III. Trade-unionistische und sozialdemokratische Politik

III. Trade-unionistische und sozialdemokratische Politik

Beginnen wir wiederum mit einem Lob für das „Rabotscheje Djelo". „Die Enthüllungsliteratur und der proletarische Kampf" – so betitelt Martynow seinen Artikel in Nr. 10 des „Rabotscheje Djelo" über die Meinungsverschiedenheiten mit der „Iskra". „Wir können uns nicht nur auf das Enthüllen der Zustände beschränken, die ihrer (der Arbeiterpartei) Entwicklung im Wege stehen. Wir müssen auch auf die unmittelbaren Tagesinteressen des Proletariats reagieren" (S. 63) – so formulierte er das Wesen dieser Meinungsverschiedenheiten. „…Die ,Iskra' ist faktisch das Organ der revolutionären Opposition, das unsere Zustände, und vor allem die politischen Zustände zu entlarven sucht… Wir aber arbeiten und werden arbeiten für die Arbeitersache in enger organischer Verbindung mit dem proletarischen Kampf" (ebenda). Für diese Formulierung muss man Martynow dankbar sein. Sie gewinnt ein hervorragendes allgemeines Interesse, denn sie umfasst eigentlich nicht nur unsere Meinungsverschiedenheiten mit dem „Rabotscheje Djelo", sondern überhaupt alle Meinungsverschiedenheiten zwischen uns und den „Ökonomisten" in der Frage des politischen Kampfes. Wir haben bereits nachgewiesen, dass die „Ökonomisten" die „Politik" nicht bedingungslos ablehnen, sondern nur ständig aus der sozialdemokratischen Auffassung der Politik in die trade-unionistische verfallen. Dasselbe geschieht mit Martynow, und darum wollen wir ihn als Musterbeispiel der ökonomistischen Verirrungen in dieser Frage wählen. Gegen eine solche Wahl – das werden wir zu beweisen suchen – werden weder die Verfasser der „Sonderbeilage" zur „Rabotschaja Mysl" noch die Verfasser des Flugblattes der „Gruppe der Selbstbefreiung" noch die Verfasser des ökonomistischen Briefes in Nr. 12 der „Iskra" Einspruch erheben können.

a) Die politische Agitation und ihre Einschränkung durch die Ökonomisten

Jeder weiß, dass die weite Verbreitung und das Erstarken des ökonomischenA Kampfes der russischen Arbeiter Hand in Hand ging mit dem Entstehen einer „Literatur" der ökonomischen (Fabrik und Beruf betreffenden) Enthüllungen. Der Hauptinhalt der „Flugblätter" bestand in Enthüllungen der Zustände in den Fabriken, und bald entbrannte in Arbeiterkreisen eine wahre Leidenschaft für Enthüllungen. Sobald die Arbeiter sich überzeugt hatten, dass die sozialdemokratischen Zirkel ihnen eine neue Art von Flugblättern geben wollen und können, in denen die ganze Wahrheit über ihr elendes Leben, ihre übermäßig schwere Arbeit und Rechtlosigkeit enthalten ist, begann es Korrespondenzen aus Fabriken und Betrieben nur so zu regnen. Diese „Ent-hüllungsliteratur" rief ungeheure Sensation nicht nur in der Fabrik hervor, deren Zustände in dem betreffenden Flugblatt gegeißelt wurden, sondern in allen Fabriken, in denen man irgend etwas von den enthüllten Tatsachen gehört hatte. Und da das Elend und die Nöte der Arbeiter verschiedener Berufe und verschiedener Betriebe viele gemeinsame Züge aufweisen, so waren alle von der „Wahrheit über das Leben der Arbeiter" begeistert. Unter den rückständigsten Arbeitern entstand eine wahre Leidenschaft, „gedruckt zu werden", – eine edle Leidenschaft für diese Keimform des Kampfes gegen die gesamte heutige Gesellschaftsordnung, die auf Raub und Unterdrückung aufgebaut ist. Und die „Flugblätter" waren in der übergroßen Mehrheit der Fälle wirklich eine Kriegserklärung, denn die Enthüllung übte eine stark erregende Wirkung aus und rief in den Arbeitern das allgemeine Verlangen nach Beseitigung der schlimmsten Missstände und die Bereitschaft hervor, diese Forderungen durch Streiks zu unterstützen. Die Fabrikbesitzer selber waren letzten Endes so sehr gezwungen, die Bedeutung dieser Flugblätter als Kriegserklärung anzuerkennen, dass sie sehr oft den Krieg selber erst gar nicht abwarten wollten. Die Enthüllungen übten, wie immer, allein schon durch die Tatsache ihrer Veröffentlichung eine starke Wirkung aus, sie gewannen die Bedeutung eines machtvollen moralischen Druckmittels. Es geschah oft, dass schon allein das Erscheinen des Flugblattes genügte, damit sämtliche oder ein Teil der Forderungen erfüllt wurden. Mit einem Worte, die ökonomischen (Fabrik-) Enthüllungen waren und sind noch jetzt ein wichtiger Hebel im ökonomischen Kampf. Und diese Bedeutung werden sie behalten, solange der Kapitalismus besteht, der die Arbeiter notwendigerweise zur Selbsthilfe greifen lässt. In den fortgeschrittensten europäischen Ländern kann man auch jetzt noch sehen, wie die Enthüllung der Missstände in irgendeinem Winkel-„Gewerbe" oder in irgendeinem gottvergessenen Zweig der Heimarbeit als Ausgangspunkt zum Erwachen des Klassenbewusstseins, zum Beginn des gewerkschaftlichen Kampfes und der Verbreitung des Sozialismus dient.B

Die überwiegende Mehrheit der russischen Sozialdemokraten war in der letzten Zeit fast vollkommen in Anspruch genommen durch diese Arbeit der Organisierung von Fabrikenthüllungen. Es genügt, an die „Rabotschaja Mysl" zu denken, um zu sehen, wie sehr man von dieser Arbeit erfüllt war, wie man dabei vergaß, dass das an und für sich eigentlich noch keine sozialdemokratische, sondern nur eine trade-unionistische Tätigkeit war. Die Enthüllungen erfassten eigentlich nur die Beziehungen der Arbeiter eines bestimmten Berufes zu ihren Unternehmern und erreichten nur, dass die Verkäufer der Arbeitskraft es lernten, diese „Ware" günstiger zu verkaufen und den Kampf gegen den Käufer auf dem Boden eines reinen Handelsgeschäftes zu führen. Diese Enthüllungen konnten (unter der Bedingung einer gewissen Ausnutzung durch die Organisation der Revolutionäre) zum Beginn und zu einem Bestandteil der sozialdemokratischen Tätigkeit werden, sie konnten aber auch (und durch die Anbetung der Spontaneität mussten sie es) zu einem „nur-gewerkschaftlichen" Kampf und einer nicht-sozialdemokratischen Arbeiterbewegung führen. Die Sozialdemokratie leitet nicht nur den Kampf der Arbeiterklasse um günstige Bedingungen für den Verkauf ihrer Arbeitskraft, sondern auch den Kampf um die Beseitigung der Gesellschaftsordnung, die die Besitzlosen zwingt, sich an die Reichen zu verkaufen. Die Sozialdemokratie vertritt die Arbeiterklasse nicht nur in ihrem Verhältnis zu einer bestimmten Unternehmergruppe, sondern in ihrem Verhältnis zu allen Klassen der modernen Gesellschaft, zum Staat, als der organisierten politischen Macht. Daraus folgt, dass die Sozialdemokraten sich nicht nur nicht auf den ökonomischen Kampf beschränken können, sondern es auch nicht zulassen dürfen, dass die Organisierung der ökonomischen Enthüllungen zu ihrer hauptsächlichen Tätigkeit wird. Wir müssen aktiv an die politische Erziehung der Arbeiterklasse, an die Entwicklung ihres politischen Bewusstseins herangehen. Damit sind jetzt, nach dem ersten Angriff der „Sarja" und der „Iskra" auf den Ökonomismus, „alle einverstanden" (manche allerdings nur in Worten, wie wir bald sehen werden).

Es fragt sich nun, worin die politische Erziehung bestehen muss. Kann man sich beschränken auf die Propaganda der Idee der Feindschaft der Arbeiterklasse gegen den Absolutismus? Natürlich nicht. Es genügt nicht, die politische Unterdrückung der Arbeiter zu erklären (wie es nicht genügte, ihnen den Gegensatz zwischen ihren Interessen und den Interessen der Unternehmer zu erklären). Es ist notwendig, aus Anlass einer jeden konkreten Erscheinung dieser Unterdrückung Agitation zu treiben (wie wir aus Anlass der konkreten Erscheinungen der ökonomischen Unterdrückung zu agitieren begonnen haben). Und da unter dieser Unterdrückung die verschiedensten Gesellschaftsklassen zu leiden haben, da sie auf den verschiedensten Lebens- und Tätigkeitsgebieten, dem gewerkschaftlichen, dem allgemein-bürgerlichen, dem persönlichen, dem der Familie, dem religiösen, dem wissenschaftlichen usw. usw. in Erscheinung tritt, – ist es da nicht klar, dass wir unsere Aufgabe, das politische Bewusstsein der Arbeiter zu entwickeln, nicht erfüllen, wenn wir nicht die Organisierung der allseitigen politischen Entlarvung des Absolutismus auf uns nehmen? Ist es doch, um aus Anlass der konkreten Erscheinungen der Unterdrückung Agitation zu treiben, notwendig, diese Erscheinungen zu enthüllen (wie man die Missstände in den Fabriken enthüllen musste, um ökonomische Agitation zu treiben).

Es scheint, als müsste das klar sein? Aber gerade hier zeigt es sich, dass die Notwendigkeit der allseitigen Entwicklung des politischen Bewusstseins nur in Worten „allgemein" anerkannt wird. Gerade hier zeigt es sich, dass z. B. das „Rabotscheje Djelo" nicht nur nicht die Aufgabe übernahm, die allseitigen politischen Enthüllungen zu organisieren (oder den Anfang damit zu machen), sondern dass es sogar versuchte, die „Iskra", die an diese Aufgabe herangegangen war, davon wieder abzubringen. Man höre:

Der politische Kampf der Arbeiterklasse ist nur" (eben nicht nur) „die entwickelteste, breiteste und realste Form des ökonomischen Kampfes" (Programm des „Rabotscheje Djelo", „Rabotscheje Djelo" Nr. 1, S. 3). „Jetzt stehen die Sozialdemokraten vor der Aufgabe – nach Möglichkeit dem „ökonomischen Kampf selber einen politischen Charakter zu verleihen" (Martynow in Nr. 10, S. 42). „Der ökonomische Kampf ist das weitest anwendbare Mittel zur Heranziehung der Massen zum aktiven politischen Kampf" (Resolution der Konferenz des Auslandsbundes und „Zusatzanträge" – „Zwei Konferenzen", S. 11 und 17). Alle diese Grundsätze durchdringen, wie der Leser sieht, das „Rabotscheje Djelo" vom Beginn seines Bestehens an bis zu den letzten „Redaktionsinstruktionen", und sie alle bringen ein und dieselbe Ansicht über die politische Agitation und den politischen Kampf zum Ausdruck. Man betrachte diese Ansicht vom Standpunkte der bei allen Ökonomisten herrschenden Meinung, dass die politische Agitation nach der ökonomischen kommen müsse. Ist es wahr, dass der ökonomische Kampf im AllgemeinenC „das weitest anwendbare Mittel" zur Heranziehung der Massen zum politischen Kampf ist? Das ist absolut unwahr. Ein nicht weniger „weit anwendbares" Mittel für eine solche „Heranziehung der Massen ist die Enthüllung aller Äußerungen der polizeilichen Verfolgung und der Exzesse des Absolutismus und nicht nur der Erscheinungen, die mit dem ökonomischen Kampf verknüpft sind. Die Bezirkshauptleute und die Prügelstrafen gegen Bauern, die Bestechlichkeit der Beamten und die Behandlung des „einfachen Volkes" durch die Polizei in den Städten, der Kampf gegen die Hungernden und die Unterdrückung jedes Strebens des Volkes nach Licht und Wissen, das Auspressen der Steuern und die Verfolgungen der Sektierer, der Drill der Soldaten und die rekrutenmäßige Behandlung der Studenten und liberalen Intellektuellen, – warum sollen diese und tausend andere ähnliche Erscheinungen der Unterdrückung, die nicht unmittelbar mit dem „ökonomischen" Kampf verknüpft sind, weniger „weit anwendbare" Mittel und Anlässe zur politischen Agitation, zur Heranziehung der Massen zum politischen Kampf darstellen? Ganz im Gegenteil: in der Gesamtsumme jener Fälle des Lebens, in denen der Arbeiter unter Rechtlosigkeit, Willkür und Gewalttätigkeit (gegen ihn oder ihm nahestehende Menschen) zu leiden hat, bilden zweifellos die Fälle der polizeilichen Verfolgung gerade im gewerkschaftlichen Kampf nur eine geringe Minderheit. Warum also von vornherein den Umfang der politischen Agitation einschränken, indem man für „weitest anwendbar" nur eines der Mittel erklärt, neben dem es für einen Sozialdemokraten viele andere geben muss, die, allgemein gesprochen, nicht weniger „weit anwendbar" sind?

In längst, längst vergangenen Zeiten (vor einem Jahre!…) schrieb „Rabotscheje Djelo": „Die nächsten politischen Forderungen werden den Massen zugänglich nach einem oder im äußersten Falle nach mehreren Streiks", „sobald die Regierung Polizei und Gendarmerie in Bewegung gesetzt hat" (Nr. 7, S. 15, August 19001). Diese opportunistische Stadien-Theorie ist jetzt bereits aufgegeben vom Auslandsbund, der uns ein Zugeständnis macht, indem er erklärt: „Es besteht gar keine Notwendigkeit, die politische Agitation im Anfang nur auf ökonomischem Boden zu betreiben" („Zwei Konferenzen", S. 11). Der künftige Historiker der russischen Sozialdemokratie wird schon aus dem Umstand allein, dass der Auslandsbund einen Teil seiner alten Fehler abschwört, besser als aus langen Erörterungen ersehen, wie sehr unsere Ökonomisten den Sozialismus degradiert haben! Aber welche Naivität von Seiten des Auslandsbundes, anzunehmen, dass dieser Verzicht auf eine Form der Einengung der Politik uns bewegen könnte, mit einer anderen Form der Einengung einverstanden zu sein! Wäre es nicht logischer, auch hier zu sagen, dass der ökonomische Kampf in möglichst breitem Umfang geführt, dass er stets ausgenützt werden muss für die politische Agitation, dass jedoch „keine Notwendigkeit besteht", den ökonomischen Kampf als das weitest anwendbare Mittel zur Heranziehung der Massen zum aktiven politischen Kampf zu betrachten2?

