Leo Trotzki: Nichtproletarischer und Nichtbürgerlicher Staat? [Nach Der einzige Weg, Zeitschrift für die Vierte Internationale, Nr. 2 (Januar 1938), S. 38-43] Politische Form und sozialer Inhalt. Die Genossen B[urnham] und C[arter] versehen den Klassencharakter des Sowjetstaats wieder einmal mit einem Fragezeichen. Die Antwort, die sie vorschlagen, ist meines Erachtens vollkommen unrichtig. Da aber die genannten Genossen nicht wie gewisse Ultralinke die wissenschaftliche Analyse durch gellendes Geschrei zu ersetzen suchen, so kann und muss man diese ungemein wichtige Frage aufs Neue mit ihnen erörtern. B. und C. vergessen nicht, dass der Hauptunterschied der UdSSR vom bürgerlichen Staat unserer Zeit sich in einer mächtigen Entfaltung der Produktivkräfte äußert, Ergebnis der veränderten Eigentumsformen. Sie geben ferner zu, dass «die ökonomische Struktur, wie sie von der Oktoberrevolution geschaffen wurde, im Grunde noch unverändert bleibt». Sie ziehen daraus den Schluss, dass es Pflicht des Sowjet- und des Weltproletariats ist, die UdSSR gegen den Imperialismus zu verteidigen. In diesem Rahmen herrscht zwischen uns und B. und C. völlige Einigkeit. Doch wie wichtig dieser Rahmen auch sei, die ganze Frage umfasst er nicht. Ohne sich mit den Ultralinken zu solidarisieren, sind B. und C. jedoch der Meinung, die UdSSR sei «im traditionellen (?) Sinne, den der Marxismus diesem Ausdruck verlieh» kein Arbeiterstaat mehr. Da aber «die ökonomische Struktur im Grund noch unverändert bleibt», so ist die UdSSR auch kein bürgerlicher Staat geworden. B. und C. sehen zugleich auch davon ab – und dazu kann man sie nur beglückwünschen – die Bürokratie als eine selbständige Klasse zu bezeichnen. Das Ergebnis dieser nicht übereinstimmenden Thesen ist, dass ebenso wie bei den Stalinisten der Sowjetstaat überhaupt keine Organisation einer Klassenherrschaft ist. Aber was ist er dann? Wir stehen auf diese Weise vor einem neuen Versuch, die Klassentheorie des Staates zu revidieren. Wir sind, versteht sich, keine Fetischisten: wenn neue Geschichtstatsachen eine Revision der Theorie erfordern, so schrecken wir davor nicht zurück. Aber die klägliche Erfahrung der alten Revisionen mahnt uns jedenfalls zu heilsamer Vorsicht. Zehnmal werden wir die alte Theorie und die neuen Tatsachen überdenken, bevor wir eine neue Doktrin aufstellen. B. und C. bemerken beiläufig, dass die Herrschaft des Proletariats je nach den objektiven und subjektiven Bedingungen «in einer erheblichen Anzahl verschiedener Regierungsformen zum Ausdruck kommen kann». Fügen wir der Klarheit halber hinzu: sowohl im freien Kampf verschiedener Parteien innerhalb der Sowjets, wie im Monopol einer einzigen Partei, wie auch in der faktischen Konzentrierung der Macht in der Hand eines Menschen Selbstverständlich ist die persönliche Diktatur Symptom einer extremen Gefahr für das Regime. Aber zugleich ist sie bisweilen das einzige Mittel, dies Regime zu retten. Die Klassennatur des Staates ist folglich nicht durch seine politischen Formen bestimmt, sondern durch den sozialen Inhalt, d.h. durch den Charakter der Eigentumsformen und Produktionsverhältnisse, die der betreffende Staat schützt und verteidigt. B. und C. bestreiten das im Prinzip nicht. Wenn sie nichtsdestoweniger ablehnen, die UdSSR als einen Arbeiterstaat anzusehen, so aus zwei Gründen, einem ökonomischen und einem politischen. «Im Laufe des letzten Jahres», schreiben sie, «hat die Bürokratie endgültig den Weg der Zerstörung der planmäßigen und nationalisierten Wirtschaft betreten». (Erst «den Weg betreten»?) Des Weitern hören wir, dass