Wladimir I. Lenin: Anzeichen des Bankrotts [„Iskra" Nr. 17 15./28. Februar 1902. Nach Sämtliche Werke, Band 5, Wien-Berlin 1930, S. 72-79] Ein Jahr nur ist vergangen, seitdem die Kugel Karpowitschs, die Bogolepow tötete, die Bahn freigemacht hat für einen „neuen Kurs" in der Universitätspolitik der Regierung. Im Verlaufe dieses Jahres haben wir aufeinanderfolgend einen ungewöhnlichen Aufschwung der öffentlichen Empörung, einen ungewöhnlich milden Ton in den Reden unserer Machthaber, eine leider zu gewöhnliche Begeisterung der Gesellschaft für diese neuen Reden, eine Begeisterung, die auch einen gewissen Teil der Studentenschaft erfasst hat, und schließlich, nach der Verwirklichung der hochtrabenden Versprechungen Wannowskis – einen neuen Ausbruch des Studentenprotestes beobachten können. Allen, die im letzten Frühjahr eine „neue Ära" erwarteten und ernstlich glaubten, der zaristische Feldwebel würde von den Wünschen der Studenten und der Gesellschaft auch nur einen kleinen Teil erfüllen, – mit einem Wort, allen russischen Liberalen muss es jetzt klar geworden sein, wie unrecht sie hatten, als sie der Regierung wieder einmal Vertrauen schenkten, wie wenig Grund vorhanden war, die Bewegung zugunsten der Reformen, die begonnen hatte, eindrucksvolle Formen anzunehmen, im Frühjahr zum Stillstand zu bringen und sich durch die süßen Lieder der Regierungssirenen einwiegen zu lassen. Nachdem das Versprechen, alle im vorigen Jahre Gemaßregelten wieder in die Universitäten aufzunehmen, nicht eingehalten worden ist, nachdem eine Reihe neuer reaktionärer Maßnahmen alle herausgefordert hat, die eine wirkliche Reform der Zustände in den Lehranstalten verlangten, nach einer Reihe neuer brutaler Maßnahmen gegen die Demonstranten, die von dem betrügerischen Bankrotteur die Erfüllung der von ihm übernommenen Verpflichtungen forderten, – nach all dem veröffentlicht die Regierung der „herzlichen Fürsorge" die zum Zwecke der „Beruhigung" ersonnenen „provisorischen Bestimmungen" über die Studentenorganisationen und … erhält anstatt der „Beruhigung" das Bild des allgemeinen Brandes, der „Unruhen", die alle Lehranstalten von neuem erfasst haben. Wir Revolutionäre haben keinen Augenblick an die Ernsthaftigkeit der von Wannowski versprochenen Reformen geglaubt. Wir haben nicht aufgehört, den Liberalen zu sagen, dass die Zirkulare des „herzlichen" Generals und die Erlasse Nikolai Obmanows nur eine neue Äußerung derselben liberalen Politik sind, in der der Absolutismus während der vierzigjährigen Periode des Kampfes gegen den „inneren Feind", d. h. gegen alle fortschrittlichen Elemente Russlands, eine solche Kunstfertigkeit erlangt hat. Wir warnten die Liberalen vor den „sinnlosen Träumereien", denen sie sich sofort nach den ersten Schritten der Regierung im Geiste des „neuen Kurses" hingaben, wir entlarvten die ganze bewusste Heuchelei der Regierungsversprechungen und sagten der Gesellschaft: wenn dein Gegner vom ersten ernsten Ansturm betäubt ist, werde nicht müde, ihm neue Schläge zu versetzen, verdopple ihre Kraft und ihre Zahl … Die Karikatur auf das Organisationsrecht, die die „provisorischen Bestimmungen" den Studenten jetzt vorsetzen, sahen die Revolutionäre voraus, gleich als man von diesem neuen Geschenk der Regierung zu reden begonnen hatte. Wir wussten, was man vom Absolutismus und seinen reformerischen Anwandlungen erwarten kann und darf. Wir wussten, dass Wannowski niemanden und nichts „beruhigen" wird, dass die „Unruhen" sich unbedingt in dieser oder jener Form wiederholen werden. Ein Jahr ist vergangen, und die Gesellschaft steht an demselben toten Punkt. Die in jedem wohlgeordneten Staate notwendigen Hochschulen können wiederum nicht arbeiten. Wiederum sind Zehntausende von jungen Menschen aus ihrer gewohnten Bahn geschleudert, und wiederum steht die Gesellschaft vor derselben Frage: „Was weiter?" Die übergroße Mehrheit der Studenten lehnt es ab, die „provisorischen Bestimmungen" und die von diesen erlaubten Organisationen