Leo Trotzki: Brief an James P. Cannon 21. September 1937 [Nach Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, S. 279-281] Werter Genosse Cannon: Ich bin über den Brief des Genossen Shachtman, den ich gestern erhielt, etwas beunruhigt. Die letzte vom Nationalkomitee angenommene These über Spanien schien mir nicht sehr glücklich zu sein. Ich diskutierte die Sache mit dem Genossen Weber, als er hier war. Die Frage der sogenannten materiellen Hilfe für die Negrinregierung war zu allgemein formuliert und konnte dadurch eine gewisse Grundlage für die „linke" Opposition – Salemme und andere – abgeben. Ich war und bin noch immer sicher, dass es sich dabei nicht um eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit, sondern nur um eine unbefriedigende Formulierung handelt. Ich beantwortete die Fragen des Genossen Dick Lorre aus Los Angeles in schriftlicher Form, um die These des Nationalkomitees zu verdeutlichen und die marxistische Position konkreter der Position der Oehler-Anhänger usw. gegenüberzustellen. Aber der Brief des Genossen Shachtman ließ bei mir einige Zweifel aufkommen: Ich hoffe, dass die Zweifel nicht gerechtfertigt sind. Eine Stimmabgabe im Parlament für das Finanzbudget ist keine „materielle" Hilfe, sondern ein Akt politischer Solidarität. Wenn wir für Negrins Budget stimmen können, warum sollten wir nicht unseren Vertreter in seine Regierung entsenden können? Auch das könnte als eine „materielle Hilfe" interpretiert werden. Die französischen Stalinisten setzen ihr volles Vertrauen in die Volksfrontregierung, offiziell aber nehmen sie an ihr nicht teil. Wir bezeichnen diese Art Nichtbeteiligung als die schlimmste, verderblichste Art einer Beteiligung. Blum und Chautemps alle für ihre Aktionen benötigten Mittel geben, heißt politische Teilnahme an der Regierungskoalition. Die Frage des Genossen Shachtman: „Wie können wir uns weigern, einer Million Pesetas für den Kauf von Gewehren für die Front zuzustimmen?" wurde hunderte und tausende Male den revolutionären Marxisten von den Reformisten gestellt: „Wie könnt ihr gegen die Millionen und Abermillionen stimmen, die für Schulen und Wege gebraucht werden, von der nationalen Verteidigung ganz zu schweigen?" Wir erkennen die Notwendigkeit von Schulen und Wegen nicht weniger an als die Notwendigkeit des Kampfes gegen Franco. Wir benutzen die „kapitalistischen" Eisenbahnen; unsere Kinder gehen in „kapitalistische" Schulen; aber wir weigern uns, für das Budget der kapitalistischen Regierung zu stimmen. Während unserem Kampf gegen Kornilow stimmten wir nie in den Sowjets so ab, dass es als politische Solidarität mit Kerenski hätte interpretiert werden können. Für unsere Agitation würden wir jetzt in Spanien nicht die geringste Schwierigkeit haben, unser Dagegenstimmen zu erklären: „Wir forderten zwei Millionen Gewehre, und sie bewilligten nur eine. Wir forderten die Verteilung von Gewehren unter Arbeiterkontrolle – sie weigerten sich. Wir forderten, dass die Polizei entwaffnet wird und ihre Gewehre der Front überlassen würden – sie weigerten sich. Wie könnten wir freiwillig unser Geld und unser Vertrauen dieser Regierung geben?" Jeder Arbeiter würde unsere Aktion verstehen und gutheißen. Alles, was die Negrinregierung tut, geschieht unter dem Zeichen der durch den Krieg geschaffenen Zwangslage. Übernehmen wir die politische Verantwortung dafür, wie sie diese Zwangslage handhabt, dann würden wir politisch jedem ernsten Regierungsvorschlag zuzustimmen haben. Wir würden sie gleichermaßen in unserer Presse, auf unseren Versammlungen loben. Dadurch würden wir eine Regierungspartei à la POUM werden. Wie können wir uns unter solchen Bedingungen auf den Sturz der Negrinregierung vorbereiten? Der ganze Sinn meiner Antworten besteht darin: wir kämpfen militärisch gegen Franco trotz der Existenz der Negrinregierung, und gleichzeitig bereiten wir politisch den Sturz der Negrinregierung vor. Wenn wir in diesem Grundprinzip übereinstimmen, kann es bei den praktischen Konsequenzen keinen Streit geben. Haben Sie meinen polemischen Brief gegen den Genossen Vereecken über die spanische Frage erhalten? Werden Sie ihn auch in Ihrem Bulletin veröffentlichen? Das scheint mir jetzt doppelt notwendig zu sein: (1) um die absolut opportunistische Haltung Vereeckens bloßzustellen, (2) um zu zeigen, wie leicht Leute, die in zweitrangigen Fragen ultralinks sind, angesichts großer Ereignisse zu Opportunisten werden. In den letzten zwei Wochen las ich alle unsere internationalen Bulletins vom Internationalen Sekretariat, von unserer Barcelonaer Organisation, von der französischen und der deutschen Sektion, und ich war von dem hohen Niveau ihrer Analysen, vor allem in Bezug auf die spanischen Ereignisse, stark beeindruckt. Ich weiß nicht, ob dieses ganze kostbare Material von den führenden Genossen in den Vereinigten Staaten gelesen und studiert wird. Die besten Artikel sollten ins Englische übersetzt werden, einige für die internen Bulletins und andere für die New International. Mit den besten Grüßen Trotzki (Aus einer Nachschrift an Shachtman und Cannon über andere Angelegenheiten) 25. September 1937 PS: Im Socialist Appeal vom 1. November 1936 finde ich auf der ersten Seite im Leitartikel den folgenden Satz: „Revolutionäre Arbeiter müssen ihre Agitation für Waffen für die spanischen Arbeiter und Bauern, und nicht für die spanische bürgerlich-demokratische Regierung weiter führen." Das wurde zur Zeit Largo Caballeros, vor den blutigen Repressionen gegen die revolutionären Arbeiter geschrieben. Wie könnten wir also für das Militärbudget der Negrinregierung stimmen? L.T. |
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