vereinbarung eingegangen. Der Zweck der Vereinbarung ist die Organisierung des gemeinsamen politischen Auftretens. Hierzu entsenden beide Parteikomitees je zwei Vertreter in eine besondere Kommission, die die Bezeichnung ,Vereinigte Organisation der Sozialdemokraten der Stadt Nikolajew' erhält. § 1. Aufgabe der ,Vereinigten Organisation' ist die Ausarbeitung eines Planes des gemeinsamen Auftretens und die mit seiner Vorbereitung und Verwirklichung verbundene (mündliche und schriftliche) Agitation § 2. Der Vereinigten Organisation sind zur Verwirklichung ihrer Ziele drei Organisationen unterstellt: 1. eine technische Gruppe, 2. eine Finanzkommission und 3. eine Kampfgruppe …"

5 I. P. Ladyschnikow teilt folgendes mit: Im Jahre 1904 erhielt Parvus von Gorki für Deutschland das Recht der Aufführung seines neuen Stückes „Nachtasyl". Den Erlös sollte er an die Parteikasse für die Bedürfnisse der illegalen ausländischen Presse der SDAPR abführen. Aus den Abrechnungen Parvus' ging hervor, dass er für die Aufführung des „Nachtasyl" in Deutschland 60.000 Mark erhalten hatte. Parvus führte dieses Geld nicht an die Kasse ab. Im Herbst 1905 reiste Ladyschnikow mit einer Vollmacht Gorkis ins Ausland, um das Geld von Parvus in Empfang zu nehmen. Ladyschnikow wandte sich durch Vermittlung Bebels und Kautskys an Parvus. Parvus antwortete diesen beiden, dass er das Geld nicht geben könne, weil er es für die Organisierung der Schauspielertruppe verausgabt habe. Aus taktischen Rücksichten waren Bebel und Kautsky gegen die Veröffentlichung der festgestellten Tatsache. Pаrvus fuhr dann bald nach Russland.

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