Der Auslandsbund misst dem Umstand Bedeutung bei, dass er den Ausdruck „das beste Mittel", der in der entsprechenden Resolution des IV. Parteitages3 des jüdischen Arbeiterbundes (Bund) enthalten ist, ersetzt hat durch den Ausdruck „das weitest anwendbare Mittel". Es ist tatsächlich schwierig, zu sagen, welche von den beiden Resolutionen die bessere ist: unserer Meinung nach sind beide schlechter. Sowohl der Auslandsbund als auch der [jüdische] Bund verfallen hier (zum Teil vielleicht sogar unbewusst, unter dem Einfluss der Tradition) in die ökonomistische, trade-unionistische Auslegung der Politik. Ob das nun mit Hilfe der Worte „weitest anwendbar" oder des Wortes „beste" geschieht, – ändert an der Sache nichts. Wenn der Auslandsbund gesagt hätte, dass „die politische Agitation auf ökonomischem Boden" das weitest angewandte (und nicht „anwendbare") Mittel sei, so hätte er recht in Bezug auf eine bestimmte Periode der Entwicklung unserer sozialdemokratischen Bewegung. Namentlich hätte er recht in Bezug auf die Ökonomisten, in Bezug auf viele Praktiker (wenn nicht auf die Mehrheit von ihnen) der Jahre 1898 bis 1901, denn diese Ökonomisten, die Praktiker, haben tatsächlich die politische Agitation fast ausschließlich auf ökonomischem Boden angewandt (soweit sie sie überhaupt angewandt haben!). Eine solche politische Agitation hat, wie wir sahen, sowohl „Rabotschaja Mysl" als auch die „Gruppe der Selbstbefreiung" anerkannt und sogar empfohlen! „Rabotscheje Djelo" hätte es entschieden verurteilen müssen, dass die nützliche der ökonomischen Agitation begleitet war von der schädlichen Einengung des politischen Kampfes, anstatt dessen erklärt man das von den Ökonomisten weitest angewandte Mittel für das weitest anwendbare! Kein Wunder, dass diesen Leuten, wenn wir sie Ökonomisten nennen, nichts anderes übrig bleibt, als uns nach allen Regeln der Kunst zu beschimpfen, uns „Mystifikatoren", „Desorganisatoren", „päpstliche Nuntien" und „Verleumder" zu nennenD, als sich gegenüber allen and jedem darüber zu beklagen, dass man ihnen eine tödliche Beleidigung zugefügt habe, als fast schwörend zu erklären: „keine einzige sozialdemokratische Organisation kann jetzt des Öko-omismus beschuldigt werden."E Ach, diese Verleumder, diese bösen – Politiker! Haben sie den ganzen Ökonomismus nicht absichtlich ausgeheckt, nur um aus Menschenhass den Leuten tödliche Beleidigungen zuzufügen?4

Welchen konkreten, realen Sinn hat im Munde Martynows die der Sozialdemokratie gestellte Aufgabe: „dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter verleihen?" Der ökonomische Kampf ist der kollektive Kampf der Arbeiter gegen die Unternehmer um günstige Bedingungen für den Verkauf der Arbeitskraft, um die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter. Dieser Kampf ist notwendigerweise ein gewerkschaftlicher, da die Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Berufen äußerst verschieden sind und folglich der Kampf um die Verbesserung dieser Bedingungen nur nach Berufen (durch die Gewerkschaften im Westen, durch die provisorischen gewerkschaftlichen Vereinigungen und durch Flugblätter in Russland usw.) geführt werden kann. „Dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter" verleihen, heißt folglich, die Verwirklichung derselben gewerkschaftlichen Forderungen, derselben gewerkschaftlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen mit Hilfe von „gesetzgebenden und administrativen Maßnahmen" (wie sich Martynow auf S. 43 seines Artikels ausdrückt) anstreben. Das eben tun alle gewerkschaftlichen Arbeiterverbände und haben sie stets getan. Man werfe einen Blick in die Werke der gründlich gelehrten (und „gründlich" opportunistischen) Eheleute Webb5, und man wird sehen, dass die englischen Arbeiterverbände die Aufgabe, „dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter zu verleihen", längst erkannt haben und sie durchführen; dass sie seit langem für Streikfreiheit, für die Beseitigung aller rechtlichen Hindernisse der genossenschaftlichen und gewerkschaftlichen Bewegung, für Gesetze zum Schutz von Frauen und Kindern, für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen mit Hilfe der Gesetzgebung im Gesundheits- und Fabrikwesen usw., kämpfen.

So verbirgt sich hinter der schwülstigen Phrase: „dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter verleihen", die „schrecklich" scharfsinnig und revolutionär klingt, eigentlich nur das traditionelle Bestreben, die sozialdemokratische Politik zur trade-unionistischen zu degradieren! Man gibt vor, die Einseitigkeit der „Iskra", die „die Revolutionierung des Dogmas über die Revolutionierung des Lebens"F stelle, korrigieren zu wollen, und tischt uns als etwas Neues den Kampf für ökonomische Reformen auf. Denn in der Tat – in dem Satz: „dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter verleihen", ist, abgesehen von dem Kampf um ökonomische Reformen, nichts enthalten. Und Martynow hätte selbst zu diesem einfachen Schluss gelangen können, wenn er sich die Bedeutung seiner eigenen Worte recht überlegt hätte.

Unsere Partei – sagt er, indem er sein schwerstes Geschütz gegen die „Iskra" auffahren lässt – könnte und müsste konkrete Forderungen gesetzgeberischer und administrativer Maßnahmen gegen die wirtschaftliche Ausbeutung, gegen die Arbeitslosigkeit, gegen die Hungersnot usw. an die Regierung stellen" (S. 42 u. 43 in Nr. 10 des „Rabotscheje Djelo").

Konkrete Forderung von Maßnahmen – ist das nicht die Forderung sozialer Reformen? Und wir fragen noch einmal die unvoreingenommenen Leser, ob wir die „Rabotschedjelzen"6 (man verzeihe mir dies plumpe Schlagwort!), die die These von der Notwendigkeit des Kampfes um ökonomische Reformen als ihre Meinungsverschiedenheit mit der „Iskra" hinstellen, verleumden, wenn wir sie verkappte Bernsteinianer nennen?

Die revolutionäre Sozialdemokratie hat den Kampf um Reformen stets in ihre Tätigkeit eingeschlossen, und tut das auch beute. Aber sie nutzt die „ökonomische" Agitation aus, um an die Regierung nicht nur die Forderung von allerhand Maßnahmen zu stellen, sondern auch (und vor allem) die Forderung, dass sie aufhöre, eine absolutistische Regierung zu sein. Außerdem hält sie es für ihre Pflicht, der Regierung diese Forderung nicht nur auf dem Boden des ökonomischen Kampfes zu stellen, sondern auch auf dem Boden aller Äußerungen des sozialpolitischen Lebens im Allgemeinen. Mit einem Wort, sie ordnet den Kampf um Reformen dem revolutionären Kampf um die Freiheit und den Sozialismus, als Teil dem Ganzen unter. Martynow aber lässt in anderer Form die Stadientheorie wieder auferstehen und ist bemüht, dem politischen Kampf unbedingt einen sozusagen ökonomischen Weg der Entwicklung vorzuschreiben. Indem er im Moment des revolutionären Aufschwunges mit einer angeblich besonderen „Aufgabe" des Kampfes um Reformen auftritt, zerrt er damit die Partei zurück und arbeitet sowohl dem „ökonomistischen" als auch dem liberalen Opportunismus in die Hand.

Weiter. Nachdem Martynow den Kampf um Reformen hinter der schwülstigen These: „dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter verleihen", schamhaft versteckt hat, stellte er als etwas Besonderes die nur ökonomischen (und sogar nur die Fabrik betreffenden) Reformen hin. Warum er das getan hat, wissen wir nicht. Vielleicht versehentlich? Aber wenn er nicht nur „Fabrik"-Reformen im Auge hätte, dann würde die eben von uns angeführte These jeden Sinn verlieren. Vielleicht, weil er von Seiten der Regierung nur „Zugeständnisse" auf ökonomischem Gebiet für möglich und wahrscheinlich hält?G Wenn ja, dann ist das ein merkwürdiger Irrtum: Zugeständnisse sind möglich und kommen vor auch7 auf dem Gebiete der Gesetzgebung über die Prügelstrafe, über das Passwesen, über die Ablösungszahlungen, über das Sektierertum, über die Zensur usw. usw. „Ökonomische" Zugeständnisse (oder Pseudo-Zugeständnisse) sind natürlich die billigsten und die bequemsten für die Regierung, denn sie hofft, dadurch das Vertrauen der Arbeitermassen zu gewinnen. Und eben darum dürfen wir Sozialdemokraten auf keinen Fall die Ansicht (oder das Missverständnis) aufkommen lassen, als seien uns ökonomische Reformen lieber, als würden wir sie für besonders wichtig halten usw.

Solche Forderungen“ – sagt Martynow von den von ihm aufgestellten konkreten Forderungen gesetzgeberischer und administrativer Maßnahmen – „wären kein leerer Schall, weil sie, da sie gewisse greifbare Resultate verheißen, von der Arbeitermasse aktiv unterstützt werden könnten."

Wir sind keine Ökonomisten, o nein! Wir kriechen nur ebenso sklavisch vor den „greifbaren" konkreten Resultaten auf dem Bauch, wie die Herren Bernstein, Prokopowitsch, Struve, R. M. e tutti quanti! Wir geben nur (zusammen mit Narziss Tuporylow) zu verstehen, dass alles, was keine „greifbaren Resultate" verheißt, „leerer Schall" sei! Wir drücken uns nur so aus, als wäre die Arbeitermasse unfähig (und als hätte sie nicht schon, trotz allen, die ihr Philistertum auf sie abwälzen wollen, ihre Fähigkeit bewiesen), jeden Protest gegen den Absolutismus aktiv zu unterstützen, auch wenn ihr das absolut keine greifbaren Resultate verheißt!

Man nehme z. B. dieselben, von Martynow selbst angeführten Beispiele der „Maßnahmen" gegen die Arbeitslosigkeit und die Hungersnot. Während „Rabotscheje Djelo", seinem Versprechen nach zu urteilen, damit beschäftigt ist, „konkrete (in der Form von Gesetzesentwürfen?) Forderungen gesetzgeberischer und administrativer Maßnahmen", die „greifbare Resultate verheißen", auszuarbeiten und durchzuarbeiten, ist die „Iskra", die „die Revolutionierung des Dogmas stets über die Revolutionierung des Lebens stellt", bemüht, den untrennbaren Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit und der gesamten kapitalistischen Gesellschaftsordnung klarzulegen, vor der „herannahenden Hungersnot" zu warnen, den polizeilichen „Kampf gegen die Hungernden" und die empörenden „provisorischen Zuchthausbestimmungen" zu brandmarken, und die „Sarja" veröffentlicht in einem besonderen Abdruck, als Agitationsbroschüre, einen Teil der der Hungersnot gewidmeten „Innerpolitischen Rundschau". Aber, lieber Gott, wie „einseitig" waren dabei die unverbesserlich-beschränkten Orthodoxen, die Dogmatiker, die für die Gebote „des Lebens selber" taube Ohren hatten! In keinem einzigen ihrer Artikel gab es – o Schrecken! – auch nur eine einzige, man stelle sich das vor: absolut nicht eine einzige „konkrete Forderung", die „greifbare Resultate verheißt!" Arme Dogmatiker! Man müsste sie den Kritschewski und Martynow in die Lehre geben, damit diese sie davon überzeugen, dass die Taktik ein Prozess des Wachstums ist, der … usw., und dass man dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter verleihen müsse!8

Der ökonomische Kampf der Arbeiter gegen die Unternehmer und gegen die Regierung (der ökonomische Kampf gegen die Regierung!!) hat außer seiner unmittelbaren revolutionären Bedeutung noch die Bedeutung, dass er die Arbeiter ständig auf die Frage ihrer politischen Rechtlosigkeit stößt" (Martynow, S. 44).

Wir haben dieses Zitat nicht angeführt, um zum hundertsten und tausendsten Male das oben Gesagte zu wiederholen, sondern um Martynow für diese neue und ausgezeichnete Formulierung unseren Dank auszusprechen: „Der ökonomische Kampf der Arbeiter gegen die Unternehmer und gegen die Regierung." Wie herrlich! Mit welch unvergleichlichem Talent, mit welch meisterhafter Eliminierung9 aller partiellen Meinungsverschiedenheiten und Unterschiede in den Schattierungen zwischen den Ökonomisten ist hier in einem kurzen und klaren Satz das ganze Wesen des Ökonomismus dargelegt, von der Aufforderung an die Arbeiter „zum politischen Kampf, den sie im allgemeinen Interesse, für die Verbesserung der Lage aller Arbeiter führen"H, über die Stadientheorie, bis zur Konferenzresolution über die „weiteste Anwendbarkeit" usw. Der „ökonomische Kampf gegen die Regierung" ist eben die trade-unionistische Politik, von der es bis zur sozialdemokratischen Politik noch sehr, sehr weit ist.

b) Wie Martynow Plechanow vertieft hat

Wie viel sozialdemokratische Lomonossows sind bei uns in letzter Zeit aufgetaucht!", (bemerkte einmal ein Genosse, der auf die erstaunliche Neigung vieler zum Ökonomismus neigender Leute anspielte, unbedingt „aus eigenem Verstand" zu den großen Wahrheiten zu gelangen (wie z. B., dass der ökonomische Kampf die Arbeiter auf die Frage ihrer Entrechtung stößt), und dabei mit der wunderbaren Nachlässigkeit genial-urwüchsiger Menschen all das zu ignorieren, was die vorhergehende Entwicklung des revolutionären Gedankens und der revolutionären Bewegung bereits gegeben hatte. Ein so urwüchsiger Mensch ist eben Lomonossow-Martynow. Man werfe einen Blick in seinen Artikel „Die aktuellen Fragen", und man wird sehen, wie er „aus eigenem Verstand" an das herangeht, was bereits vor langer Zeit von Axelrod (den unser Lomonossow natürlich mit Schweigen übergeht) gesagt wurde, wie er z. B. zu verstehen beginnt, dass wir die oppositionelle Stimmung dieser oder jener Schichten des Bürgertums nicht ignorieren dürfen („Rabotscheje Djelo" Nr. 9, S. 61, 62, 71 – vgl. mit der „Antwort" der Redaktion des „Rabotscheje Djelo" an Axelrod, S. 22 ff.) usw. Aber – leider – er „geht erst heran", er „beginnt" erst, und nicht mehr als das, denn die Gedanken Axelrods hat er trotzdem so wenig begriffen, dass er vom „ökonomischen Kampf gegen die Unternehmer und die Regierung" spricht. Im Verlaufe von drei Jahren (1898 bis 1901) hat „Rabotscheje Djelo" sich mit allen Kräften bemüht, Axelrod zu verstehen, und trotzdem ist ihm das nicht gelungen! Vielleicht kommt das auch daher, dass die Sozialdemokratie, „ebenso wie die Menschheit", sich immer nur Aufgaben stellt, die sich verwirklichen lassen?

Aber die Lomonossows zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie vieles nicht wissen (das wäre nur halb so schlimm!), sondern auch dadurch, dass sie sich ihrer eigenen Unwissenheit nicht bewusst sind. Das ist dann schon sehr schlimm, und das zwingt sie, sofort an die „Vertiefung" Plechanows heranzugehen.10

Seitdem Plechanow das genannte Büchlein geschrieben hat („Die Aufgaben der Sozialisten im Kampf gegen die Hungersnot in Russland"), ist viel Wasser ins Meer geflossen, erzählt Lomonossow-Martynow. Die Sozialdemokraten, die zehn Jahre lang den ökonomischen Kampf der Arbeiterklasse geführt haben…, haben noch nicht Zeit gehabt, der Parteitaktik eine umfassende theoretische Begründung zu geben. Jetzt ist diese Frage reif geworden, und wenn wir eine solche theoretische Begründung geben wollten, so müssten wir unbedingt jene Prinzipien der Taktik bedeutend vertiefen, die einst Plechanow entwickelte… Wir müssten jetzt den Unterschied zwischen der Propaganda und der Agitation anders bestimmen, als es Plechanow getan hat." (Martynow hatte eben die Worte Plechanows angeführt: „Der Propagandist gibt viele Ideen einer oder mehreren Personen, der Agitator aber gibt nur eine oder nur einige Ideen, dafür aber gibt er sie einer ganzen Masse von Personen"). „Unter Propaganda würden wir die revolutionäre Beleuchtung der gesamten gegenwärtigen Gesellschaftsordnung oder ihrer Teilerscheinungen verstehen, unabhängig davon, ob das in einer Form geschieht, die dem einzelnen oder der breiten Masse zugänglich ist. Unter Agitation im strengen Sinne des Wortes (sic!) würden wir die Aufforderung an die Massen zu bestimmten konkreten Aktionen, die Förderung der unmittelbaren revolutionären Einmischung des Proletariats in das öffentliche Leben verstehen."