der Gang der Entwicklung «die Bürokratie zu einem ständig wachsenden und immer tieferen Konflikt mit den Erfordernissen und Interessen der nationalen Wirtschaft führt». (Erst «führt»?) Der Gegensatz zwischen Bürokratie und Wirtschaft war auch früher zu beobachten, doch seit dem letzten Jahr «sabotieren die Handlungen der Bürokratie den Plan aktiv, zerstören sie das Staatsmonopol». (Erst «zerstören»? Folglich noch nicht zerstört?) Das zweite Argument ist wie gesagt ein politisches. «Der Begriff der Diktatur des Proletariats ist vor allem keine ökonomische, sondern vornehmlich eine politische Kategorie. … Alle Formen, Organe, Einrichtungen der Klassenherrschaft des Proletariats sind heute vernichtet; das bedeutet aber, dass die Klassenherrschaft des Proletariats vernichtet ist». Dies zweite Argument kommt isoliert genommen überraschend, nachdem wir von den «verschiedenen Formen» des proletarischen Regimes sprechen hörten. Selbstverständlich ist die Diktatur des Proletariats nicht nur «vornehmlich», sondern voll und ganz eine «politische Kategorie». Jedoch die Politik selbst ist nur konzentrierte Ökonomie. Die Herrschaft der Sozialdemokratie im Staat und in den Räten (Deutschland 1918-1919) hatte mit proletarischer Diktatur nichts gemein, insofern sie das bürgerliche Eigentum unangetastet ließ. Hingegen ein Regime, das das expropriierte und nationalisierte Eigentum gegen den Imperialismus verteidigt, ist unabhängig von den politischen Formen eine Diktatur des Proletariats. B. und C. erkennen dies «im Allgemeinen» scheinbar an. Darum greifen sie auch zu einer Verbindung des ökonomischen Arguments mit dem politischen. Die Bürokratie, sagen sie, beraubte nicht nur endgültig das Proletariat der politischen Macht, sondern trieb die Wirtschaft auch in eine Sackgasse. Wenn die Bürokratie in der vorhergehenden Periode bei all ihren reaktionären Zügen doch eine verhältnismäßig fortschrittliche Rolle spielte, so wurde sie in der letzten Periode endgültig zu einem reaktionären Faktor. In dieser Gedankenreihe ist ein gesunder Kern enthalten, der mit den früheren Einschätzungen und Prognosen der Vierten Internationale vollauf im Einklang steht. Wir haben mehr als einmal daran erinnert, wie der «aufgeklärte Absolutismus» in der Entwicklung der Bourgeoisie eine fortschrittliche Rolle spielte, um dann zum Hemmschuh dieser Entwicklung zu werden: der Konflikt endete bekanntlich mit einer Revolution. In der Vorbereitung der sozialistischen Wirtschaft, so schrieben wir, kann der «aufgeklärte Absolutismus» während einer viel kürzeren Frist eine fortschrittliche Rolle spielen. Diese Prognose bestätigt sich klar vor unseren Augen. Von den eigenen Erfolgen irregeleitet, gedachte die Bürokratie immer höhere Koeffizienten des wirtschaftlichen Wachstums zu erreichen. Indes stieß sie plötzlich auf eine scharfe Wirtschaftskrise, die eine der Quellen ihrer heutigen Panik und wütenden Repressionen ist. Heißt das, dass die Entwicklung der Produktivkräfte in der UdSSR bereits zum Stillstand gekommen ist? Wir würden eine solche Behauptung nicht wagen. Die schöpferischen Möglichkeiten der nationalisierten Wirtschaft sind so groß, dass die Produktivkräfte trotz dem bürokratischen Hemmschuh sich noch eine Reihe von Jahren zu entwickeln vermögen, wenn auch in viel gemäßigterer Progression als bisher. In dieser Beziehung heute bereits genaue Voraussagen machen, ist kaum möglich. Auf jeden Fall ist die politische Krise, die die Bürokratie zerreißt, heute für sie viel gefährlicher als die Perspektive eines Stillstands in der Entwicklung der Produktivkräfte. Zur Vereinfachung