anzunehmen. Die Professoren bringen mit größerer Bestimmtheit, als man von ihnen gewohnt ist, eine offensichtliche Unzufriedenheit mit diesem Geschenk der Regierung zum Ausdruck. Und wirklich, man braucht kein Revolutionär, kein Radikaler zu sein, um einzusehen, dass eine solche, mit Verlaub zu sagen, „Reform" den Studenten nicht nur nichts gibt, was der Freiheit ähnlich sieht, sondern auch zur Beruhigung des Universitätslebens ganz untauglich ist. Ja, ist es denn nicht beim ersten Blick auf diese „provisorischen Bestimmungen" klar, dass durch sie von vornherein eine ganze Reihe von Anlässen zu Zusammenstößen zwischen Studenten und Behörden geschaffen wird? Ist es denn nicht klar, dass, wenn diese Bestimmungen ins Leben umgesetzt werden, jede legal und aus dem friedlichsten Anlass einberufene Versammlung zum Ausgangspunkt neuer „Unruhen" zu werden droht? Kann man z. B. daran zweifeln, dass eine ihre Polizeifunktionen erfüllende Inspektion durch ihren Vorsitz in den Versammlungen die einen ewig reizen, andere zum Protest herausfordern, wieder anderen Schrecken einjagen und die Zunge fesseln muss? Und ist es nicht klar, dass die russische Studentenschaft es nicht dulden kann, dass der Gegenstand der Diskussionen in diesen Versammlungen vom „Gutdünken" der Behörde abhängig gemacht wird? Und doch ist das von der Regierung geschenkte Versammlungs- und Organisations-„Recht" in der unsinnigen Form, in der die „provisorischen Bestimmungen" es geschaffen haben, das Höchstmaß dessen, was der Absolutismus, wenn er Absolutismus bleibt, den Studenten geben kann. Jeder weitere Schritt in dieser Richtung würde eine selbstmörderische Störung des Gleichgewichts bedeuten, auf dem die Beziehungen der Regierung zu den „Untertanen" beruhen. Entweder sich mit diesem für die Regierung möglichen Höchstmaß aussöhnen oder den politischen, revolutionären Charakter ihres Protestes stärken, – das ist die Frage, die die Studenten lösen müssen. Und die meisten von ihnen entschließen sich für die zweite Lösung. Schärfer als je zuvor klingt in den Studentenaufrufen und -resolutionen die revolutionäre Note. Die Politik der Aufeinanderfolge von barbarischen Misshandlungen und Judasküssen zeitigt ihre Ergebnisse und revolutioniert die Studenten. Jawohl, die Studenten haben die Frage, vor die sie gestellt waren, so oder anders gelöst und erklärt, dass sie bereit seien, die (unter dem Einfluss einwiegender Lieder) beiseite gelegte Waffe wieder in die Hand zu nehmen. Was aber beabsichtigt die Gesellschaft zu tun, die unter den Klängen dieser verräterischen Lieder bereits eingeschlummert zu sein scheint? Warum schweigt sie noch immer, um „im Stillen zu sympathisieren"? Warum hört man nichts von ihren Protesten, von ihrer aktiven Unterstützung der Unruhen, die wieder eingesetzt haben? Ist sie tatsächlich bereit, „ruhig" zu warten, bis die unvermeidlichen tragischen Erscheinungen eintreten, von denen bisher jede Studentenbewegung begleitet war? Will sie sich tatsächlich auf die erbärmliche Rolle eines Registrators der Opfer des Kampfes und eines untätigen Zuschauers seines erschütternden Schauspiels beschränken? Warum hört man nicht die Stimmen der „Väter", während doch die „Söhne" ganz unzweideutig erklärt haben, dass sie bereit seien, auf dem Altar der russischen Freiheit neue Opfer zu bringen? Warum unterstützt unsere Gesellschaft die Studenten nicht wenigstens so, wie die Arbeiter sie schon unterstützt haben? Es sind doch nicht ihre, nicht der Proletarier Söhne und Brüder, die an den Hochschulen studieren, und doch haben die Arbeiter in Kiew, in Charkow, in Jekaterinoslaw schon offen ihre Sympathie für die protestierenden Studenten bekundet, trotz einer Reihe von „Vorbeugungsmaßnahmen" der Polizeibehörden, trotz ihrer Drohung, bewaffnete Gewalt gegen die Demonstranten in Bewegung zu setzen. Wird diese Äußerung des revolutionären Idealismus des russischen Proletariats tatsächlich keinen Einfluss haben auf das Verhalten der Gesellschaft, die