Wir beglückwünschen die russische – und auch die internationale – Sozialdemokratie zu der neuen, strengeren und tieferen, Martynowschen Terminologie. Bisher glaubten wir (ebenso wie Plechanow und alle Führer der internationalen Arbeiterbewegung), dass der Propagandist, wenn er z. B. dieselbe Frage der Arbeitslosigkeit behandelt, die kapitalistische Natur der Krisen klarlegen, die Ursache ihrer Unvermeidlichkeit in der modernen Gesellschaft aufzeigen, die Notwendigkeit der Umwandlung dieser Gesellschaft in eine sozialistische skizzieren muss usw. Mit einem Wort, er muss „viele Ideen" geben, so viele, dass all diese Ideen, in ihrer Gesamtheit, und mit einem Mal, nur von (verhältnismäßig) wenigen Personen begriffen werden. Der Agitator jedoch, der die gleiche Frage behandelt, wird das allen seinen Hörern bekannteste und das krasseste Beispiel herausgreifen – z. B. den Hungertod einer arbeitslosen Familie, das Steigen des Elends usw. – und er wird alle Anstrengungen darauf richten, auf Grund dieser allen bekannten Tatsache der „Masse" eine Idee zu geben: die Idee von der Sinnlosigkeit des Widerspruchs zwischen der Zunahme des Reichtums und der Zunahme des Elends, er wird bemüht sein, in der Masse Unzufriedenheit und Empörung über diese himmelschreiende Ungerechtigkeit zu wecken, während er die Klarlegung des Ursprunges dieses Widerspruches dem Propagandisten überlassen wird. Der Propagandist wirkt darum hauptsächlich durch das geschriebene , der Agitator – durch das lebendige Wort. Vom Propagandisten werden nicht die gleichen Eigenschaften verlangt, wie vom Agitator. Kautsky und Lafargue werden wir z. B. Propagandisten nennen, Bebel und Guesde – Agitatoren. Ein drittes Gebiet oder eine dritte Funktion der praktischen Tätigkeit abtrennen zu wollen, eine Funktion, die die Aufgabe haben soll, „die Massen zu bestimmten konkreten Aktionen" aufzufordern, ist ein gewaltiger Unsinn, denn die „Aufforderung", als einzelne Tat11, ergänzt entweder natürlich und unvermeidlich sowohl das theoretische Traktat und die propagandistische Broschüre als auch die Agitationsrede, oder sie stellt eine rein ausführende Funktion dar. Man betrachte z. B. den jetzigen Kampf der deutschen Sozialdemokratie gegen die Getreidezölle. Die Theoretiker schreiben Untersuchungen über die Zollpolitik und „fordern auf", z. B. für Handelsverträge und Handelsfreiheit zu kämpfen; der Propagandist tut das gleiche in der Zeitschrift, der Agitator – in öffentlichen Reden. Die „konkreten Aktionen" dar Masse sind in diesem Moment die Unterschriften unter die Petitionen an den Reichstag, die verlangen, dass die Getreidezölle nicht erhöht werden. Die Aufforderung zu diesen Aktionen geht mittelbar von den Theoretikern, Propagandisten und Agitatoren aus, unmittelbar – von den Arbeitern, die in Fabriken und Privatwohnungen die Unterschriften sammeln. Nach der Martynowschen Terminologie wären also Kautsky und Bebel Propagandisten, die Unterschriftensammler – Agitatoren, nicht wahr?

Das Beispiel der Deutschen erinnert mich an das deutsche Wort „Verballhornung". Johann Ballhorn war ein Leipziger Verleger im XVI. Jahrhundert; er verlegte eine Fibel, in der er, wie das so üblich war, auch eine Zeichnung brachte, die einen Hahn darstellte; nur anstatt der gewöhnlichen Darstellung eines Hahnes mit Sporen an den Füßen zeigt die Zeichnung einen Hahn ohne Sporen, dafür aber liegen einige Eier neben ihm; auf dem Deckel der Fibel hieß es: „Verbesserte Ausgabe von Johann Ballhorn". Seitdem bezeichnen die Deutschen mit dem Worte Verballhornung eine solche „Verbesserung", die in Wirklichkeit eine Verschlechterung ist. Und unwillkürlich denkt man an Ballhorn, wenn man sieht, wie die Martynows Plechanow „vertiefen" …

Zu welchem Zweck hat unser Lomonossow12 dieses Durcheinander „erfunden"? Um zu illustrieren, dass die „Iskra" „nur auf eine Seite der Sache ihr Augenmerk richtet, ebenso wie es Plechanow schon vor anderthalb Jahrzehnten getan hat" (S. 39). „Der ,Iskra' zufolge werden, wenigstens für die jetzige Zeit, die Aufgaben der Agitation durch die Aufgaben der Propaganda in den Hintergrund gedrängt" (S. 52). Wenn man diesen letzten Satz aus der Martynowschen Sprache in die allgemeinmenschliche Sprache übersetzt (denn die Menschheit hat noch nicht Zeit gehabt, sich die neuentdeckte Terminologie zu eigen zu machen), so erhält man folgendes: bei der „Iskra" wird die Aufgabe, „an die Regierung Forderungen gesetzgeberischer und administrativer Maßnahmen zu stellen", „die bestimmte greifbare Resultate verheißen" (oder Forderungen sozialer Reformen, wenn es erlaubt ist, einmal noch die alte Terminologie der alten Menschheit zu gebrauchen, die das Martynowsche Niveau noch nicht erreicht hat), in den Hintergrund gedrängt durch die Aufgaben der politischen Propaganda und der politischen Agitation. Wir schlagen dem Leser vor, mit dieser These folgende Tirade zu vergleichen:

Was uns an diesen Programmen in Staunen setzt" (den Programmen der revolutionären Sozialdemokraten) „ist die Tatsache, dass in ihnen die Vorzüge der Tätigkeit der Arbeiter im (bei uns nicht vorhandenen) Parlament in den Vordergrund gestellt werden, wobei (dank ihrem revolutionären Nihilismus) die Wichtigkeit der Teilnahme der Arbeiter an den bei uns bestehenden gesetzgebenden Versammlungen der Fabrikanten zur Regelung der Fabrikangelegenheiten… oder wenigstens der Teilnahme der Arbeiter an der Stadtverwaltung vollständig ignoriert wird…"

Der Verfasser dieser Tirade bringt etwas direkter, klarer und offener den Gedanken zum Ausdruck, zu dem Lomonossow-Martynow mit seinem eigenen Verstand gelangt ist. Dieser Verfasser aber ist R. M. in der „Sonderbeilage" zur „Rabotschaja Mysl" (S. 15).

c) Die politischen Enthüllungen und „die Erziehung zur revolutionären Aktivität"

Indem Martynow der „Iskra" seine „Theorie" der „Steigerung der Aktivität der Arbeitermasse" entgegenstellte, offenbarte er in Wirklichkeit das Bestreben, diese Aktivität herabzusetzen, denn als das vorzuziehende, besonders wichtige, „weitest anwendbare" Mittel zur Aufrüttelung und als das Gebiet dieser Aktivität proklamierte er denselben ökonomischen Kampf, vor dem auch alle Ökonomisten auf dem Bauch lagen. Dieser Irrtum ist darum charakteristisch, weil er keineswegs Martynow allein eigen ist. In Wirklichkeit aber kann die „Steigerung der Aktivität der Arbeitermasse" nur dann erreicht werden, wenn wir uns nicht auf die „politische Agitation auf ökonomischem Boden" beschränken. Eine der wichtigsten Bedingungen für die notwendige Erweiterung der politischen Agitation ist aber die Organisation allseitiger politischer Enthüllungen. Anders als durch diese Enthüllungen kann das politische Bewusstsein und die revolutionäre Aktivität der Massen nicht anerzogen werden. Darum stellt die Tätigkeit dieser Art eine der wichtigsten Funktionen der gesamten internationalen Sozialdemokratie dar, denn auch die politische Freiheit beseitigt nicht, sondern verschiebt nur die Richtungssphäre dieser Enthüllungen. Die deutsche Partei z. B. festigt ihre Positionen und erweitert ihren Einfluss ganz besonders gerade dank der ungeschwächten Energie ihrer politischen Enthüllungskampagne. Das Bewusstsein der Arbeiterklasse kann kein wahrhaft politisches sein, wenn die Arbeiter es nicht gelernt haben, auf alle und jegliche Fälle der Willkür und der Unterdrückung, auf Gewalttaten und Missbräuche zu reagieren, welche Klassen diese Fälle auch betreffen mögen, – und zwar müssen sie eben vom sozialdemokratischen und nicht von irgendeinem anderen Standpunkt aus reagieren. Das Bewusstsein der Arbeitermassen kann kein wahrhaftes Klassenbewusstsein sein, wenn die Arbeiter es nicht an konkreten und außerdem unbedingt aktuellen politischen Tatsachen und Ereignissen lernen werden, jede der übrigen gesellschaftlichen Klassen in allen Erscheinungen des intellektuellen, moralischen und politischen Lebens dieser Klassen zu beobachten; – wenn sie es nicht lernen, die materialistische Analyse und materialistische Beurteilung aller Seiten der Tätigkeit und des Lebens sämtlicher Klassen, Schichten und Gruppen der Bevölkerung in der Praxis anzuwenden. Wer die Aufmerksamkeit, die Beobachtungsgabe und das Bewusstsein der Arbeiterklasse ausschließlich oder sogar nur vorwiegend auf sie selber richtet, der ist kein Sozialdemokrat, denn die Selbsterkenntnis der Arbeiterklasse ist untrennbar verbunden mit der absoluten Klarheit nicht nur der theoretischen – besser gesagt, nicht so sehr der theoretischen, wie der an Hand der Erfahrung des politischen Lebens ausgearbeiteten – Vorstellungen von den Wechselbeziehungen sämtlicher Klassen der modernen Gesellschaft. Darum ist die Predigt unserer Ökonomisten, dass der ökonomische Kampf das weitest anwendbare Mittel zur Hineinziehung der Massen in die politische Bewegung sei, so sehr schädlich und ihrer praktischen Bedeutung nach so sehr reaktionär. Um Sozialdemokrat zu werden, muss der Arbeiter eine klare Vorstellung haben von dem ökonomischen Wesen und dem sozial-politischen Antlitz des Gutsbesitzers und des Pfaffen, des hohen Beamten und des Bauern, des Studenten und des Bettlers; er muss ihre starken und schwachen Seiten kennen, muss die Schlagworte und alle Sophismen kennen, unter denen jede Klasse und jede Schicht ihre egoistischen Ziele und ihr wahres Wesen zu verbergen sucht; er muss verstehen, sich darüber Rechenschaft zu geben, welche Institutionen und welche Gesetze diese oder jene Interessen zum Ausdruck bringen und in welcher Weise sie es tun. Diese „klare Vorstellung" aber kann aus keinem Buche gewonnen werden; sie kann nur gegeben werden durch lebendige Darstellungen und durch den Ereignissen unmittelbar folgende Enthüllungen dessen, was im gegebenen Moment um uns herum geschieht, was man sich gegenseitig erzählt oder zuflüstert, was in bestimmten Ereignissen, in bestimmten Zahlen, in bestimmten Gerichtsurteilen usw. usw. zum Ausdruck kommt. Diese allseitigen politischen Enthüllungen sind eine notwendige und grundlegende Bedingung für die Erziehung der Massen zur revolutionären Aktivität.

Warum zeigt der russische Arbeiter noch so wenig revolutionäre Aktivität angesichts der viehischen Behandlung des Volkes durch die Polizei, angesichts der Verfolgungen der Sektierer, der Misshandlungen der Bauern, des Wütens der Zensur, der Soldatenmisshandlungen, der Verfolgungen selbst der unschuldigsten kulturellen Bestrebungen usw.? Darum etwa, weil ihn nicht der „ökonomische Kampf" dazu „stößt", weil ihm das keine „greifbaren Resultate" „verheißt" und wenig „Positives" gibt? Nein, eine solche Ansicht ist, wir wiederholen es, nichts anderes als der Versuch, die eigene Schuld anderen in die Schuhe zu schieben, das eigene Philistertum (alias Bernsteinianertum) auf die Arbeitermasse abzuwälzen. Wir müssen uns selbst anklagen, weil wir hinter der Bewegung der Massen einher hinken, weil wir es noch nicht verstanden haben, genügend umfassende, auffallende, rasche Enthüllungen all dieser Schandtaten zu organisieren. Wenn wir das tun (und wir können und müssen es tun), so wird auch der einfachste Arbeiter verstehen oder fühlen, dass der Student und der Sektierer, der Bauer und der Schriftsteller von derselben reaktionären Macht beschimpft und misshandelt werden, die ihn selber auf Schritt und Tritt unterdrückt, und sobald er das empfunden haben wird, wird er auch selbst unbedingt darauf reagieren wollen, er wird dann – heute den Zensoren eine Katzenmusik machen, morgen vor dem Hause des Gouverneurs demonstrieren, der einen Bauernaufstand unterdrückt hat, übermorgen den Gendarmen im Priesterrock, die die Arbeit der Heiligen Inquisition verrichten, eine Lektion erteilen usw. Wir haben noch sehr wenig, fast nichts dafür getan, um allseitige und aus der letzten Zeit stammende Enthüllungen in die Arbeitermassen zu werfen. Vielen von uns ist diese unsere Pflicht noch gar nicht zu Bewusstsein gekommen, sie hinken spontan einher hinter dem „grauen Tageskampf" im engen Rahmen des Fabriklebens. In einer solchen Lage sagen: „die ,Iskra' hat die Tendenz, die Bedeutung des fortschreitenden Ganges des grauen Tageskampfes herabzusetzen im Vergleich zur Bedeutung der Propaganda glänzender und vollendeter Ideen" (Martynow, S. 61), – heißt die Partei zurück zerren, heißt unsere mangelnde Vorbereitung, unsere Rückständigkeit verteidigen und anpreisen.

Was die Aufforderung der Massen zur Aktion betrifft, so wird sie sich von selbst einstellen, sobald eine energische politische Agitation, lebendige und grelle Enthüllungen vorhanden sein werden. Jemanden am Tatorte ertappen und ihn vor allen und überall sofort brandmarken – das wirkt an und für sich besser als jede „Aufforderung", das wirkt oft so, dass man nachher absolut nicht mehr feststellen kann, wer eigentlich die Menge „aufgefordert" und wer eigentlich diesen oder jenen Plan der Demonstration vorgeschlagen hat, usw. Auffordern – nicht im allgemeinen, sondern im konkreten Sinne des Wortes – kann man nur am Orte der Handlung, aufrufen kann nur, wer selber und sofort mitgeht Unsere Sache, die Sache der sozialdemokratischen Publizisten aber ist es, die politischen Enthüllungen und die politische Agitation zu vertiefen, zu erweitern und zu verstärken.

Apropos, über das „Auffordern". Das einzige Organ, das vor den Früh Jahrsereignissen die Arbeiter aufforderte, sich aktiv in eine solche, dem Arbeiter absolut keine greifbaren Resultate verheißende Frage einzumischen, wie z. B. die Zwangsrekrutierung von Studenten – war die „Iskra". Sofort nach Veröffentlichung der Verfügung vom 11. Januar über die „Zwangsrekrutierung von 183 Studenten" brachte die „Iskra" einen Artikel darüber (Nr. 2, Februar), und noch vor irgendeinem Beginn von Demonstrationen forderte sie die Arbeiter direkt auf, den Studenten zu Hilfe zu kommen, sie forderte das „Volk" auf, der Regierung auf ihre freche Herausforderung eine offene Antwort zu geben. Wir fragen alle und jeden: wie erklärt sich der wichtige Umstand, dass Martynow, der so viel vom „Auffordern" spricht und es sogar zu einem besonderen Tätigkeitsgebiet macht, kein einziges Wort von dieser Aufforderung gesagt hat? Und ist es dann nicht Philistertum, wenn Martynow der „Iskra" Einseitigkeit vorwirft, weil sie nicht genügend zum Kampf um Forderungen, „die greifbare Resultate verheißen", auffordert?13

Unsere Ökonomisten, darunter auch das „Rabotscheje Djelo", hatten Erfolge zu verzeichnen, weil sie sich den rückständigen Arbeitern anpassten. Aber der sozialdemokratische Arbeiter, der revolutionäre Arbeiter (und die Zahl solcher Arbeiter wächst ständig) wird mit Empörung all diese Erörterungen über den Kampf um Forderungen, die „greifbare Resultate verheißen" usw., ablehnen, denn er wird verstehen, dass das nur neue Varianten des alten Liedes von der Kopeke auf den Rubel sind. Ein solcher Arbeiter wird seinen Beratern aus der „Rabotschaja Mysl" und dem „Rabotscheje Djelo" sagen: wozu der Lärm, ihr Herren, wozu mischt ihr euch so eifrig in Dinge, mit denen wir allein fertig werden, anstatt euch mit der Erfüllung eurer wirklichen Pflichten zu befassen. Es ist doch unklug, zu sagen, es sei Aufgabe der Sozialdemokraten, dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter zu verleihen; das ist nur der Anfang, und nicht darin besteht die Hauptaufgabe der Sozialdemokraten, denn in der ganzen Welt, und auch in Russland, beginnt die Polizei oft selber, dem ökonomischen Kampf einen politischen Charakter zu verleihen, und die Arbeiter werden es selber lernen, zu verstehen, auf welcher Seite die Regierung stehtI

Wird doch der „ökonomische Kampf der Arbeiter gegen die Unternehmer und die Regierung", von dem ihr so tut, als wäre er ein von euch entdecktes Amerika – überall in der entlegensten russischen Provinz von den Arbeitern selber geführt, die wohl von Streiks, aber fast nichts vom Sozialismus gehört haben. Ist doch die „Aktivität" der Arbeitermassen, die ihr fördern wollt, indem ihr konkrete Forderungen stellt, die greifbare Resultate verheißen, bei uns bereits vorhanden, und wir selber stellen in unserer täglichen gewerkschaftlichen Kleinarbeit diese konkreten Forderungen meist ohne jede Hilfe der Intellektuellen. Aber eine solche Aktivität genügt uns nicht; wir sind keine Kinder, die man mit der Grütze der „ökonomischen" Politik allein abspeisen kann; wir wollen alles wissen, was die anderen auch wissen, wir wollen alle Seiten des politischen Lebens kennen lernen und aktiv an jedem politischen Ereignis teilnehmen. Dazu ist es notwendig, dass die Intellektuellen uns weniger wiederholen, was wir schon selber wissenJ, dafür uns aber sagen, was wir noch nicht wissen, was wir aus unserer „ökonomischen" Erfahrung und der Erfahrung in der Fabrik nie lernen können, nämlich: politisches Wissen. Dieses Wissen könnt ihr, Intellektuelle, erwerben, und ihr seid verpflichtet, es uns in hundert- und tausendfach höherem Maße zu übermitteln, als ihr es bis jetzt getan habt, und zwar nicht nur in der Form von Erörterungen, Broschüren und Artikeln (die oft – entschuldigt unsere Offenheit! – etwas langweilig sind), sondern unbedingt in der Form von lebendigen Enthüllungen dessen, was unsere Regierung und unsere herrschenden Klassen jetzt auf allen Gebieten des Lebens tun. Erfüllt eifriger diese eure Pflicht, und sprecht weniger von der „Steigerung der Aktivität der Arbeitermasse". Wir besitzen viel mehr Aktivität, als ihr glaubt, und wir verstehen es, durch offenen Straßenkampf sogar solche Forderungen zu unterstützen, die keine „greifbaren Resultate" verheißen! Und es ist nicht eure Sache, unsere Aktivität zu „steigern", denn gerade euch selber mangelt es an Aktivität. Beugt weniger euer Knie vor der Spontaneität und denkt mehr an die Steigerung eurer Aktivität, ihr Herren!

d) Was hat der Ökonomismus mit dem Terrorismus gemein?