der Frage können wir jedoch zugeben, dass die Bürokratie schon heute zu einem absoluten Hemmnis für die Wirtschaftsentwicklung geworden ist. Bedeutet jedoch diese Tatsache an und für sich, dass sich die Klassennatur der UdSSR verändert oder die UdSSR jegliche Klassennatur verloren hätte? Hier scheint mir der Hauptfehler unserer Genossen zu liegen. Die bürgerliche Gesellschaft entfaltete die Produktivkräfte vor dem Weltkrieg. Erst seit dem letzten Vierteljahrhundert wurde die Bourgeoisie zu einem absoluten Hemmnis der Entwicklung. Heißt das jedoch, dass die bürgerliche Gesellschaft nicht mehr bürgerlich ist? Nein, das heißt bloß, dass sie eine faulende bürgerliche Gesellschaft wurde. In einer Reihe von Ländern erwies sich die Erhaltung des bürgerlichen Eigentums nur vermittels der Errichtung des faschistischen Regimes möglich. Mit anderen Worten: die Bourgeoisie wurde aller Formen und Mittel unmittelbarer politischer Herrschaft verlustig. Heißt das jedoch, dass der Staat kein bürgerlicher mehr ist? Nein, sofern der Faschismus mit seinen barbarischen Methoden das Privateigentum an den Produktionsmitteln erhält, bleibt der Staat auch unter dem Faschismus ein bürgerlicher. Wir gedenken unserer Analogie durchaus nicht erschöpfende Bedeutung beizumessen. Aber sie zeigt immerhin, dass die Konzentrierung der Macht in der Hand der Bürokratie und sogar die Beeinträchtigung in der Entwicklung der Produktivkräfte die Klassennatur der Gesellschaft und ihres Staats an sich noch nicht verändern. Diese Natur kann nur durch das Eingreifen revolutionärer oder konterrevolutionärer Gewalt in Bezug auf das Eigentum verändert werden. Kennt die Geschichte vielleicht keinen Fall eines Klassengegensatzes zwischen Staat und Wirtschaft? Oh ja! Als der Dritte Stand die Macht eroberte, blieb die Gesellschaft noch mehrere Jahre lang die feudale. Während der ersten Monate des Sowjetregimes beherrschte das Proletariat eine bürgerliche Ökonomie. Auf dem Gebiet der Landwirtschaft stützte sich die Diktatur des Proletariats mehrere Jahre lang auf eine kleinbürgerliche Ökonomie (in erheblichem Maße auch heute noch). Im Falle eines Erfolges der bürgerlichen Konterrevolution in der UdSSR müsste sich die neue Regierung während einer langen Periode auf die nationalisierte Wirtschaft stützen. Was aber bedeutet ein derartiger zeitweiliger Gegensatz zwischen Staat und Wirtschaft? Er bedeutet Revolution oder Konterrevolution. Der Sieg einer Klasse über die andere wird ja eben errungen, um die Wirtschaft im Interesse des Siegers umzugestalten. Aber ein solcher zwiespältiger Zustand, notwendiges Moment jeder sozialen Umwälzung, hat nichts gemein mit der Theorie eines klassenlosen Staates, der mangels eines wirklichen Herrn von einem Kommis, d.h. der Bürokratie ausgebeutet wird. Norm und Tatsache Das, was vielen Genossen eine richtige soziologische Beurteilung der UdSSR erschwert, ist, dass sie nicht objektiv und dialektisch, sondern subjektiv und normenmäßig an die Frage herantreten. Nicht von ungefähr sagen B. und C., man dürfe die Sowjetunion nicht als Arbeiterstaat ansehen «im traditionellen Sinne, den der Marxismus diesem Ausdruck verlieh». Das heißt einfach, dass die UdSSR nicht den Normen des Arbeiterstaats entspricht, die in unserem Programm aufgestellt sind. In dieser Beziehung kann es keinen Streit geben. Unser Programm ist auf eine progressive Entwicklung des Arbeiterstaats zugeschnitten und damit auf sein allmähliches Schwinden. Die Geschichte aber, die nicht immer «programmäßig» verläuft, bescherte uns den Entartungsprozess des Arbeiterstaats. Heißt das