selbst das Schicksal der Studenten unmittelbar angeht, und wird sie sie nicht zu energischem Protest treiben? Die Studenten-„Unruhen" beginnen in diesem Jahre unter sehr günstigen Vorzeichen. Die Sympathie der „Menge", der „Straße" ist ihnen sicher. Es wäre ein verbrecherischer Irrtum der liberalen Gesellschaft, wenn sie sich nicht die größte Mühe geben wollte, durch rechtzeitig den Studenten gewährte Unterstützung die Regierung endgültig zu zermürben und wirkliche Zugeständnisse von ihr zu erzwingen. Die nächste Zukunft wird zeigen, inwieweit unsere liberale Gesellschaft einer solchen Rolle fähig ist. Von der Lösung dieser Frage hängt in hohem Maße der Ausgang der jetzigen Studentenbewegung ab. Aber wie dieser Ausgang auch sein mag, eins ist unzweifelhaft: der Wiederbeginn der allgemeinen Studentenunruhen nach einer so kurzen Zeit der Ruhe ist das Anzeichen des politischen Bankrotts des gegenwärtigen Regimes. Seit drei Jahren kann das Universitätsleben nicht in die geordnete Bahn zurückkehren, die Vorlesungen werden mit großen Unterbrechungen gehalten, eines der Räder des Staatsmechanismus hört zu gehen auf, es dreht sich hilflos eine Weile und bleibt dann wieder für lange Zeit stehen. Und es kann jetzt kein Zweifel darüber bestehen, dass es innerhalb der Grenzen des gegenwärtigen politischen Regimes keine Mittel zur gründlichen Heilung dieser Krankheit gibt. Der selige Bogolepow machte den Versuch, das Vaterland mit Hilfe eines „heroischen" Mittels zu retten, das er dem Arsenal der vorsintflutlichen Nikolausschen Heilmethode entnommen hat. Man weiß, was bei der Anwendung dieses Mittels herausgekommen ist. Es ist klar, dass man in dieser Richtung nicht weitergehen darf. Jetzt hat auch die Politik des Liebäugelns mit den Studenten Schiffbruch erlitten. Einen dritten Weg aber – neben der Gewaltanwendung und dem Liebäugeln –- gibt es nicht. Und jede neue Äußerung dieses unzweifelhaften Bankrotts des gegenwärtigen Regimes wird seine Grundlagen immer tiefer und tiefer untergraben, der Regierung in den Augen der stumpfen Spießbürger jede Autorität nehmen und die Zahl der Leute, die sich der Notwendigkeit des Kampfes gegen sie bewusst werden, vermehren. Jawohl, der Bankrott des Absolutismus ist eine Tatsache, und dieser beeilt sich, es der ganzen Welt zu zeigen. Ist es denn nicht eine Bankrotterklärung, wenn man in einem guten Drittel des Reiches den „verstärkten Schutz" verkündet und wenn die örtlichen Behörden an allen Ecken und Enden Russlands gleichzeitig mit „obligatorischen Verordnungen" auftreten, die unter Androhung erhöhter Strafen Handlungen verbieten, die die russischen Gesetze ohnehin nicht erlauben? Ihrem Wesen nach haben alle Ausnahmebestimmungen, die die Wirkung der allgemeinen Gesetze aufheben, eine durch Zeit und Ort beschränkte Geltung. Man nimmt an, dass außerordentliche Verhältnisse auf eine gewisse Zeit in einer bestimmten Gegend die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen erfordern, um das gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen, das die ungehinderte Wirkung der allgemeinen Gesetze möglich macht. Das ist die Argumentation der Vertreter des gegenwärtigen Regimes. Über zwanzig Jahre sind bereits verstrichen, seitdem die Verfügung über den verstärkten Schutz erlassen wurde. Zwanzig Jahre ihres Bestehens in den Hauptzentren des Reiches haben zu keiner „Beruhigung" des Landes, zu keiner Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung geführt. Nach zwanzigjähriger Anwendung dieses stark wirkenden Mittels erweist es sich, dass die Krankheit der „Unzuverlässigkeit", zu deren Bekämpfung es geschaffen wurde, sich so weit verbreitet und so tiefe Wurzeln gefasst hat, dass seine Anwendung auf alle einigermaßen bedeutenden Städte und Fabrikzentren ausgedehnt werden muss! Ist das nicht ein Bankrott, den der Bankrotteur selber offen verkündet? Die überzeugten Vertreter des gegenwärtigen Regimes (solche sind zweifellos vorhanden) müssen mit Schrecken daran denken, wie