Weiter oben in der Fußnote haben wir den Ökonomisten und den nichtsozialdemokratischen Terroristen einander gegenübergestellt, die sich zufällig als miteinander solidarisch erwiesen haben. Doch besteht überhaupt zwischen dem einen und dem anderen ein nicht zufälliger, sondern notwendiger innerer Zusammenhang, auf den wir weiter unten noch zurückkommen werden, und der erwähnt werden muss gerade bei der Frage der Erziehung zur revolutionären Aktivität. Die Ökonomisten und die modernen Terroristen haben eine gemeinsame Wurzel: das ist eben die Anbetung der Spontaneität, von der wir im vorigen Kapitel als von einer allgemeinen Erscheinung gesprochen haben, und die wir jetzt vom Standpunkt ihres Einflusses auf das Gebiet der politischen Tätigkeit und des politischen Kampfes betrachten. Auf den ersten Blick mag unsere Behauptung paradox erscheinen: so groß ist scheinbar der Unterschied zwischen Leuten, die den „grauen Tageskampf" betonen, – und Leuten, die einzelne Personen zum aufopferndsten Kampf aufrufen. Aber das ist nicht paradox. Die Ökonomisten und die Terroristen sind Anbeter der beiden verschiedenen Pole der spontanen Bewegung: die Ökonomisten – der Spontaneität der „reinen Arbeiterbewegung", die Terroristen – der Spontaneität der leidenschaftlichen Empörung der Intellektuellen, die es nicht verstehen oder nicht die Möglichkeit haben, die revolutionäre Arbeit mit der Arbeiterbewegung zu einem Ganzen zu verbinden. Wer an diese Möglichkeit nicht mehr glaubt oder nie geglaubt hat, dem mag es tatsächlich schwer fallen, für sein Gefühl der Empörung und seine revolutionäre Energie einen anderen Ausweg zu finden als den Terror. So ist die Anbetung der Spontaneität bei beiden von uns genannten Richtungen nichts anderes als der Beginn der Verwirklichung des berühmten „Credo"-Programmes: die Arbeiter führen ihren „ökonomischen Kampf gegen die Unternehmer und die Regierung" (der Verfasser des „Credo" mag uns verzeihen, dass wir seine Gedanken mit den Worten Martynows ausdrücken! Wir glauben, dass wir dazu berechtigt sind, denn auch im „Credo" ist davon die Rede, wie die Arbeiter in ihrem ökonomischen Kampf „auf das politische Regime stoßen"), – die Intellektuellen aber führen aus eigenen Kräften den politischen Kampf, natürlich mit Hilfe des Terrors! Das ist eine vollkommen logische und unvermeidliche Schlussfolgerung, auf der man bestehen muss, wenn auch denjenigen, die dieses Programm zu verwirklichen beginnen, die Unvermeidlichkeit dieser Schlussfolgerung nicht zum Bewusstsein gekommen ist. Die politische Tätigkeit hat ihre Logik, die unabhängig ist vom Bewusstsein derer, die mit der besten Absicht entweder zum Terror aufrufen oder dazu auffordern, dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter zu verleihen. Mit guten Vorsätzen ist der Weg zur Hölle gepflastert, und in diesem Falle retten die guten Vorsätze nicht vor dem spontanen Bestreben, den „Weg des geringsten Widerstandes", den des rein bürgerlichen „Credo"-Programms, zu gehen. Auch der Umstand ist nicht zufällig, dass viele russische Liberale – die offenen Liberalen und die, die eine marxistische Maske tragen – von ganzem Herzen mit dem Terror sympathisieren und bemüht sind, den Aufschwung der terroristischen Stimmungen in diesem Moment zu fördern.

Als nun die „revolutionär-sozialistische Gruppe Swoboda" entstand, die sich gerade die Aufgabe stellte, die Arbeiterbewegung in jeder Beziehung zu fördern, wobei jedoch der Terror und die Emanzipierung, sozusagen, von der Sozialdemokratie in das Programm mit aufgenommen wurden, – da bestätigte diese Tatsache ein übriges Mal den außerordentlichen Scharfsinn P. B. Axelrods, der dieses Resultat der sozialdemokratischen Schwankungen schon Ende 1897 buchstäblich vorausgesagt („Zur Frage der gegenwärtigen Aufgaben und der Taktik") und seine berühmten „Zwei Perspektiven" entworfen hatte. Alle späteren Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten zwischen den russischen Sozialdemokraten sind bereits, wie die Pflanze im Samen, in diesen beiden Perspektiven enthalten.K

Von diesem Standpunkt aus wird es auch klar, warum „Rabotscheje Djelo", das der Spontaneität des Ökonomismus nicht widerstand, auch der Spontaneität des Terrorismus nicht widerstehen konnte. Es ist sehr interessant, hier auf die besondere Argumentation zur Verteidigung des Terrors hinzuweisen, die die „Swoboda" sich zu eigen gemacht hat. Die einschüchternde Rolle des Terrors „lehnt sie vollkommen ab" („Die Wiedergeburt des Revolutionismus", S. 64), dafür aber stellt sie die „exzitierende" (erregende) Bedeutung des Terrors in den Vordergrund. Das ist charakteristisch, erstens, als eins der Zersetzungs- und Zerfallsstadien jenes traditionellen (vorsozialdemokratischen) Ideenkreises, der zum Terror Zuflucht zu nehmen zwang. Anerkennen, dass man jetzt die Regierung durch den Terror nicht „einschüchtern" – und folglich nicht desorganisieren – kann, heißt im Grunde genommen, den Terror als Kampfsystem, als durch das Programm beleuchtetes Tätigkeitsgebiet verurteilen. Zweitens ist es noch charakteristischer als Beispiel des mangelnden Verständnisses für unsere nächsten Aufgaben auf dem Gebiete „der Erziehung der Massen zur revolutionären Aktivität". Die „Swoboda" propagiert den Terror als Mittel, die Arbeiterbewegung „anzuregen", ihr einen „starken Anstoß" zu geben. Es ist schwer, sich eine Argumentation vorzustellen, die noch anschaulicher sich selbst widerlegte! Gibt es denn in der russischen Wirklichkeit so wenig Missstände, dass man „besondere erregende" Mittel erfinden muss? Und wen anderseits selbst die in Russland herrschende Willkür nicht erregt und nicht erregen kann, der wird auch dem Zweikampf zwischen der Regierung und einem Häuflein von Terroristen ruhig zusehen und „die Daumen drehen". Das ist es ja gerade, dass die Arbeitermassen durch die Niedertracht des russischen Lebens zum Kampfe sehr stark angeregt werden, wir verstehen es nur nicht, alle jene, wenn man so sagen kann, Tropfen und Bächlein der Volksempörung zu sammeln und zu konzentrieren, die das russische Leben in viel größerer Menge erzeugt, als wir alle es uns vorstellen und glauben, die aber zu einem einzigen gewaltigen Strom vereinigt werden müssen. Dass diese Aufgabe verwirklicht werden kann, das wird unwiderlegbar bewiesen durch das ungeheure Anwachsen der Arbeiterbewegung und den oben bereits festgestellten Hunger der Arbeiter nach politischer Literatur. Die Aufforderungen zum Terror jedoch, ebenso wie die Aufforderung, dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter zu verleihen, stellen verschiedene Formen des Sichdrückens vor der dringendsten Pflicht der russischen Revolutionäre dar: die allseitige politische Agitation zu organisieren. Die „Swoboda" will die Agitation durch den Terror ersetzen; sie erklärt offen, dass „wenn eine verstärkte, energische Agitation in den Massen beginnt, er seine exzitierende Rolle erfüllt haben wird" (S. 68, „Die Wiedergeburt des Revolutionismus"). Das zeigt eben, dass sowohl die Terroristen als auch die Ökonomisten die revolutionäre Aktivität der Massen unterschätzen, trotz der klaren Beweise, die die FrühjahrsereignisseL geliefert haben, wobei die einen künstliche „Erregungsmittel" suchen, die anderen von „konkreten Forderungen" sprechen. Sowohl die einen wie die anderen lenken in ungenügender Weise ihre Aufmerksamkeit auf die Entwicklung ihrer eigenen Aktivität auf dem Gebiete der politischen Agitation und der Organisation der politischen Enthüllungen. Es ist aber weder jetzt noch zu irgendeiner anderen Zeit möglich, diese Aktivität durch irgend etwas anderes zu ersetzen.

e) Die Arbeiterklasse als Vorkämpfer der Demokratie

Wir haben gesehen, dass die umfassendste politische Agitation, und folglich auch die Organisierung allseitiger politischer Enthüllungen, unbedingt zu den notwendigsten und dringendsten Aufgaben der Tätigkeit gehört, wenn diese Tätigkeit eine wahrhaft sozialdemokratische sein soll. Doch sind wir zu diesem Schluss gelangt, indem wir nur von dem dringendsten Bedürfnis der Arbeiterklasse nach politischem Wissen und politischer Bildung ausgingen. Indes wäre eine solche Art der Fragestellung zu eng, sie würde die allgemein-demokratischen Aufgaben jeder Sozialdemokratie überhaupt und insbesondere der modernen russischen Sozialdemokratie außer acht lassen. Um diesen Satz möglichst konkret zu erläutern, wollen wir versuchen, an die Frage von einer Seite heranzugehen, die dem Ökonomisten am „nächsten" steht, nämlich von der praktischen Seite. „Alle sind damit einverstanden", dass es notwendig ist, das politische Bewusstsein der Arbeiterklasse zu entwickeln. Es fragt sich, wie dies zu tun und was erforderlich ist, um es zu erreichen? Der ökonomische Kampf „stößt" die Arbeiter nur auf Fragen, die das Verhältnis der Regierung zur Arbeiterklasse betreffen, und wie sehr wir uns auch abmühen mögen mit der Aufgabe, „dem ökonomischen Kampfe selbst einen politischen Charakter zu verleihen", wir würden es nie zustande bringen, das politische Bewusstsein der Arbeiter im Rahmen dieser Aufgabe zu heben (auf die Stufe des sozialdemokratischen politischen Bewusstseins), denn dieser Rahmen ist an und für sich eng. Die Martynowsche Formel ist für uns gar nicht darum wertvoll, weil sie Martynows Fähigkeit, Verwirrung zu stiften, illustriert, sondern weil sie den Grundirrtum aller Ökonomisten plastisch zum Ausdruck bringt, nämlich die Überzeugung, dass man das politische Klassenbewusstsein der Arbeiter von innen heraus entwickeln könne, sozusagen aus ihrem ökonomischen Kampfe, d. h. ausgehend allein (oder hauptsächlich) von diesem Kampfe, gestützt allein (oder hauptsächlich) auf diesen Kampf. Eine solche Auffassung ist grundfalsch, – und eben weil die Ökonomisten, die uns zürnen wegen unserer Polemik gegen sie, nicht genügend nachdenken wollen über die Quelle der Meinungsverschiedenheiten, ergibt es sich, dass wir uns gegenseitig buchstäblich nicht verstehen, dass wir verschiedene Sprachen sprechen.

Das politische Klassenbewusstsein kann dem Arbeiter nur von außen beigebracht werden, d. h. außerhalb des ökonomischen Kampfes, außerhalb der Sphäre der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern. Das Gebiet, aus dem allein dieses Wissen geschöpft werden kann, ist das Gebiet der Beziehungen aller Klassen und Schichten zu dem Staate und der Regierung, das Gebiet der Wechselbeziehungen zwischen sämtlichen Klassen. Deshalb darf man auf die Frage: Was tun, um den Arbeitern politisches Wissen beizubringen? – nicht einzig und allein die Antwort geben, mit der sich in den meisten Fällen die Praktiker begnügen, ganz abgesehen von den Praktikern, die zum Ökonomismus neigen, nämlich die Antwort: „man gehe unter die Arbeiter". Um den Arbeitern politisches Wissen beizubringen, müssen die Sozialdemokraten in alle Klassen der Bevölkerung gehen, müssen sie Abteilungen ihrer Armee nach allen Seiten ausschicken.

Wir wählen absichtlich eine so eckige Formulierung, drücken uns absichtlich vereinfacht krass aus, – nicht etwa aus der Freude am Paradoxen heraus, sondern um die Ökonomisten gehörig auf die Aufgaben zu „stoßen", die sie unverzeihlicherweise vernachlässigen, auf den Unterschied zwischen der trade-unionistischen und der sozialdemokratischen Politik, den sie nicht verstehen wollen. Darum bitten wir den Leser, sich nicht zu erhitzen und uns aufmerksam bis zu Ende anzuhören.