jedoch, dass der Arbeiterstaat, der in Gegensatz zu den Forderungen unseres Programms geriet, damit aufhört ein Arbeiterstaat zu sein? Eine rattenverseuchte Leber entspricht nicht mehr dem normalen Typus der Leber. Doch deswegen hört sie nicht auf eine Leber zu sein. Um ihre Natur zu erkennen, reicht die Anatomie und die Physiologie nicht mehr aus. Es bedarf noch der Pathologie. Es ist natürlich viel leichter, beim Anblick einer kranken Leber zu sagen: «Dies Ding gefällt mir nicht», und sich von ihr abzuwenden. Ein Arzt aber kann sich diesen Luxus nicht erlauben. Er hat in den Krankheitsumständen selbst und in den von der Krankheit hervorgerufenen Deformationen des Organs die Mittel zur therapeutischen Heilung («Reform») oder zum chirurgischen Eingriff («Revolution») zu entdecken. Dafür aber muss er sich vor allem klar darüber sein, dass das abnormale Organ eine kranke Leber ist und nichts anderes. Nehmen wir jedoch einen näher liegenden Vergleich, den zwischen dem Arbeiterstaat und einer Gewerkschaft. Vom Gesichtspunkt unseres Programms aus gesehen, soll die Gewerkschaft eine Klassenkampforganisation sein. Wie aber im Falle der American Federation of Labor? An ihrer Spitze stehen ausgemachte Agenten der Bourgeoisie. In allen wesentlichen Fragen führen die Herren Green, Wall & Co eine den Interessen des Proletariats direkt entgegengesetzte Politik. Man kann die Analogie weiter treiben und sagen: leistete die AFL vor Entstehen des CIO noch eine zu einem gewissen Grade fortschrittliche Arbeit, so ist Greens Apparat heute, wo der Hauptinhalt der AFL-Tätigkeit im Kampf gegen die progressiven (oder weniger reaktionären) Tendenzen des CIO besteht, endgültig zu einem reaktionären Faktor geworden. Das wäre ganz richtig. Aber deswegen hört die AFL noch nicht auf eine Gewerkschaftsorganisation zu sein. Der Klassencharakter des Staates ist durch sein Verhältnis zu den Formen des Eigentums an den Produktionsmitteln bestimmt. Der Charakter von Arbeiterorganisationen wie es die Gewerkschaften sind, ist durch ihr Verhältnis zur Verteilung des Nationaleinkommens bestimmt. Der Umstand, dass Green & Co das Privateigentum an den Produktionsmitteln verteidigen, kennzeichnet sie als Bourgeois. Verteidigten diese Herrschaften vor allem die Einkünfte der Bourgeoisie gegen alle Angriffe von Seiten der Arbeiter, d.h. führten sie einen Kampf gegen Streiks, gegen Lohnerhöhungen, gegen Arbeitslosenunterstützung, so hätten wir mit einer Organisation von Gelben zu tun und nicht mit einer Gewerkschaft. Indes, Green & Co sind, um sich nicht von ihrer Basis loszulösen, gezwungen, innerhalb gewisser Grenzen im Kampf der Arbeiter um Erhöhung oder wenigstens gegen Herabsetzung ihres Anteils am Nationaleinkommen die Führung zu übernehmen. Dies objektive Merkmal genügt uns um in allen wichtigen Fällen eine Scheidelinie zwischen den reaktionärsten Verbänden und den gelben Organisationen zu ziehen. Wir sind daher genötigt, nicht nur in der AFL zu arbeiten, sondern sie auch gegen die Gelben, den Ku-klux-klan usw. zu verteidigen. Stalins Funktion ist ebenso wie die Greens eine doppelte. Stalin dient der Bürokratie und damit der Weltbourgeoisie; aber er kann der Bürokratie nicht dienen, ohne das soziale Fundament zu erhalten, das die Bürokratie in ihrem Interesse ausbeutet. Insoweit verteidigt Stalin das nationalisierte Eigentum gegen den Imperialismus und gegen die ungeduldigsten und habgierigsten Schichten der Bürokratie selbst. Diese Verteidigung führt er jedoch mit Methoden durch, die einen allgemeinen Zusammenbruch der Sowjetgesellschaft vorbereiten. Eben darum gilt es, die