die Bevölkerung sich allmählich an dieses stark wirkende Mittel gewöhnt und gegen die Einspritzung neuer Dosen unempfindlich wird. Gleichzeitig aber tritt, schon gegen den Willen der Regierung, der Bankrott ihrer ökonomischen Politik klar zutage. Die Raubwirtschaft des Absolutismus beruhte auf der ungeheuerlichen Ausbeutung der Bauernschaft. Diese Wirtschaft machte, als unvermeidliche Folge, die sich von Zeit zu Zeit wiederholenden Hungersnöte der Bauern in dieser oder jener Gegend zu einer gewöhnlichen Erscheinung. In solchen Augenblicken versuchte der Räuberstaat vor der Bevölkerung in der glänzenden Rolle eines fürsorglichen Ernährers des von ihm selber ausgeplünderten Volkes zu prunken. Von 1891 an haben die Hungersnöte, hinsichtlich der Zahl der Opfer, riesenhafte Ausmaße erreicht, seit 1897 aber folgt fast unaufhörlich eine auf die andere. Im Jahre 1892 sprach Tolstoi mit giftigem Hohn davon, dass „der Schmarotzer die Pflanze zu nähren beabsichtigt, von deren Saft er sich ernährt"1. Das war tatsächlich ein unsinniger Gedanke. Heute haben sich die Zeiten geändert, und seitdem die Hungersnot sich in einen normalen Zustand auf dem Lande verwandelt hat, trägt sich unser Schmarotzer nicht mehr mit dem utopischen Gedanken, die ausgeplünderte Bauernschaft zu ernähren, sondern er erklärt schon diesen Gedanken allein für ein Staatsverbrechen. Das Ziel ist erreicht – die jetzige gewaltige Hungersnot verläuft unter einer selbst bei uns ungewohnten vollkommenen Grabesstille. Man hört das Stöhnen der hungernden Bauern nicht, es gibt keine Versuche einer öffentlichen Initiative zur Bekämpfung der Hungersnot, die Zeitungen schweigen über das, was auf dem Lande vorgeht. Ein beneidenswertes Schweigen, aber merken die Herren Sipjagin nicht, dass diese Stille der Ruhe vor dem Sturm außerordentlich ähnlich sieht? Die Staatsordnung, die seit jeher auf der passiven Unterstützung von Millionen Bauern beruhte, hat die Bauern in eine solche Lage gebracht, dass sie jahraus jahrein nicht mehr imstande sind, sich zu ernähren. Dieser soziale Bankrott der Monarchie der Herren Obmanow ist nicht weniger lehrreich als ihr politischer Bankrott. Wann wird nun unser betrügerischer Bankrotteur seine Geschäfte liquidieren müssen? Wird er noch lange leben können, indem er tagaus tagein die Löcher in seinem politischen und finanziellen Budget mit der Haut vom lebendigen Leib des Volkskörpers flickt? Von vielen Umständen wird die längere oder kürzere Fristverlängerung abhängen, die die Geschichte unserem Bankrotteur gewähren wird; aber einer der wichtigsten Umstände wird der Grad der revolutionären Aktivität sein, die die Leute an den Tag legen werden, die den vollständigen Bankrott des gegenwärtigen Regimes erkannt haben. Seine Zersetzung ist sehr weit vorgeschritten, sie hat bei weitem die politische Mobilisierung jener Schichten der Gesellschaft überholt, die seine Totengräber sein müssen. Diese politische Mobilisierung wird am sichersten von der revolutionären Sozialdemokratie vollzogen werden, die einzig und allein imstande sein wird, dem Absolutismus den Todesstoß zu versetzen. Der neue Zusammenstoß zwischen Studenten und Regierung gibt uns allen die Möglichkeit und erlegt uns die Pflicht auf, die Mobilisierung aller dem Absolutismus feindlich gegenüberstehenden gesellschaftlichen Kräfte zu beschleunigen. Im politischen Leben werden Monate der Kriegszeit von der Geschichte als Jahre gezählt. Die Zeit aber, in der wir leben, ist tatsächlich eine Kriegszeit. 1 Lenin zitiert hier L. Tolstois „Briefe über die Hungersnot", die dieser unter dem Eindruck der schweren Hungersnot im Jahre 1891, die einen großen Teil Russlands erfasst hatte, geschrieben hat. Zunächst waren die Briefe in einer von der Zensur gekürzten Form unter dem Titel „Die Hilfe für die Hungernden" im Januar-“Wochen-Heft" („Knischka Njedjeli") des Jahres 1892 erschienen. Vollständig erschienen die „Briefe" im Ausland im Verlag des „Fonds der Freien Russischen Presse". |