Man nehme den Typus eines sozialdemokratischen Zirkels, wie er in den letzten Jahren am meisten verbreitet war, und betrachte seine Arbeit. Er hat „Verbindungen mit den Arbeitern" und begnügt sich damit, er gibt Flugblätter heraus, in denen die Missstände in den Fabriken, die Begünstigung der Kapitalisten durch die Regierung und die Schandtaten der Polizei gegeißelt werden; in den Versammlungen mit den Arbeitern geht die Unterhaltung nie oder fast nie über den Rahmen der gleichen Themen hinaus; Vorträge und Diskussionen über die Geschichte der revolutionären Bewegung, über Fragen der Innen- und Außenpolitik unserer Regierung, über Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung Russlands und Europas und über die Stellung der verschiedenen Klassen in der modernen Gesellschaft usw. sind eine große Seltenheit; niemand denkt daran, zu anderen Gesellschaftsklassen systematische Verbindungen anzuknüpfen und sie auszubauen. Im Grunde genommen schwebt den Mitgliedern eines solchen Zirkels als Ideal eines Politikers viel eher der Sekretär einer Trade Union vor, als der sozialistische politische Führer. Denn der Sekretär einer beliebigen, sagen wir, englischen Trade Union hilft den Arbeitern stets den ökonomischen Kampf führen, organisiert Fabrikenthüllungen, erläutert die Ungerechtigkeit der Gesetze und Maßnahmen, die die Freiheit der Streiks und der Aufstellung von Streikposten (zur Warnung aller, dass in dem betreffenden Betrieb ein Streik ausgebrochen ist) einschränken, klärt auf über die Voreingenommenheit der Schiedsrichter, die den bürgerlichen Klassen angehören usw. usw. Mit einem Wort, ein jeder Trade-Union-Sekretär führt und unterstützt „den ökonomischen Kampf gegen die Unternehmer und die Regierung". Man kann nicht genug betonen, dass dies noch nicht Sozialdemokratismus ist, dass das Ideal eines Sozialdemokraten nicht der Sekretär einer Trade Union sein darf, sondern der Volkstribun, der es versteht, auf alle und jegliche Äußerungen der Willkür und Unterdrückung zu reagieren, wo sie auch stattfinden, welche Schicht oder Klasse sie auch betreffen mögen, der es versteht, alle diese Äußerungen zu einem Gesamtbild der Polizeiwillkür und der kapitalistischen Ausbeutung zu vereinen, der es versteht, jede Kleinigkeit auszunützen, um vor aller Welt seine sozialistischen Überzeugungen und seine demokratischen Forderungen auseinanderzusetzen, um allen und jedermann die welthistorische Bedeutung des Befreiungskampfes des Proletariats klarzumachen. Man vergleiche z. B. solche Männer, wie Robert Knight (bekannter Sekretär und Führer des Verbandes der Kesselschmiede, einer der mächtigsten englischen Trade Unions) und Wilhelm Liebknecht, und man versuche, sie einander so gegenüberzustellen, wie es Martynow tut, um seine Meinungsverschiedenheiten mit der „Iskra" auseinanderzusetzen. Man wird sehen – ich beginne Martynows Artikel durchzublättern –, dass R. Knight sehr viel mehr „die Massen zu den bekannten konkreten Aktionen aufforderte" (S. 39), während W. Liebknecht sich viel mehr befasste „mit der revolutionären Beleuchtung des ganzen bestehenden Regimes oder seiner Teilerscheinungen" (S. 38 u. 39); dass R. Knight „die nächsten Forderungen des Proletariats formulierte und auf die Mittel zu ihrer Verwirklichung hinwies" (S. 41), während W. Liebknecht, der dies auch tat, doch nicht darauf verzichtete, „gleichzeitig die aktive Tätigkeit der verschiedenen oppositionellen Schichten zu leiten" und „ihnen ein positives Aktionsprogramm zu diktieren"M (S. 41); dass R. Knight bemüht war, gerade „nach Möglichkeit dem ökonomischen Kampfe selbst einen politischen Charakter zu verleihen" (S. 42), und es ausgezeichnet verstand, „an die Regierung konkrete Forderungen zu stellen, die gewisse greifbare Resultate verheißen" (S. 43), während W. Liebknecht sich viel mehr mit „einseitigen" „Enthüllungen" befasste (S. 40); dass R. Knight viel mehr Bedeutung dem „fortschreitenden Gang des grauen Tageskampfes" beimaß, W. Liebknecht aber – „der Propaganda glänzender und vollendeter Ideen" (S. 61); dass W. Liebknecht aus der von ihm geleiteten Zeitung gerade „ein Organ der revolutionären Opposition" machte, „die unsere Zustände brandmarkt, und vor allem die politischen Zustände, soweit sie mit den Interessen der verschiedensten Bevölkerungsschichten kollidieren" (S. 63), während R. Knight „für die Sache der Arbeiter in enger organischer Verbindung mit dem proletarischen Kampfe arbeitete" (S. 63) – wenn man „die enge und organische Verbindung" im Sinne jener Anbetung der Spontaneität versteht, wie wir sie oben an den Beispielen Kritschewskis und Martynows kennengelernt haben – und „seine Einwirkungssphäre einengte", weil er natürlich ebenso wie Martynow davon überzeugt war, dass er „dadurch die Einwirkung selber komplizierte" (S. 63). Mit einem Wort, man wird sehen, dass Martynow de facto die Sozialdemokratie zum Trade-Unionismus degradiert, auch wenn er es natürlich keineswegs tut, weil er der Sozialdemokratie nichts Gutes wünscht, sondern einfach, weil er sich ein wenig beeilt hat, Plechanow zu vertiefen, anstatt sich die Mühe zu nehmen, Plechanow zu verstehen.

Doch kehren wir zu unserem Thema zurück. Wir haben gesagt, dass ein Sozialdemokrat, wenn er nicht nur mit Worten für die allseitige Entwicklung des politischen Bewusstseins des Proletariats eintritt, „in alle Klassen der Bevölkerung gehen" muss. Es entstehen die Fragen: Wie soll das geschehen? Haben wir die Kraft dazu? Ist der Boden für eine solche Arbeit in allen übrigen Klassen vorhanden? Wird das nicht ein Zurückweichen bedeuten oder zu einem Zurückweichen vom Klassenstandpunkt führen? Gehen wir auf diese Fragen ein.

In alle Klassen der Bevölkerung gehen" müssen wir sowohl als Theoretiker wie als Propagandisten, als Agitatoren und als Organisatoren. Dass die theoretische Arbeit der Sozialdemokraten gerichtet sein muss auf das Studium aller Besonderheiten der sozialen und der politischen Lage der einzelnen Klassen, – daran zweifelt niemand. Doch wird in dieser Hinsicht sehr, sehr wenig getan, unverhältnismäßig wenig im Vergleich zur Arbeit, die auf das Studium der Besonderheiten des Fabriklebens gerichtet ist. In den Komitees und Zirkeln kann man Leute antreffen, die sich sogar in das Spezialstudium irgendeines Zweiges der Eisenproduktion vertiefen, – aber man kennt fast keine Fälle, wo Mitglieder von Organisationen (die, wie es oft der Fall ist, gezwungen sind, aus diesem oder jenem Grunde die praktische Arbeit aufzugeben) sich speziell befassten mit dem Sammeln von Material über irgendeine aktuelle Frage unseres sozialen und politischen Lebens, die zur sozialdemokratischen Arbeit in anderen Schichten der Bevölkerung Anlass geben könnte. Wenn man von der ungenügenden Vorbereitung der meisten heutigen Führer der Arbeiterbewegung spricht, so muss man auch die Schulung in dieser Beziehung erwähnen, denn auch das ist verbunden mit der „ökonomistischen" Auffassung von der „engen organischen Verbindung mit dem proletarischen Kampfe". Die Hauptsache aber ist natürlich die Propaganda und Agitation in allen Schichten des Volkes. Dem westeuropäischen Sozialdemokraten wird diese Aufgabe erleichtert durch Volksversammlungen und Zusammenkünfte, zu denen jeder kommen kann, sie wird ihm erleichtert durch das Parlament, wo er vor den Abgeordneten aller Klassen spricht. Wir haben weder ein Parlament noch Versammlungsfreiheit, aber wir verstehen es dennoch, Versammlungen mit Arbeitern zustande zu bringen, die einen Sozialdemokraten anhören wollen. Wir müssen es auch verstehen, Versammlungen mit Vertretern aller Bevölkerungsklassen abzuhalten, die einen Demokraten hören wollen. Denn der ist kein Sozialdemokrat, der in der Tat vergisst, dass „die Kommunisten jede revolutionäre Bewegung unterstützen", dass wir daher verpflichtet sind, vor dem ganzen Volke die allgemein-demokratischen Aufgaben auseinanderzusetzen und zu betonen, ohne auch nur einen Augenblick lang unsere sozialistischen Überzeugungen zu verbergen. Der ist kein Sozialdemokrat, der in der Tat seine Pflicht vergisst, allen voranzugehen in der Formulierung, Zuspitzung und Lösung jeder allgemein-demokratischen Frage.

Damit sind absolut alle einverstanden!" – unterbricht uns der ungeduldige Leser – und die neue Instruktion für die Redaktion des „Rabotscheje Djelo", die von der letzten Konferenz des Auslandsbundes angenommen wurde, sagt direkt: „Als Anlässe zur politischen Propaganda und Agitation müssen alle Erscheinungen und Geschehnisse des sozialen und politischen Lebens dienen, die entweder das Proletariat unmittelbar als besondere Klasse oder als Avantgarde aller revolutionären Kräfte im Kampfe um die Freiheit betreffen" („Zwei Konferenzen", S. 17, von uns gesperrt). Ja, das sind sehr richtige und sehr gute Worte, und wir wären vollkommen zufrieden, wenn das „Rabotscheje Djelo" sie begriffen hätte, wenn es neben diesen Worten nicht Dinge redete, die ihnen widersprechen14. Es genügt ja nicht, sich „Avantgarde", Vortrupp zu nennen, – man muss auch so handeln, dass alle übrigen Trupps sehen und gezwungen sind, anzuerkennen, dass wir an der Spitze marschieren. Und wir fragen den Leser: sind denn die Vertreter der übrigen „Trupps" solche Dummköpfe, dass sie uns die „Avantgarde" aufs Wort glauben? Man vergegenwärtige sich dieses Bild. Zu den „Trupps" der gebildeten russischen Radikalen oder liberalen Konstitutionalisten kommt ein Sozialdemokrat und erklärt: Wir sind die Avantgarde, „jetzt steht vor uns die Aufgabe, nach Möglichkeit dem ökonomischen Kampfe selbst einen politischen Charakter zu verleihen". Jeder einigermaßen gescheite Radikale oder Konstitutionalist (unter den russischen Radikalen und Konstitutionalisten gibt es aber viele gescheite Leute) wird, wenn er eine solche Rede hört, nur lächeln und sagen (natürlich im Stillen, denn er ist in den meisten Fällen ein erfahrener Diplomat): „Wie einfältig ist doch diese ,Avantgarde'! Sie versteht nicht einmal, dass es ja unsere Aufgabe ist, die Aufgäbe der fortgeschrittenen Vertreter der bürgerlichen Demokratie, dem ökonomischen Kampfe der Arbeiter selbst einen politischen Charakter zu verleihen. Auch wir wollen ja, ebenso wie alle westeuropäischen Bourgeois, die Arbeiter in die Politik hineinziehen, aber eben nur in eine trade-unionistische und nicht in eine sozialdemokratische Politik. Die trade-unionistische Politik der Arbeiterklasse ist eben die bürgerliche Politik der Arbeiterklasse. Die Formulierung ihrer Aufgaben durch diese ,Avantgarde' ist eben die Formulierung der trade-unionistischen Politik! Mögen sie sich darum Sozialdemokraten nennen, soviel sie wollen. Ich bin doch wahrlich kein Kind, um wegen eines Etiketts in Erregung zu geraten! Nur dürfen sie nicht dem Einfluss dieser schädlichen orthodoxen Dogmatiker verfallen, mögen sie die ,Freiheit der Kritik' denen überlassen, die unbewusst die Sozialdemokratie in das trade-unionistische Fahrwasser schleppen!"

Das leichte Lächeln unseres Konstitutionalisten wird aber zum homerischen Gelächter werden, wenn er erfährt, dass die Sozialdemokraten, die von der Sozialdemokratie als Avantgarde sprechen – in der jetzigen Zeit der fast absoluten Herrschaft der Spontaneität in unserer Bewegung –, nichts mehr fürchten als die „Unterschätzung des spontanen Elementes", dass sie Angst haben, „die Bedeutung des fortschreitenden Ganges des grauen Tageskampfes im Vergleich zur Propaganda glänzender und vollendeter Ideen zu unterschätzen" usw. usw.! Eine „Vorhut", die befürchtet, das Bewusstsein könne die Spontaneität überholen, die sich scheut, einen kühnen „Plan" aufzustellen, der auch die allgemeine Anerkennung der Andersdenkenden erzwingen würde! Verwechseln sie nicht am Ende das Wort Vorhut mit dem Wort Nachhut?

Man überlege sich in der Tat folgende Betrachtung Martynows. Er spricht auf Seite 40 davon, dass die Entlarvungspolitik der „Iskra" eine einseitige sei, dass wir, „wie viel Argwohn und Hass gegen die Regierung wir auch säen mögen, das Ziel verfehlen werden, solange es uns nicht gelingt, eine genügend große aktive gesellschaftliche Energie zum Sturz der Regierung zu entfalten". Das ist, nebenbei bemerkt, die uns bereits bekannte Sorge um die Steigerung der Aktivität der Masse neben der Neigung, die eigene Aktivität zu vermindern. Aber nicht darum handelt es sich jetzt. Martynow spricht hier also von der revolutionären Energie („Zum Sturz ..."). Und zu welchem Schluss gelangt er? Da in gewöhnlichen Zeiten die verschiedenen sozialen Schichten unvermeidlich zersplittert sind, so sei darum klar, dass

wir Sozialdemokraten nicht gleichzeitig die aktive Tätigkeit der verschiedenen oppositionellen Schichten leiten, ihnen nicht ein positives Aktionsprogramm diktieren, ihnen nicht zeigen können, mit welchen Mitteln man tagein tagaus um seine Interessen zu kämpfen hat... Die liberalen Schichten werden sich schon selber um jenen aktiven Kampf für ihre nächsten Interessen kümmern, der sie Auge in Auge unserem politischen Regime gegenüberstellen wird" (S. 41).

Martynow, der damit begonnen hat, von der revolutionären Energie, vom aktiven Kampf zum Sturz des Absolutismus zu sprechen, irrt also sehr bald ab zur gewerkschaftlichen Energie, zum aktiven Kampf um die nächsten Interessen! Es ist selbstverständlich, dass wir den Kampf der Studenten, der Liberalen usw. um ihre „nächsten Interessen" nicht leiten können, aber nicht davon war ja die Rede, verehrtester Ökonomist! Es handelte sich um die mögliche und notwendige Beteiligung der verschiedenen Gesellschaftsschichten am Sturz des Absolutismus, und diese „aktive Tätigkeit der verschiedenen oppositionellen Schichten" können wir nicht nur, sondern müssen wir unbedingt leiten, wenn wir eine „Avantgarde" sein wollen. Dass unsere Studenten, unsere Liberalen usw. „Auge in Auge unserem politischen Regime gegenüberstehen" – dafür werden nicht nur sie selber sorgen –, dafür werden vor allem die Polizei und die Beamten der absolutistischen Regierung sorgen. Aber „wir" müssen, wenn wir fortgeschrittene Demokraten sein wollen, dafür sorgen, dass die Leute, die eigentlich nur mit den Zuständen in der Universität oder im Semstwo usw. unzufrieden sind, auf den Gedanken der Untauglichkeit des gesamten politischen Regimes gestoßen werden. Wir müssen die Aufgabe auf uns nehmen, einen solchen allseitigen politischen Kampf unter Leitung unserer Partei zu organisieren, dass alle vorhandenen oppositionellen Schichten imstande sind, diesen Kampf und diese Partei nach Kräften zu unterstützen, und dass sie es wirklich tun. Wir müssen aus den Praktikern der Sozialdemokratie politische Führer machen, die imstande sind, alle Äußerungen dieses allseitigen Kampfes zu leiten, die imstande sind, im notwendigen Moment „ein positives Aktionsprogramm zu diktieren" – sowohl den rebellierenden Studenten als auch den unzufriedenen Semstwoleuten, den empörten Sektierern, den benachteiligten Volksschullehrern usw. usw. Darum ist Martynows Behauptung vollkommen falsch, dass „wir ihnen gegenüber nur in der negativen Rolle der Ankläger des Regimes auftreten können, dass wir nur ihre Hoffnungen auf verschiedene Regierungskommissionen zerstreuen können" (von uns gesperrt). Mit diesen Worten zeigt Martynow, dass er von der wirklichen Rolle der revolutionären „Avantgarde" absolut nichts versteht. Zieht der Leser dies in Betracht, so wird ihm der wahre Sinn folgender Schlussworte Martynows klar werden:

Die ,Iskra' ist das Organ der revolutionären Opposition, das unsere Zustände und vor allem die politischen Zustände brandmarkt, soweit sie mit den Interessen der verschiedensten Bevölkerungsschichten kollidieren. Wir aber arbeiten und werden arbeiten für die Arbeitersache in enger organischer Verbindung mit dem proletarischen Kampf. Wenn wir die Sphäre unserer Einwirkung einengen, so komplizieren wir damit die Einwirkung selber" (§. 63).

Der wahre Sinn dieser Schlussfolgerung ist folgender: die „Iskra" will die trade-unionistische Politik der Arbeiterklasse (auf die sich bei uns aus einem Missverständnis heraus, aus mangelnder Vorbereitung oder Überzeugung die Praktiker so oft beschränken) zur sozialdemokratischen Politik emporheben. Das „Rabotscheje Djelo" aber will die sozialdemokratische Politik zur trade-unionistischen herabdrücken. Dabei beteuert es hoch und heilig, dies seien „durchaus vereinbare Positionen in der gemeinsamen Sache". O sancta simplicitas15!