Stalinclique zu stürzen. Doch dieser Sturz darf nur das Werk des revolutionären Proletariats sein. Dies Werk kann es nicht den Imperialisten anvertrauen. Gegen den Imperialismus verteidigt das Proletariat die UdSSR trotz Stalin. Die geschichtliche Entwicklung machte uns mit den verschiedensten Gewerkschaften bekannt: kämpferischen, reformistischen, revolutionären, reaktionären, liberalen und katholischen. Anders steht die Sache mit dem Arbeiterstaat. Diese Erfahrung machen wir zum ersten Mal. Daher die Neigung, an die UdSSR ausschließlich unter dem Gesichtswinkel der Normen des revolutionären Programms heranzugehen. Indessen ist der Arbeiterstaat eine objektive geschichtliche Tatsache, die der Einwirkung verschiedener historischer Kräfte unterliegt und, wie wir sehen, mit den «traditionellen» Normen völlig in Widerspruch geraten kann. Genossen B. und C. sagen ganz richtig, Stalin & Co diene mit seiner Politik der internationalen Bourgeoisie. Doch diesen richtigen Gedanken gilt es in die bestimmten Umstände von Zeit und Raum zu stellen. Hitler dient ebenfalls der Bourgeoisie. Allein, zwischen den Funktionen Stalins und Hitlers ist ein Unterschied. Hitler verteidigt die bürgerlichen Eigentumsformen. Stalin passt die Interessen der Bürokratie den proletarischen Eigentumsformen an. Derselbe Stalin erfüllt in Spanien, d.h. auf dem Boden des bürgerlichen Regimes, die Funktion Hitlers (in den politischen Methoden unterscheiden sie sich überhaupt nur wenig). Das Nebeneinanderhalten der verschiedenen sozialen Rollen ein und desselben Stalin in der UdSSR und in Spanien lässt gleichermaßen gut ersehen sowohl, dass die Bürokratie keine selbständige Klasse sondern das Werkzeug von Klassen ist, wie auch, dass man die soziale Natur eines Staates nicht aus Tugend oder Niedertracht der Bürokratie bestimmen kann. Bürgerliche Bürokratie eines Arbeiterstaats? Die Behauptung, die Bürokratie eines Arbeiterstaats sei bürgerlichen Charakters, muss Leuten mit formaler Denkweise nicht nur unverständlich sondern geradezu sinnlos erscheinen. Allein, chemisch reine Staatstypen gab es und gibt es überhaupt nicht. Die halb feudale preußische Monarchie erfüllte die wichtigsten politischen Aufgaben der Bourgeoisie, aber in ihrem, d.h. feudalem und nicht jakobinischen Stil. In Japan beobachten wir auch heute noch ein analoges Verhältnis zwischen dem bürgerlichen Charakter des Staates und dem halb feudalen Charakter der herrschenden Kaste. All das hindert uns jedoch nicht, deutlich zwischen der feudalen und der bürgerlichen Gesellschaft zu unterscheiden. Man kann freilich einwenden, dass die Zusammenarbeit feudaler und bürgerlicher Kräfte weitaus leichter zu verwirklichen ist als die bürgerlicher und proletarischer Kräfte, denn im ersten Fall handelt es sich um zwei Formen von Klassenausbeutung. Das ist vollkommen wahr. Doch der Arbeiterstaat schafft die neue Gesellschaft nicht an einem Tage. Marx schrieb, im Arbeiterstaat blieben in der ersten Periode noch die bürgerlichen Verteilungsnormen erhalten (siehe dazu «Verratene Revolution», Kapitel «Sozialismus und Staat», Seite 55). diesen Gedanken heißt es gut und bis zu Ende durchdenken. Des Arbeiterstaats selbst als eines Staats bedarf es eben, weil die bürgerlichen Verteilungsnormen noch in Kraft bleiben. Die Bürokratie ist das Organ dieser Verteilung. Das heißt: selbst die revolutionärste Bürokratie ist in gewissem Grade ein bürgerliches Organ im Arbeiterstaat. Selbstverständlich, von entscheidender Bedeutung ist der Grad dieser Bürgerlichkeit und die allgemeine Entwicklungstendenz. Wenn der Arbeiterstaat sich