Leo Trotzki: An die Redaktion von La Lutte Ouvrière 23. März 1937 [Veröffentlicht im Information Bulletin des Internationalen Büros für die Vierte Internationale, Juli 1937. Nach Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, S. 241-243] Werte Genossen: Ich habe in Nummer 9 eurer Zeitung vom Samstag, dem 27. Februar 1937, einen Artikel aus der Spanish Revolution, dem Organ der POUM, gefunden, der in einer von euch verfassten Einleitung gelobt wird. Ich kann euch nicht verhehlen, dass eure Solidarität – nicht mit dem Kampf der POUM-Arbeiter, sondern mit der Politik ihrer Führung – mir nicht nur ein Fehler, sondern ein Verbrechen zu sein scheint, gegen das ich öffentlich mit aller meiner Kraft protestieren werde. Der von euch abgedruckte Artikel ist von Anfang bis Ende falsch, und das, was daran falsch ist, ist für die Zweideutigkeit und Fragwürdigkeit der Politik von Nin und Co. äußerst bezeichnend. Sie führen dort eine Polemik gegen' den „bürgerlichen Antifaschismus" und das Programm einer „bürgerlichen Neo-Republik". Aber wie und warum kommt Nin dazu, Minister jener bürgerlichen Neo-Republik" zu werden? Gestand er offen seinen Irrtum ein, der tatsächlich ein Verrat gewesen ist? Wie kann jemand die bürgerliche Republik bekämpfen und dabei in ihrer Regierung sitzen? Wie kann man die Arbeiter zum Sturz des bürgerlichen Staates mobilisieren und sich gleichzeitig als Minister der bürgerlichen „Gerechtigkeit" vorstellen? Nimmt man die Dinge ernst, oder macht man sich über Programm und Vorstellungen des Proletariats lustig? Der Artikel ist von Anfang bis Ende falsch. Er spricht von den „Führern der Kleinbourgeoisie", die „durch das Verschwinden des Monopolkapitalismus emporgekommen sind". Die Charakterisierung der Funktion von Azaña, Companys u.a. ist völlig falsch. Diese Herren sind nicht die Kleinbourgeoisie. Die wirkliche Kleinbourgeoisie – ruiniert, deklassiert – besteht aus den Bauern, Handwerkern und Angestellten. Azaña und seinesgleichen sind die politischen Ausbeuter der Kleinbourgeoisie im Interesse der Großbourgeoisie. Im Lager der Volksmassen bleiben sie als Vogelscheuchen zurück – und die Vögel sind die Führer der Sozialisten, Reformisten und leider auch die POUM-Leute. Sie wagen nicht, das Privateigentum anzurühren, und sie geben sich sogar dazu her, die auf dem Privateigentum gegründete „Gerechtigkeit" zu verteidigen. Das ist die Wahrheit, und alles Übrige ist nichts als Lüge. Der „Monopolkapitalismus" stellt sich nur bis zum Sieg Francos tot. Azaña und Companys besorgen inzwischen seine Geschäfte, und La Batalla schreibt, sie könnten seine Geschäfte nicht „ohne die POUM oder gegen die POUM" besorgen. Alles ist an dem Artikel falsch – im Rückblick wie in der Vorschau. Das „Miteinander" (d.h. doch wohl die Klassenzusammenarbeit) sei nur „dank dem Krieg gegen die Freiheit" möglich gewesen. Aber dieses „Miteinander", (d.h. die Zusammenarbeit der POUM mit den Führern der bürgerlichen Neo-Republik) hat den Schwung der Arbeiter und Bauern entsetzlich gelähmt und eine Niederlage nach der anderen herbeigeführt. Darüber wird nichts gesagt, aber sie schmuggeln hinein: „Momentan jedoch erfordert sogar das Führen des Bürgerkriegs eine Entscheidung (wessen?) darüber, welcher Weg eingeschlagen wird". Warum „momentan"? Weil die gestrige Politik an den Rand des Abgrunds führte? Und selbst am Rand des Abgrunds hält die POUM weiterhin den verräterischen Führern Predigten, statt die bewaffneten Massen aufzuwiegeln. Hier würde der Bolschewismus beginnen. Statt die Operettenrolle eines Ministers der bürgerlichen Neo-Republik zu spielen, galt es, die Arbeiter mutig und offen zu mobilisieren, um die bürgerlichen Minister zu vertreiben und die sozialdemokratischen und stalinistischen Minister ersetzen zu können. Statt einer solchen unversöhnlichen Arbeit innerhalb und mit Hilfe der Massen schreiben sie zweideutige Artikel über die Notwendigkeit, sich für den Arbeiterstaat zu entscheiden. "Den Krieg weiterführen heißt die Kollektivierung und die Sozialisierung sichern…" Eine ganz und gar abstrakte Verallgemeinerung, um den gänzlichen Mangel an revolutionärem Mut zu verdecken. Den Krieg ohne Kollektivierung und Sozialisierung weiterführen bedeutet die Niederlage. Um den Sieg zu sichern, muss die Bourgeoisie fortgejagt und die verräterischen Führer durch direkten Druck der bewaffneten Massen in die Enge getrieben werden. Abstrakte Verallgemeinerungen genügen nicht. Man muss handeln. Aber genau hierbei kapituliert Nin, der spanische Martow. „Das Proletariat von Katalonien hat in seinen Händen eine starke Kriegsindustrie, welche die Zentralregierung der Republik in ein Abhängigkeitsverhältnis (!) bei ihrem Kriegsbedarf bringt." Das Abhängigkeitsverhältnis gilt … für die Führer der POUM in Bezug auf die Regierung der bürgerlichen Neo-Republik. So sieht die Wahrheit aus. Geht diese Politik weiter, dann fällt das katalanische Proletariat einer schrecklichen Katastrophe zum Opfer, vergleichbar jener der Pariser Kommune von 1871. Sechs Jahre lang hat Nin nichts als Fehler begangen. Er hat mit Ideen geliebäugelt und ist Schwierigkeiten ausgewichen. Er hat keine Schlachten geliefert, sondern sich mit Winkelzügen begnügt. Er hat die Schaffung einer revolutionären Partei in Spanien verhindert. All die Führer, die ihm nacheiferten, tragen die gleiche Verantwortung. Sechs Jahre lang haben sie alles Menschenmögliche getan, um dieses heldenmütige Proletariat Spaniens, das voller Energien steckt, den schrecklichsten Niederlagen auszusetzen, und ihre Zweideutigkeit geht trotz allem weiter. Sie können sich nicht aus ihren vorgefassten Meinungen befreien. Sie wiegeln die Massen nicht gegen die bürgerliche Republik auf. Sie passen sich ihr an, und schreiben dann zum Ausgleich von Zeit zu Zeit Artikel – über die proletarische Revolution. Diese Jammerlappen! Und ihr druckt das mit eurer Zustimmung ab, anstatt den menschewistischen Verrätern, die sich mit scheinbolschewistischen Formeln abschirmen, das Fell zu gerben. Erzählt mir nicht, dass die POUM-Arbeiter heroisch kämpfen usw. Ich weiß das so gut wie andere. Aber gerade ihre Kämpfe und Opfer zwingen uns, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Nieder mit der Diplomatie, dem Kokettieren und den Ausflüchten. Man muss auch die bitterste Wahrheit sagen können, wenn das Schicksal eines Krieges und einer Revolution davon abhängt. Uns verbindet nichts mit der Politik Nins, noch mit jemandem, der sie unterstützt, tarnt oder verteidigt. Lund |
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