Gehen wir weiter. Haben wir die Kraft, unsere Propaganda und Agitation in alle Klassen der Bevölkerung zu tragen? Natürlich haben wir sie. Unsere Ökonomisten, die mitunter dazu neigen, es zu leugnen, übersehen jenen gewaltigen Schritt vorwärts, den unsere Bewegung von (ungefähr) 1894 bis 1901 getan hat. Als wahre „Chwostisten" leben sie nur zu oft in den Vorstellungen der längst vergangenen Anfangsperiode der Bewegung. Damals verfügten wir tatsächlich über auffallend wenig Kräfte, damals war die Entschlossenheit, sich voll und ganz der Tätigkeit unter den Arbeitern zu widmen und jedes Abweichen von ihr scharf abzulehnen, natürlich und gerechtfertigt, damals bestand die ganze Aufgabe darin, in der Arbeiterklasse festen Fuß zu fassen. Jetzt ist eine gewaltige Menge von Kräften in die Bewegung hineingezogen, zu uns kommen alle besten Vertreter der jungen Generation der gebildeten Klassen, überall in der Provinz sitzen gezwungenerweise Leute, die an der Bewegung bereits teilgenommen haben oder an ihr teilzunehmen wünschen, Leute, die es zur Sozialdemokratie hinzieht (während man im Jahre 1894 die Zahl der russischen Sozialdemokraten noch an den Fingern abzählen konnte). Einer der politischen und organisatorischen Grundmängel unserer Bewegung ist, dass wir es nicht verstehen, alle diese Kräfte zu beschäftigen, allen eine passende Arbeit zu geben (im nächsten Kapitel wollen wir näher darauf eingehen). Die überwiegende Mehrheit dieser Kräfte hat absolut keine Möglichkeit, „unter die Arbeiter zu gehen", so dass von einer Gefahr der Ablenkung der Kräfte von unserer grundlegenden Arbeit nicht die Rede sein kann. Um den Arbeitern wirkliches, allseitiges und lebendiges politisches Wissen zu vermitteln, braucht man „eigene Leute", Sozialdemokraten, überall, an allen Orten, in allen Gesellschaftsschichten, in allen Positionen, die die Möglichkeiten geben, die inneren Triebfedern unseres Staatsmechanismus kennen zu lernen. Solche Leute sind notwendig nicht nur für die Propaganda und Agitation, sondern noch viel mehr für die organisatorische Arbeit.

Gibt es einen Boden für die Tätigkeit in allen Klassen der Bevölkerung? Wer das nicht sieht, der bleibt mit seiner Zielbewusstheit wiederum hinter dem spontanen Aufschwung der Massen zurück. Die Arbeiterbewegung erzeugt nach wie vor Unzufriedenheit bei den einen, Hoffnung auf Unterstützung der Opposition bei den anderen, das Bewusstsein der Unmöglichkeit des Absolutismus und seines unvermeidlichen Sturzes bei den dritten. Wir wären nur in Worten „Politiker" und Sozialdemokraten (wie es sehr, sehr oft in Wirklichkeit der Fall ist), wenn wir uns nicht der Aufgabe bewusst wären, alle Äußerungen der Unzufriedenheit auszunutzen, alle Körnchen eines, wenn auch erst im Keimzustand vorhandenen Protestes zu sammeln und zu bearbeiten. Wir sehen dabei schon ganz davon ab, dass die millionenköpfige Masse des werktätigen Bauerntums, der Hausgewerbetreibenden, der kleinen Handwerker usw. stets die Predigt eines einigermaßen geschickten Sozialdemokraten gierig anhören würde. Aber kann auch nur eine Klasse der Bevölkerung genannt werden, in der es nicht Personen, Gruppen und Kreise gibt, die mit der Entrechtung und Willkür unzufrieden und daher zugänglich sind für die Propaganda des Sozialdemokraten, der die dringendsten allgemein-demokratischen Forderungen zum Ausdruck bringt? Wer sich aber diese politische Agitation der Sozialdemokraten in allen Klassen und Schichten der Bevölkerung konkret vorstellen will, der sei auf die politischen Enthüllungen im weiten Sinne dieses Wortes hingewiesen, als auf das wichtigste (aber natürlich nicht einzige) Mittel dieser Agitation.

Wir müssen" – schrieb ich im Artikel „Womit beginnen?" („Iskra" Nr. 4, Mai 1901), auf den wir weiter unten noch ausführlicher eingehen werden – „in allen einigermaßen denkenden Volksschichten die Leidenschaft für politische Enthüllungen wecken. Man darf sich nicht dadurch abschrecken lassen, dass die politisch anklagenden Stimmen heute so schwach, selten und zaghaft sind. Der Grund hierfür liegt durchaus nicht darin, dass sich die Massen mit der Polizeiwillkür abgefunden hätten. Der Grund ist der, dass die Leute, die fähig und bereit sind, zu enthüllen, keine Tribüne haben, von der herab sie sprechen könnten, dass kein Auditorium vorhanden ist, das den Rednern leidenschaftlich zuhört und sie ermuntert, dass sie nirgends im Volke die Kraft sehen, an die sich mit einer Anklage gegen die ,allmächtige' russische Regierung zu wenden der Mühe wert wäre... Wir sind jetzt imstande und wir sind verpflichtet, eine Tribüne zu schaffen, die die Aufgabe hat, die Zarenregierung vor dem ganzen Volke zu entlarven; – eine solche Tribüne muss die sozialdemokratische Zeitung sein."

Eben ein solches ideales Auditorium für politische Enthüllungen stellt die Arbeiterklasse dar, die ein allseitiges und lebendiges politisches Wissen vor allem und am meisten braucht; die am meisten fähig ist, dieses Wissen in aktiven Kampf umzusetzen, auch wenn dieser keine „greifbaren Resultate" verheißt. Eine Tribüne aber für Entlarvungen vor dem gesamten Volke kann nur ein allgemein-russisches Blatt sein. Ohne ein politisches Organ ist im heutigen Europa eine Bewegung undenkbar, die den Namen einer „politischen verdiente", Russland aber gehört in dieser Hinsicht zweifellos auch zum heutigen Europa. Die Presse ist bei uns seit langem zu einer Macht geworden – sonst würde ja die Regierung nicht Zehntausende von Rubeln ausgeben für die Bestechung und Subsidierung der verschiedenen Katkow und Meschtscherski. Es ist nicht neu im absolutistischen Russland, dass die illegale Presse die Zensurfesseln bricht und die legalen und konservativen Organe zwingt, offen von ihr zu reden. So war es in den siebziger und sogar in den fünfziger Jahren. Wie viel breiter und tiefer aber sind jetzt die Volksschichten, die bereit sind, die illegale Presse zu lesen und aus ihr zu lernen, „wie man leben und wie man sterben müsse", um mit den Worten eines Arbeiters zu reden, der ein Schreiben an die „Iskra" gerichtet hat (Nr. 7).16 Die politischen Enthüllungen sind eine ebensolche Kriegsansage an die Regierung, wie die ökonomischen Enthüllungen eine Kriegsansage an den Fabrikbesitzer sind. Und diese Kriegsansage ist von um so größerer moralischer Bedeutung, je umfassender und wuchtiger diese Enthüllungskampagne ist, je stärker an Zahl und entschlossener die gesellschaftliche Klasse ist, die den Krieg erklärt, um den Krieg zu eröffnen. Die politischen Enthüllungen sind darum schon an und für sich eines der machtvollsten Mittel zur Zersetzung des feindlichen Lagers, der Mittel, dem Feinde seine zufälligen oder vorübergehenden Verbündeten abtrünnig zu machen und zwischen den ständigen Mitarbeitern der absolutistischen Regierung Hass und Misstrauen zu säen.

In unserer Zeit wird nur eine Partei zur Avantgarde der revolutionären Kräfte werden können, die wirklich allgemein-nationale Enthüllungen organisiert. Dieses Wort „allgemein-nationale" hat einen sehr großen Inhalt. Die übergroße Mehrheit der Entlarver, die nicht aus der Arbeiterklasse kommen (um aber zur Avantgarde zu werden, muss man gerade die anderen Klassen heranziehen), sind nüchterne Politiker und kaltblütige Männer der Praxis. Sie wissen sehr gut, dass es nicht ganz ungefährlich ist, sich selbst über einen niederen Beamten zu „beklagen", geschweige denn über die „allmächtige" russische Regierung. Und sie werden sich mit ihren Klagen erst dann an uns wenden, wenn sie sehen, dass diese Anklagen tatsächlich eine Wirkung auszuüben imstande sind, dass wir eine politische Kraft darstellen. Damit wir eine solche in den Augen Außenstehender werden, müssen wir viel und hartnäckig arbeiten an der Hebung unserer Zielbewusstheit, unserer Initiative und Tatkraft; dazu genügt es nicht, der Theorie und Praxis der Nachhut das Etikett einer „Vorhut" aufzukleben.

Wenn wir aber die Organisierung tatsächlich allgemein-nationaler Enthüllungen der Regierung auf uns nehmen müssen, – worin wird dann der Klassencharakter unserer Bewegung zum Ausdruck kommen? – wird uns fragen und fragt uns bereits der mehr eifrige als kluge Anbeter der „engen organischen Verbindung mit dem proletarischen Kampfe". Gerade darin, dass wir Sozialdemokraten diese allgemein-nationalen Enthüllungen organisieren; – darin, dass die Beleuchtung aller durch die Agitation aufgerollten Fragen in konsequent sozialdemokratischem Geiste, ohne irgendwelche Zugeständnisse an die beabsichtigten und unbeabsichtigten Entstellungen des Marxismus geschieht; – darin, dass diese allseitige politische Agitation von einer Partei ausgeht, in der der Vorstoß gegen die Regierung im Namen des gesamten Volkes sich vereinigen wird zu einem untrennbaren Ganzen mit der revolutionären Erziehung des Proletariats neben der Wahrung seiner politischen Selbständigkeit, und mit der Leitung des ökonomischen Kampfes der Arbeiterklasse, der Ausnutzung jener spontanen Zusammenstöße des Proletariats mit seinen Ausbeutern, die immer neue und neue Schichten des Proletariats auf die Beine bringen und in unser Lager führen.

Aber eines der charakteristischen Merkmale des Ökonomismus besteht eben im Verkennen dieser Verbindung, noch mehr: dieser Übereinstimmung des dringendsten Bedürfnisses des Proletariats (der allseitigen politischen Erziehung durch politische Agitation und politische Enthüllungen) mit den Bedürfnissen der allgemein-demokratischen Bewegung. Das mangelnde Verständnis für diese Tatsache kommt zum Ausdruck nicht nur in den „Martynowschen" Phrasen, sondern auch in den mit diesen Phrasen dem Sinne nach identischen Hinweisen auf den angeblichen Klassenstandpunkt. Folgendermaßen schreiben z. B. hierüber die Verfasser des „Ökonomistischen" Briefes in Nr. 12 der „Iskra"N: „Derselbe Grundfehler der ,Iskra' (die Überschätzung der Ideologie) ist die Ursache ihrer Inkonsequenz in den Fragen des Verhältnisses der Sozialdemokratie zu den verschiedenen gesellschaftlichen Klassen und Richtungen. Die ,Iskra', die durch theoretische Betrachtungen …" (nicht durch das „Wachstum der Parteiaufgaben, die zusammen mit der Partei wachsen …") „die Aufgabe des sofortigen Übergangs zum Kampf gegen den Absolutismus gelöst hat und die wahrscheinlich die ganze Schwierigkeit dieser Aufgabe für die Arbeiter bei der gegenwärtigen Sachlage empfindet …" (nicht nur empfindet, sondern auch sehr gut weiß, dass den Arbeitern diese Aufgabe viel weniger schwierig erscheint als den „ökonomistischen" Intellektuellen mit ihren Kleinkindersorgen, denn die Arbeiter sind bereit, auch um Forderungen zu kämpfen, die, um mit den Worten des unvergesslichen Martynow zu reden, keine „greifbaren Resultate" verheißen) „… aber nicht die Geduld hat, die weitere Sammlung der Kräfte für diesen Kampf abzuwarten, beginnt Verbündete zu suchen in den Reihen der Liberalen und der Intellektuellen …"

Ja, ja, wir haben tatsächlich bereits jede „Geduld" verloren, jene selige, uns seit langem von allerhand „Versöhnungspolitikern" in Aussicht gestellte Zeit „abzuwarten", in der unsere Ökonomisten aufgehört haben werden, ihre eigene Rückständigkeit auf die Arbeiter abzuwälzen, ihren eignen Mangel an Energie zu rechtfertigen mit dem angeblichen Mangel an Kräften bei den Arbeitern. Wir wollen unsere Ökonomisten fragen: worin muss das „Sammeln von Kräften für diesen Kampf" bestehen? Etwa nicht in der politischen Erziehung der Arbeiter, in der Entlarvung aller Seiten unseres niederträchtigen Absolutismus? Und ist es denn nicht klar, dass wir gerade für diese Arbeit „Verbündete in den Reihen der Liberalen und Intellektuellen" brauchen, die bereit wären, uns Enthüllungen über den politischen Feldzug gegen die Semstwoleute, die Lehrer, Statistiker, Studenten usw. mitzuteilen? Ist es denn in der Tat so schwer, diese erstaunlich „schlaue Mechanik" zu begreifen? Sagt denn P. B. Axelrod nicht schon seit 1897 ständig: „Die Aufgabe der Gewinnung von Anhängern und direkten oder indirekten Verbündeten in den nichtproletarischen Klassen wird für die russischen Sozialdemokraten vor allem und hauptsächlich gelöst durch den Charakter der Propagandatätigkeit im Proletariat selber"17? Aber Martynow und die übrigen Ökonomisten fahren dennoch fort, sich die Sache so vorzustellen, als müssten die Arbeiter zunächst „im ökonomischen Kampf gegen die Unternehmer und die Regierung" Kräfte sammeln (für eine trade-unionistische Politik) und erst dann „übergehen" – wohl von der trade-unionistischen „Erziehung zur Aktivität", zur sozialdemokratischen Aktivität!

... In ihrem Suchen“ – fahren die Ökonomisten fort – „verlässt die ,Iskra' oft den Klassenstandpunkt, sie verwischt die Klassengegensätze und stellt die gemeinsame Unzufriedenheit mit der Regierung in den Vordergrund, obwohl die Ursachen und der Grad dieser Unzufriedenheit bei den ,Verbündeten' sehr verschieden sind. Von dieser Art ist z. B. das Verhältnis der ,Iskra' zum Semstwo ..."

Die „Iskra" verspricht angeblich „dem Adel, den die Almosen der Regierung nicht befriedigt haben, die Hilfe der Arbeiterklasse, ohne dabei mit einem Worte den Klassengegensatz zwischen diesen Bevölkerungsschichten zu erwähnen."

Wenn der Leser sich die Artikel „Selbstherrschaft und Semstwo" (Nr. 2 und 4 der „Iskra"18) ansieht, von denen wahrscheinlich die Verfasser des Briefes reden, so wird er sich davon überzeugen, dass diese ArtikelO sich mit dem Verhalten der Regierung zu der „sanften Agitation des ständisch-bürokratischen Semstwos", zur „Selbsttätigkeit sogar der besitzenden Klassen" befassen. In dem Artikel heißt es, dass der Arbeiter dem Kampf der Regierung gegen das Semstwo nicht gleichgültig zusehen darf, und die Semstwoleute werden aufgefordert, ihre sanften Reden aufzugeben und ein festes und scharfes Wort zu sprechen, wenn die revolutionäre Sozialdemokratie sich in ihrer ganzen Größe vor der Regierung aufrichten wird. Womit die Verfasser des Briefes hier nicht einverstanden sind, ist unbekannt. Glauben sie, dass der Arbeiter die Worte „besitzende Klassen" und „ständisch-bürokratisches Semstwo" nicht verstehen werde? – dass die Aufmunterung der Semstwoleute, von sanften zu scharfen Worten überzugehen, eine „Überschätzung der Ideologie" sei? Bilden sie sich denn ein, dass die Arbeiter „Kräfte sammeln" können zum Kampf gegen den Absolutismus, wenn sie sich nicht klar sein werden über das Verhältnis des Absolutismus auch zum Semstwo? All das bleibt wiederum unklar. Klar ist nur das eine: dass die Verfasser sich die politischen Aufgaben der Sozialdemokratie sehr vage vorstellen. Noch klarer geht dies aus dem Satz hervor: „Ebenso verhält es sich mit der Stellungnahme der ,Iskra' zu der Studentenbewegung (d. h. auch hier werden „die Klassengegensätze verdunkelt")". Anstatt die Arbeiter aufzufordern, in öffentlicher Kundgebung zu erklären, dass der wahre Herd der Gewalttaten, der Exzesse und Übergriffe nicht das Studententum, sondern die russische Regierung ist (Nr. 2 der „Iskra"), hätten wir wohl lieber Betrachtungen im Geiste der „Rabotschaja Mysl" anstellen sollen! Und solche Ansichten äußern Sozialdemokraten im Herbst 1901, nach den Februar- und Märzereignissen, am Vorabend einer neuen Studentenbewegung, die deutlich anzeigt, dass auch auf diesem Gebiete die „Spontaneität" des Protestes gegen den Absolutismus die zielbewusste Leitung der Bewegung durch die Sozialdemokratie überholt. Der elementare Drang der Arbeiter, für die von Polizei und Kosaken misshandelten Studenten einzutreten, überholt die zielbewusste Tätigkeit der sozialdemokratischen Organisation!