langsam entbürokratisiert und allmählich im Nichts auflöst, so verläuft die Entwicklung zum Sozialismus hin. Wenn hingegen die Bürokratie immer mächtiger, herrschsüchtiger, privilegierter und konservativer wird, so wachsen im Arbeiterstaat die bürgerlichen Tendenzen auf Kosten der sozialistischen: mit anderen Worten, so nimmt der innere Widerspruch, der dem Arbeiterstaat in gewissem Grade vom ersten Tage seiner Entstehung an innewohnt, nicht ab, wie es die «Norm» heischt, sondern wächst. Solange jedoch dieser Widerspruch nicht aus dem Gebiet der Verteilung in das der Produktion umgeschlagen ist und das nationalisierte Eigentum und die Planwirtschaft nicht gesprengt hat, solange bleibt der Staat ein proletarischer. Lenin sagte schon vor 15 Jahren: «Unser Staat ist ein proletarischer, aber mit einer bürokratischen Verzerrung». Die bürokratische Verzerrung stellte in jener Periode ein direktes Erbteil des bürgerlichen Regimes dar und erschien in diesem Sinne als ein einfaches Überbleibsel. Unter dem Einfluss der ungünstigen historischen Bedingungen bekam das bürokratische «Überbleibsel» jedoch neue Nährquellen und wurde ein enormer historischer Faktor. Gerade darum sprechen wir heute von der Entartung des Arbeiterstaats. Diese Entartung hat sich, wie es das heutige Bacchanal des bonapartistischen Terrors zeigt, ihrem kritischen Punkt genähert. Das, was nur eine «bürokratische Verzerrung» war, schickt sich an, den Arbeiterstaat mit Haut und Haar zu verschlingen und auf den Ruinen des nationalisierten Eigentums eine neue besitzende Klasse zu bilden. Diese Möglichkeit ist außerordentlich nahe gerückt. Doch noch ist es nur eine Möglichkeit, und wir haben nicht die Absicht, uns im voraus vor ihr zu beugen. Für die Dialektik! Die UdSSR als Arbeiterstaat entspricht nicht der «traditionellen» Norm. Das heißt noch nicht, dass sie kein Arbeiterstaat sei. Aber das heißt auch nicht, dass die Norm sich als falsch erwies. Die «Norm» ist berechnet für den völligen Sieg der internationalen proletarischen Revolution. Die UdSSR ist nur der partielle und entstellte Ausdruck eines zurückgebliebenen und isolierten Arbeiterstaats. Das «rein» normative, idealistische, ultimatistische Denken will die Welt nach seinem Ebenbild schaffen und sich einfach von den Erscheinungen abwenden, die ihm nicht gefallen. Von leeren Idealnormen lassen sich Sektierer leiten, d.h. Leute, die nur in ihrer eigenen Einbildung Revolutionäre sind. Sie sagen: diese Gewerkschaften gefallen uns nicht, wir treten in sie nicht ein; dieser Arbeiterstaat gefällt uns nicht, wir verteidigen ihn nicht. Sie versprechen jedes Mal die Geschichte wieder von vorne zu beginnen. Sie werden ja einen idealen Arbeiterstaat errichten, wenn ihnen der Herrgott eine ideale Partei und ideale Gewerkschaften schenken wird. Und bis zu diesem glücklichen Augenblick können sie nichts weiter tun als über die Wirklichkeit die Lippe ziehen. Heftig gezogene Lippen sind eben der höchste Ausdruck des sektiererischen «Revolutionarismus». Das rein «historische», reformistische, menschewistische, passive, konservative Denken ist, nach einem Ausspruch Marx', damit beschäftigt, die Schweinerei von heute mit der Schweinerei von gestern zu rechtfertigen. Die Vertreter dieses Typs treten in Massenorganisationen ein, um darin aufzugehen. Die verachtungswürdigen «Freunde» der UdSSR finden sich mit den Gemeinheiten der Bürokratie ab, indem sie auf die historischen Umstände hinweisen. Im Gegensatz zu diesen beiden Typen nimmt das dialektische – marxistische, bolschewistische – Denken die Erscheinungen in ihrer objektiven