Aber in anderen Artikeln“ – fahren die Verfasser des Briefes fort – „verurteilt die ,Iskra' scharf alle Kompromisse und verteidigt z. B. die intransigente Haltung der Guesdisten." Wir raten den Leuten, die aus Anlass der Meinungsverschiedenheiten im Lager der Sozialdemokraten gewöhnlich so selbstbewusst und leichtfertig erklären, diese Meinungsverschiedenheiten seien unwesentlich und rechtfertigten keine Spaltung, – über diese Worte einmal richtig nachzudenken. Ist eine erfolgreiche Arbeit in einer Organisation möglich zwischen Leuten, die sagen, wir hätten außerordentlich wenig getan, um die verschiedenen Klassen über die Feindseligkeit des Absolutismus aufzuklären und um die Arbeiter aufzuklären über das oppositionelle Verhalten der verschiedensten Schichten gegenüber der Regierung – und Leuten, die darin einen „Kompromiss" erblicken, offenbar ein Kompromiss mit der Theorie des „ökonomischen Kampfes gegen die Unternehmer und die Regierung"?

Wir haben aus Anlass des vierzigsten Jahrestages der Bauernbefreiung (Nr. 3) von der Notwendigkeit gesprochen, den Klassenkampf auf das flache Land zu tragen, und aus Anlass der vertraulichen Denkschrift Wittes (Nr. 419) von der Unvereinbarkeit der Selbstverwaltung mit dem Absolutismus; wir haben anläßlich des neuen Gesetzes (Nr. 8) das Fronherrentum der Gutsbesitzer und der in ihrem Dienste stehenden Regierung angegriffen und den illegalen Kongress der Semstwoleute begrüßt, die wir anspornten, von unterwürfigen Petitionen zum Kampfe überzugehen (Nr. 8120), wir haben die Studenten ermuntert, die sich über die Notwendigkeit des politischen Kampfes klar zu werden und ihn aufzunehmen begannen (Nr. 321) und gleichzeitig den „grenzenlosen Unverstand" der Anhänger der „Nur-Studentenbewegung" gegeißelt, die die Studenten von den Straßendemonstrationen fernhalten wollten (in Nr. 3, anlässlich des Aufrufes des Exekutivkomitees der Moskauer Studentenschaft vom 25. Februar); wir haben die „sinnlosen Träumereien" und die „verlogene Heuchelei" der liberalen Schlaumeier aus der Zeitung „Rossija" entlarvt (Nr. 5122) und zugleich den Irrsinn der Regierungshenker festgenagelt, die „mit friedlichen Literaten, alten Professoren und Gelehrten, mit bekannten liberalen Semstwoleuten Abrechnung hielten" (Nr. 5: „Der Polizeifeldzug gegen die Literatur"); wir haben die wahre Bedeutung des Programms der „staatlichen Fürsorge um den Wohlstand der Arbeiter" enthüllt und das „wertvolle Geständnis" begrüßt, daß es „besser sei, durch Reformen von oben den Forderungen von unten vorzugreifen, als abzuwarten, bis sie gestellt werden" (Nr. 6); wir haben die protestierenden Statistiker aufgemuntert (Nr. 723) und die Streikbrecher unter den Statistikern getadelt (Nr. 924). Wer in dieser Taktik eine Verdunkelung des Klassenbewusstseins des Proletariats und einen Kompromiss mit dem Liberalismus erblickt, der beweist damit, dass er den wahren Sinn des Programms des „Credo" absolut nicht versteht und de facto gerade dieses Programm durchführt, wie sehr er es auch ablehnen mag! Denn er schleppt dadurch die Sozialdemokratie zum „ökonomischen Kampf gegen die Unternehmer und die Regierung" und kapituliert vor dem Liberalismus, denn er verzichtet auf die Aufgabe, sich aktiv in jede „liberale" Frage einzumischen und seine eigene – die sozialdemokratische – Stellung zu dieser Frage zu bestimmen.

f) Noch einmal die „Verleumder", noch einmal die „Mystifikatoren"

Diese liebenswürdigen Worte gebraucht, wie der Leser sich erinnern wird25, „Rabotscheje Djelo", das in dieser Weise auf unseren Vorwurf antwortet, „es habe indirekt den Boden für die Verwandlung der Arbeiterbewegung in ein Werkzeug der bürgerlichen Demokratie vorbereitet". In seiner Einfalt meint das „Rabotscheje Djelo", dieser Vorwurf sei nichts anderes als ein polemischer Ausfall: die bösen Dogmatiker haben beschlossen, uns allerhand Unannehmlichkeiten zu sagen; nun, und was kann unangenehmer sein, als ein Werkzeug der bürgerlichen Demokratie genannt zu werden? Und nun wird mit fetter Schrift eine „Widerlegung" veröffentlicht: „eine ganz ungeschminkte Verleumdung" („Zwei Konferenzen", S. 30), „eine Mystifikation" (31), „eine Maskerade" (33). Wie Jupiter, zürnt „Rabotscheje Djelo" (obgleich es Jupiter wenig ähnlich sieht), eben weil es Unrecht hat, denn es beweist durch sein übereiltes Schimpfen die Unfähigkeit, sich in den Gedankengang seiner Gegner hinein zu finden. Dabei gehört nur wenig Überlegung dazu, um zu verstehen, warum jede Anbetung der Spontaneität der Massenbewegung, jede Degradierung der sozialdemokratischen Politik zur trade-unionistischen Politik die Vorbereitung des Bodens für die Verwandlung der Arbeiterbewegung in ein Werkzeug der bürgerlichen Demokratie bedeutet. Die spontane Arbeiterbewegung ist an und für sich nur fähig, Trade-Unionismus zu schaffen (und sie schafft ihn unvermeidlich), die trade-unionistische Politik der Arbeiterklasse ist aber gerade eine bürgerliche Politik der Arbeiterklasse. Die Teilnahme der Arbeiterklasse am politischen Kampf und selbst an der politischen Revolution macht ihre Politik keineswegs schon zu einer sozialdemokratischen Politik. Will „Rabotscheje Djelo" das etwa leugnen? Ist es jetzt endlich gewillt, direkt und ohne Winkelzüge seine Auffassung über die brennenden Fragen der internationalen und der russischen Sozialdemokratie auseinanderzusetzen? – O nein, es wird nie dazu gewillt sein, denn es hält sich immer an die Methode, die man die Methode des „Alles-Verneinens" nennen kann. Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts. Wir sind keine Ökonomisten, „Rabotsehaja Mysl" ist kein Ökonomismus, in Russland gibt es überhaupt keinen Ökonomismus. Das ist eine sehr geschickte und „diplomatische" Methode, die nur die kleine Unbequemlichkeit hat, dass man die Organe, die sie praktizieren, zu charakterisieren pflegt mit den Worten: „Was gefällig?“26

Rabotscheje Djelo" glaubt, dass die bürgerliche Demokratie in Russland überhaupt ein „Phantom" sei („Zwei Konferenzen",S. 32P). Glückliche Menschen! Wie der Vogel Strauß stecken sie ihren Kopf unter die Flügel und glauben, dass damit die ganze Umgebung verschwinde. Eine Reihe liberaler Publizisten, die allmonatlich triumphierend den Zerfall und sogar das Verschwinden des Marxismus verkünden, eine Reihe liberaler Zeitungen („St. Petersburgskije Wjedomosti", „Russkije Wjedomosti" und viele andere), die jene Liberalen unterstützen, die den Arbeitern die Brentanosche Auffassung vom Klassenkampf und die trade-unionistische Auffassung von der Politik beizubringen versuchen; eine Plejade von Kritikern des Marxismus, deren wahre Tendenzen vom „Credo" so klar enthüllt worden sind und deren literarische Ware die einzige ist, die zollfrei in Russland zirkulieren kann; die Belebung der revolutionären nichtsozialdemokratischen Richtungen, insbesondere nach den Februar- und Märzereignissen; – all das soll ein Phantom sein! All das soll in absolut keiner Beziehung zur bürgerlichen Demokratie stehen!

Rabotscheje Djelo" wie auch die Verfasser des ökonomistischen Briefes in Nr. 12 der „Iskra" sollten „ein wenig darüber nachdenken, warum die Frühjahrsereignisse eine solche Belebung der revolutionären nichtsozialdemokratischen Richtungen hervorgerufen haben, anstatt zur Stärkung der Autorität und des Prestiges der Sozialdemokratie zu führen"? – Weil es sich erwies, dass wir unserer Aufgabe nicht gewachsen waren, dass die Aktivität der Arbeitermassen größer war als unsere Aktivität, dass wir über keine genügend vorbereiteten revolutionären Führer und Organisatoren verfügten, die die Stimmung in allen oppositionellen Schichten gut gekannt und sich an die Spitze der Bewegung gestellt hätten, die es verstanden hätten, die spontane Demonstration in eine politische zu verwandeln, ihren politischen Charakter zu erweitern, usw. Unter solchen Bedingungen wird unsere Rückständigkeit unvermeidlich ausgenutzt werden von beweglicheren, energischeren nichtsozialdemokratischen Revolutionären, und die Arbeiter, wie aufopferungsvoll und energisch sie gegen Polizei und Militär auch kämpfen, wie revolutionär sie auch auftreten mögen, werden nur eine Macht sein, die diese Revolutionäre unterstützt, sie werden die Nachhut der bürgerlichen Demokratie sein und nicht die sozialdemokratische Vorhut. Man nehme die deutsche Sozialdemokratie, von der unsere Ökonomisten nur die schwachen Seiten übernehmen wollen. Warum geht in Deutschland kein einziges politisches Ereignis vor sich, ohne einen Einfluss auszuüben im Sinne einer immer größeren Stärkung der Autorität und des Prestiges der Sozialdemokratie? Weil die Sozialdemokratie in der revolutionären Beurteilung dieser Ereignisse, in der Unterstützung eines jeden Protestes gegen die Willkür stets an erster Stelle steht. Sie lässt sich nicht einlullen durch Ausführungen, dass der ökonomische Kampf die Arbeiter auf die Frage ihrer Rechtlosigkeit stößt und dass die konkreten Verhältnisse unabwendbar die Arbeiterbewegung auf den revolutionären Weg stoßen. Sie mischt sich in alle Gebiete und alle Fragen des öffentlichen und politischen Lebens ein, sowohl in die Frage der Nichtbestätigung eines fortschrittlichen Bürgermeisters durch Kaiser Wilhelm (unseren Ökonomisten ist es noch nicht gelungen, die Deutschen darüber aufzuklären, dass das eigentlich ein Kompromiss mit dem Liberalismus sei!) wie der Verkündung eines Gesetzes gegen „unsittliche" Werke und Darstellungen, der Beeinflussung der Wahl von Professoren durch die Regierung usw. usw. Überall stehen sie in der ersten Reihe, sie wecken die politische Unzufriedenheit in allen Klassen, rütteln die Schläfrigen auf, ermuntern die Rückständigen, verbreiten umfassendes Material zur Entwicklung des politischen Bewusstseins und der politischen Aktivität des Proletariats. Und das Ergebnis ist, dass selbst die bewussten Feinde des Sozialismus erfüllt werden von Achtung für den politischen Vorkämpfer, und es geschieht oft, dass ein wichtiges Dokument nicht nur aus bürgerlichen, sondern sogar aus bürokratischen und Hof-Sphären durch irgendein Wunder der Redaktion des „Vorwärts" zufliegt.

Das ist die Lösung des Rätsels jenes scheinbaren „Widerspruchs", der so sehr hinausgeht über das Auffassungsvermögen des „Rabotscheje Djelo", dass es nur mit den Händen fuchteln und „Maskerade" rufen kann! Man stelle sich in der Tat vor: wir, das „Rabotscheje Djelo", stellen die Massenbewegung der Arbeiter auf den ersten Plan (und drucken das in fetter Schrift!), wir warnen alle und jeden vor der Unterschätzung der Bedeutung des spontanen Elementes, wir wollen dem ökonomischen Kampf selbst, selbst, selbst einen politischen Charakter verleihen, wir wollen in enger und organischer Verbindung mit dem proletarischen Kampf bleiben! Man sagt uns aber, dass wir den Boden vorbereiten für die Verwandlung der Arbeiterbewegung in ein Werkzeug der bürgerlichen Demokratie. Und wer sagt das? Leute, die einen „Kompromiss" mit dem Liberalismus eingehen, die sich in jede „liberale" Frage einmischen (welch mangelndes Verständnis für die „organische Verbindung mit dem proletarischen Kampf"!), die so viel Aufmerksamkeit den Studenten und sogar (o Schrecken!) den Semstwoleuten schenken! Leute, die überhaupt den größten (im Vergleich mit den Ökonomisten) Teil ihrer Kräfte der Tätigkeit unter den nichtproletarischen Klassen der Bevölkerung widmen wollen! Ist das etwa keine „Maskerade"??

Armes „Rabotscheje Djelo"! Wird es je dem Rätsel dieser schlauen Mechanik auf den Grund kommen?27

A Um Missverständnisse zu vermeiden, wollen wir bemerken, dass wir in der weiteren Darlegung unter dem ökonomischen Kampf (dem bei uns üblichen Wortgebrauch gemäß) stets jenen „praktisch-ökonomischen Kampf" verstehen, den Engels in der oben angeführten Stelle den „Widerstand gegen die Kapitalisten" nennt und der in freien Ländern gewerkschaftlicher syndikalistischer oder trade-unionistischer Kampf heißt.

B In diesem Kapitel sprechen wir nur vom politischen Kampf, von seiner breiteren oder engeren Auffassung. Darum sei nur nebenbei, einfach als auf ein Kuriosum, hingewiesen auf den vom „Rabotscheje Djelo" gegen die „Iskra" erhobenen Vorwurf der „übermäßigen Zurückhaltung" gegenüber dem ökonomischen Kampf („Zwei Konferenzen", S. 27, wiedergekäut von Martynow in seiner Broschüre „Sozialdemokratie und Arbeiterklasse"). Wenn die Herren Ankläger den Teil, den die „Iskra" jährlich dem ökonomischen Kampf widmet, in Zentnern oder in Druckbogen messen wollten (wie sie es so gern tun), um ihn mit der entsprechenden Rubrik im „Rabotscheje Djelo" und in der „Rabotschaja Mysl" zu vergleichen, so würden sie einsehen, dass sie selbst in dieser Beziehung zurückbleiben. Anscheinend zwingt sie die Erkenntnis dieser einfachen Wahrheit, zu Argumenten Zuflucht zu nehmen, die ihre Verlegenheit klar zeigen. „Die ,Iskra' – so schreiben sie – muss (!), ob sie will oder nicht (!), auf die wichtigsten Tagesfragen Rücksicht nehmen und zumindest (!!) Korrespondenzen über die Arbeiterbewegung bringen" („Zwei Konferenzen", S. 27). Das ist allerdings ein vernichtendes Argument!

C Wir sagen „im Allgemeinen", denn es handelt sich im „Rabotscheje Djelo" eben um die allgemeinen Prinzipien und die allgemeinen Aufgaben der gesamten Partei. Zweifellos gibt es in der Praxis Fälle, in denen die Politik tatsächlich der Wirtschaft folgen muss, – aber davon in einer Resolution sprechen, die für ganz Russland bestimmt ist, können nur die Ökonomisten. Es gibt doch auch Fälle, wo die politische Agitation „von Anfang an" „nur auf ökonomischer Grundlage" getrieben werden kann, und trotzdem ist das „Rabotscheje Djelo" schließlich zu der Überlegung gelangt, dass hierin „keine Notwendigkeit besteht" („Zwei Konferenzen", S. 11). Im nächsten Kapitel werden wir zeigen, dass die Taktik der „Politiker" und Revolutionäre nicht nur die trade-unionistischen Aufgaben der Sozialdemokratie nicht ignoriert, sondern im Gegenteil, dass sie allein deren konsequente Durchführung sichert.

1 Zitat aus dem Artikel B. Kritschewskis, „Der ökonomische und der politische Kampf in der russischen Arbeiterbewegung" („Rabotscheje Djelo" Nr. 7, August 1900, S. 1–22).

2 In der Auflage von 1908 ist dieser Absatz weggelassen. D. Red.

3 Der einleitende Teil der auf dem IV. Parteitag des jüdischen „Bund" im April 1901 angenommenen Resolution enthielt folgenden Satz: ,,Das beste Mittel, um die breiten Massen in die Bewegung hineinzuziehen, ist der wirtschaftliche Kampf, auf dessen Boden eine politische Agitation zu entfalten ist, die über die Grenzen des wirtschaftlichen Kampfes hinausgehen muss; doch besteht keine Notwendigkeit, von Anfang an eine politische Agitation nur auf ökonomischem Boden zu führen" (siehe „Rabotscheje Djelo" Nr. 10, S. 123, Notiz über den IV. Parteitag des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes in Litauen, Polen und Russland). In derselben Nummer wurde auch der Text der übrigen Resolutionen veröffentlicht. Die Notiz hatte das Auslandskomitee des „Bund" eingesandt.

D Wörtliche Ausdrücke aus der Broschüre „Zwei Konferenzen", S. 28, 30, 31, 32.

E „Zwei Konferenzen", S. 32.

4 Der Schluss dieses Absatzes, beginnend mit den Worten: „Kein Wunder, dass…" ist in der Auflage von 1908 weggelassen. D. Red.

5 Lenin spricht hier von dem zweibändigen Werk von Sidney und Beatrice Webb (das Vorwort trägt das Datum vom November 1897). Dieses Buch hat Lenin (unter dem Pseudonym Wladimir Iljin) während seines Aufenthaltes in der sibirischen Verbannung aus dem Englischen ins Russische übersetzt, und zwar unter dem Titel, „Theorie und Praxis des englischen Trade-Unionismus" (Industrial democracy). Der erste Band erschien im Jahre 1900, der zweite im Jahre 1901 in Petersburg.

F„Rabotscheje Djelo" Nr. 10, S. 60. Das ist die Martynowsche Variante jener Anwendung der These: „jeder Schritt einer wirklichen Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme", auf den heutigen chaotischen Zustand unserer Bewegung, die wir schon weiter oben charakterisiert haben. Eigentlich ist das nur die Übersetzung des berüchtigten Bernsteinschen Satzes: „Die Bewegung ist alles, das Endziel – nichts", ins Russische.

6 Anhänger der „Rabotscheje Djelo". Die Red.

G S. 43: „Natürlich, wenn wir den Arbeitern empfehlen, bestimmte ökonomische Forderungen an die Regierung zu stellen, so tun wir es, weil die absolutistische Regierung auf ökonomischem Gebiet gezwungenermaßen bereit ist, gewisse Zugeständnisse zu machen."

7 In der Ausgabe von 1908 ist das Wort „auch" weggelassen. D. Red.

8 Diesen Absatz hat der Autor in der Auflage von 1908 weggelassen. D. R e d.

9 Beseitigung. Die Red.

H „Rabotschaja Mysl", „Sonderbeilage", S. 14.

10 Die beiden ersten Absätze des Unterkapitels b) hat der Verfasser in der Auflage von 1908 weggelassen. D. Red.

11 In der Ausgabe von 1908 stand: „als einzelne Tatsache". D. Red.

12 In der Ausgabe von 1908 heißt es nicht „unser Lomonossow", sondern Martynow. D. Red.

13 Dieser letzte Satz fehlt in der Ausgabe von 1908. D. Red.

I Die Forderung, „dem ökonomischen Kampf selbst einen politischen Charakter zu verleihen", bringt die Anbetung der Spontaneität auf dem Gebiete der politischen Tätigkeit am klarsten zum Ausdruck. Der ökonomische Kampf nimmt durchweg spontan, d. h. ohne Einmischung „des revolutionären Bazillus – der Intelligenz", ohne Einmischung der zielbewussten Sozialdemokraten einen politischen Charakter an. Einen politischen Charakter hat z. B. auch der ökonomische Kampf der Arbeiter in England ohne jede Beteiligung der Sozialisten angenommen. Die Aufgabe der Sozialdemokraten aber erschöpft sich nicht in der politischen Agitation auf ökonomischem Boden, es ist ihre Aufgabe, diese trade-unionistische Politik in einen sozialdemokratischen politischen Kampf zu verwandeln, – die Funken des politischen Bewusstseins, die der ökonomische Kampf in den Arbeitern weckt, auszunutzen, um die Arbeiter auf das Niveau des sozialdemokratischen politischen Bewusstseins zu heben. Anstatt aber das spontan erwachende politische Bewusstsein zu heben und vorwärts zu treiben, fallen die Martynows auf die Knie vor der Spontaneität und behaupten, und wiederholen bis zum Erbrechen, dass der ökonomische Kampf die Arbeiter auf die Frage ihrer politischen Entrechtung „stößt". Es ist schlimm, ihr Herren, dass dieses spontane Erwachen des trade-unionistischen politischen Bewusstseins euch nicht auf die Frage eurer sozialdemokratischen Aufgaben „stößt"!

J Zur Bestätigung dessen, dass wir uns diese ganze Rede der Arbeiter an die Ökonomisten nicht einfach ausgedacht haben, wollen wir uns auf zwei Zeugen berufen, die die Arbeiterbewegung zweifellos aus unmittelbarer Nähe kennen und die kaum dazu neigen, eine Vorliebe für uns „Dogmatiker" zu haben, denn der eine Zeuge ist ein Ökonomist (der das „Rabotscheje Djelo" sogar für ein politisches Organ hält!), der andere – ein Terrorist. Der erste Zeuge ist der Verfasser eines – was Wahrhaftigkeit und Lebendigkeit betrifft – ausgezeichneten Artikels: „Die Petersburger Arbeiterbewegung und die praktischen Aufgaben der Sozialdemokratie" in Nr. 6 des „Rabotscheje Djelo" {Der Artikel „Die Petersburger Bewegung und die praktischen Aufgaben der Sozialdemokratie", der dn Nr. 6 des „Rabotscheje Djelo" (April 1900) mit der Unterschrift B–w. erschien, entstammte der Feder B. Sawinkows, der sich zu jener Zeit in der sozialdemokratischen Bewegung betätigte und der Propagandistengruppe des Petersburger „Kampfbundes" angehörte.}. Er teilt die Arbeiter ein in 1. zielbewusste Revolutionäre, 2. eine Zwischenschicht, und 3. die übrige Masse. Und nun ist es die Zwischenschicht, die „sich oft mehr für die Fragen des politischen Lebens interessiert als für ihre nächsten wirtschaftlichen Interessen, deren Zusammenhang mit den allgemeinen sozialen Verhältnissen längst begriffen worden ist …" Die Rabotschaja Mysl" „wird scharf kritisiert": „Immer dasselbe, längst bekannt, längst gelesen", „die politische Übersicht enthält wieder nichts" (S. 30 u. 31). Aber selbst die dritte Schicht: „die sensiblere, jüngere, durch Wirtshaus und Kirche weniger demoralisierte Arbeitermasse, hat fast nie die Möglichkeit, ein Buch politischen Inhalts zu bekommen, sie bildet sich ein ganz verkehrtes Urteil über die Erscheinungen des politischen Lebens, wenn sie über die fragmentarischen Nachrichten von Studentenaufständen usw. nachdenkt". Der Terrorist aber schreibt: „… Ein-, zweimal wird man die kleinen Details aus dem Fabrikleben in verschiedenen fremden Städten lesen und dann wird man damit aufhören … Das langweilt In einer Arbeiterzeitung nicht vom Staate reden… heißt, den Arbeiter als kleines Kind behandeln… Der Arbeiter ist kein kleines Kind" („Swoboda", Organ der revolutionär-sozialistischen Gruppe, S. 69 u. 70).

K Martynow „stellt sich ein anderes, realeres (?) Dilemma" („Die Sozialdemokratie und die Arbeiterklasse", S. 19): „Entweder die Sozialdemokratie übernimmt die unmittelbare Führung im ökonomischen Kampf des Proletariats und verwandelt ihn dadurch (!) in den revolutionären Klassenkampf ..." „Dadurch" – d. h. augenscheinlich durch die unmittelbare Führung im ökonomischen Kampf. Martynow mag uns zeigen, wo man das gesehen hat, dass es lediglich durch die Führung im Gewerkschaftskampfe gelungen wäre, eine trade-unionistische Bewegung in eine revolutionäre Klassenbewegung zu verwandeln. Begreift er nicht, dass es für eine solche „Verwandlung" notwendig ist, in aktiver Weise an die „unmittelbare Führung" der allseitigen politischen Agitation heranzugehen?.. . „Oder die andere Perspektive: die Sozialdemokratie wird von der Führung des ökonomischen Kampfes der Arbeiter beseitigt und ... beschneidet sich damit die Flügel..." „Beseitigt" wird, nach der oben angeführten Meinung des „Rabotscheje Djelo", die „Iskra". Aber wir haben gesehen, dass diese für die Führung des ökonomischen Kampfes viel mehr tut als das „Rabotscheje Djelo", wobei sie sich nicht darauf allein beschränkt und im Namen dieser Aufgaben die politischen nicht vernachlässigt.

L Es handelt sich um das Frühjahr 1901, in dem große Straßendemonstrationen begonnen hatten. (Fußnote des Verfassers in der Ausgabe 1908. Die Red.)

M Z. B. während des deutsch-französischen Krieges diktierte Liebknecht für die gesamte Demokratie ein Aktionsprogramm, – noch mehr taten es Marx und Engels im Jahre 1848.

14 Von hier ab ist der ganze Abschnitt und auch der folgende in der Ausgabe von 1908 vom Verfasser weggelassen. D. Red.

15 O heilige Einfalt! D. Red.

16 Der von Lenin erwähnte Brief eines Webers („Iskra" Nr. 7, August 1901), der den Eindruck schildert, den die Lektüre der vierten Nummer der „Iskra", insbesondere der Artikel Lenins „Womit beginnen?", auf ihn und seine Genossen gemacht hat, ist charakteristisch für die Stimmung der vorgeschrittenen Arbeiter, die die „Rabotschaja Mysl" und ihre Propaganda des rein ökonomischen Kampfes nicht befriedigte und die begeistert die revolutionären Losungen der „Iskra" aufnahmen, die in erster Linie gerade für diese Schicht des Proletariats bestimmt war. „Jetzt brauchen wir keine Kassen mehr – schrieb der erwähnte Arbeiter –, keine Zirkel, sogar keine Broschüren, jetzt wollen wir einfach lernen, wie wir in den Kampf zu gehen, wir wir zu kämpfen haben." Auszüge aus diesem Brief sind in fast allen Lehrbüchern der Geschichte der Partei und der revolutionären Bewegung enthalten.

N Der Platzmangel erlaubte uns nicht, in der „Iskra" ausführlich auf diesen für die Ökonomisten äußerst charakteristischen Brief zu antworten. Wir waren sehr froh über sein Erscheinen, denn das Gerede über die Inkonsequenz des Klassenstandpunktes der „Iskra" war uns schon längst, und zwar von den verschiedensten Seiten zu Ohren gekommen, und wir warteten nur auf eine passende Gelegenheit, oder einen formulierten Ausdruck dieser Anschuldigung, um auf sie zu antworten. Angriffe aber sind wir gewohnt, nicht mit Verteidigung, sondern mit einem Gegenangriff zu beantworten.

17 Zitat aus einem Brief P. Axelrods, geschrieben im November 1897 für Nr. 2 der „Rabotschaja Gazeta". Der Brief ist jedoch in dieser Nummer nicht erschienen und fand später zusammen mit einem andern Brief Axelrods (im Dezember des gleichen Jahres) Aufnahme in seiner Broschüre „Zur Frage der gegenwärtigen Aufgaben und der Taktik der russischen Sozialdemokraten" (Verlag des „Auslandsbundes der russischen Sozialdemokraten", Genf 1898.)

18 Der Artikel „Selbstherrschaft und Semstwo" („Iskra" Nr. 2, Februar 1901, und Nr. 4, Mai 1901) stammt von P. B. Struve. Sonstige Artikel Struves sind in der „Iskra" nicht erschienen.

19 Der Artikel Struves „Selbstherrschaft und Semstwo" befasst sich in seinem zweiten Teil („Iskra", Nr. 4, Mai 1901) unter anderem mit der geheimen Denkschrift (1899) des Finanzministers Witte, die gegen den Vorschlag des Innenministers Goremykin über die Einführung von Semstwo-institutionen in Westrussland gerichtet war und die bald darauf von Struve mit Unterstützung der „Sarja" veröffentlicht wurde. Die Veröffentlichung des Struveschen Artikels in der „Iskra" und die Herausgabe der Witteschen Denkschrift durch die „Sarja" wurde ermöglicht dank dem im Januar (1901) zustande gekommenen Abkommen der „Iskra", der „Sarja" und der Gruppe „Befreiung der Arbeit" mit Struve. Dieses Abkommen, das Axelrod und Sassulitsch, unterstützt von Plechanow, gegen die Stimme Lenins durchgesetzt hatten, war nur von kurzer Dauer. Im Frühjahr des gleichen Jahres zeigte es sich, dass eine weitere Zusammenarbeit der Marxisten mit den bürgerlichen Demokraten, deren Vertreter Struve war, absolut unmöglich war, und der Block mit Struve fiel auseinander.

20 Gemeint ist eine Notiz in Nr. 8 der „Iskra" (10. September 1901) „Die Semstwokonferenz" anlässlich einer illegalen Zusammenkunft von Semstwoleuten im Juni 1901. Der Verfasser der Notiz spricht davon, dass die Semstwoleute gezwungen waren, von der Erörterung kleiner Semstwofragen zu allgemein-politischen Fragen überzugehen, er wendet sich an die Semstwoleute mit der Aufforderung, „der wildgewordenen Regierung, die die Selbstverwaltung auf dem Lande vernichtet, die städtische und die Semstwoverwaltung verstümmelt hat und mit stumpfsinniger Konsequenz ihr Beil über den letzten Resten der Semstwoinstitution schwingt, endlich einmal einen energischen und organisierten Widerstand entgegenzusetzen".

21 Gemeint ist ein Artikel von V. Sassulitsch „Die gegenwärtigen Ereignisse" („Iskra", Nr. 3, April 1901), der im Zusammenhang mit den Studentenunruhen und -demonstrationen im Februar und März geschrieben wurde.

22 In dem Artikel „Sinnlose Illusionen" (Worte aus der bekannten Rede Nikolaus II., die er bei einer Audienz der Semstwoleute im Jahre 1895 gehalten hat) beschäftigt sich A. Potressow mit der gemäßigt-liberalen Zeitung „Rossija", die in der Gesellschaft die „Sinnlosen Illusionen" unterstützte, die Regierung sei bereit, ohne Kampf und ohne Druck von unten den Weg liberaler Reformen und Umgestaltungen zu beschreiten, und die den Rat erteilte, der Jugend zu helfen, sich so rasch als möglich vom Einfluss „der extremen und unversöhnlich gestimmten Politiker" zu befreien.

23 Gemeint ist die Notiz „Ein Zwischenfall im Semstwo von Jekaterinoslaw" („Iskra", Nr. 7, August 1901).

24 Gemeint ist die Notiz „Die Streikbrecher von Wjatka" („Iskra", Nr. 9, Oktober 1901). In dieser Notiz wurde den Statistikern von Wjatka mangelnde Solidarität für die Statistiker von Jekaterinoslaw vorgeworfen, die dem Vorsitzenden des Jekaterinoslawer Semstwos, Rodsjanko, den Boykott erklärt hatten.

25 Die Worte: „wie der Leser sich erinnern wird", sind in der Ausgabe von 1908 weggelassen. D. Red.

26 Der Schluss dieses Absatzes, und zwar von den Worten ab: „Ist es jetzt endlich gewillt“ ist in der Ausgabe von 1908 vom Verfasser weggelassen worden. D. Red.

P Hier finden wir auch einen Hinweis auf „die konkreten russischen Verhältnisse, die die Arbeiterbewegung unabwendbar auf den revolutionären Weg stoßen". Die Leute wollen nicht begreifen, dass der revolutionäre Weg der Arbeiterbewegung auch ein nicht-sozialdemokratischer Weg sein kann! Hat doch die gesamte westeuropäische Bourgeoisie unter dem Absolutismus vollkommen bewusst die Arbeiter auf den revolutionären Weg „gestoßen". Wir, Sozialdemokraten, aber dürfen uns damit nicht begnügen. Und wenn wir in irgendeiner Weise die sozialdemokratische Politik zur spontanen, trade-unionistischen Politik degradieren, so arbeiten wir eben damit der bürgerlichen Demokratie in die Hände.

27 Die beiden letzten Absätze sind in der Ausgabe von 1908 vom Verfasser weggelassen worden. D. Red.

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