Entwicklung und findet zugleich in den inneren Widersprüchen dieser Entwicklung eine Stütze zur Verwirklichung seiner «Normen». Man darf dabei natürlich nicht vergessen, dass die Programmnormen nur in dem Falle auf Verwirklichung rechnen können, wenn sie der allgemeine Ausdruck der fortschrittlichen Tendenzen des objektiven Prozesses selbst sind. Die programmatische Definition der Gewerkschaft wird ungefähr folgendermaßen lauten: Organisation der Arbeiter eines Berufs oder einer Industrie mit dem Ziel 1. des Kampfes gegen das Kapital, um die Lebenshaltung der Werktätigen zu verbessern, 2. der Beteiligung am revolutionären Kampf, um die Bourgeoisie zu stürzen, 3. der Beteiligung an der Organisierung der Wirtschaft auf sozialistischer Grundlage. Stellen wir diese «normative» Definition der realen Wirklichkeit gegenüber, so werden wir sagen müssen: auf der ganzen Welt gibt es überhaupt keine Gewerkschaft. Aber eine solche Gegenüberstellung von Norm und Tatsache, d.h. des verallgemeinerten Ausdrucks der Entwicklung und der Teilerscheinung derselben Entwicklung, – diese formale, ultimatistische, undialektische Gegenüberstellung von Programm und Wirklichkeit ist vollkommen leblos und weist der revolutionären Partei keinen Weg, in die Wirklichkeit einzugreifen. Indes, die heute opportunistischen Gewerkschaften können unter dem Einfluss des kapitalistischen Zerfalls – und, eine richtige Politik unsererseits innerhalb der Verbände vorausgesetzt, müssen – sich unseren Programmnormen nähern und eine historisch progressive Rolle spielen. Das setzt natürlich einen kompletten Wechsel in der Führung voraus. Die Arbeiter der Vereinigten Staaten, Englands, Frankreichs müssen es verstehen, Green, Citrine, Jouhaux & Co davon zu jagen. Die Arbeiter der UdSSR müssen verstehen, Stalin & Co davon zu jagen. Wenn das Proletariat die Sowjetbürokratie rechtzeitig davon jagt, so findet es nach seinem Sieg noch die nationalisierten Produktionsmittel und die Grundelemente der Planwirtschaft vor. Das bedeutet, dass es nicht wieder von vorne anzufangen braucht. Ein gewaltiger Vorteil! Leichtfertig diese Möglichkeit missachten, können nur radikale Snobs, die es gewohnt sind, sorglos von Ast zu Ast zu hüpfen. Die sozialistische Revolution ist eine zu grandiose und zu schwierige Aufgabe, als dass man leichten Muts auf ihre unschätzbaren materiellen Errungenschaften verzichten und alles wieder von vorne anfangen könnte. Es ist sehr gut, dass die Gen. B .und C. zum Unterschied von unserem französischen Genossen C[raipeau] und einer Reihe anderer, nicht den Faktor der Produktivkräfte vergessen und der Sowjetunion nicht die Verteidigung verweigern. Aber das ist dennoch bei Weitem ungenügend. Und was, wenn die verbrecherische Bürokratie das Wachstum der Wirtschaft zum Stehen bringt? Werden dann etwa die Gen. B. und C. es passiv zulassen, dass der Imperialismus die sozialen Grundlagen der UdSSR zerstört? Wir sind vom Gegenteil überzeugt. Jedoch ihre unmarxistische Auffassung von der UdSSR als einem nichtproletarischen und nichtbürgerlichen Staat öffnet allen möglichen Schlussfolgerungen Tür und Tor, Darum muss diese Auffassung kategorisch zurückgewiesen werden. Herrschende und zugleich unterdrückte Klasse «Wie kann sich unser politisches Gewissen nicht empören», sagen die Ultralinken, «wenn man uns glauben machen will, in der UdSSR unter Stalins Regime sei die «herrschende» Klasse das Proletariat…?!» In so abstrakter Form kann diese Behauptung einen tatsächlich «empören». Doch die Sache ist die, dass die im Prozess der Analyse notwendigen abstrakten Kategorien ganz und gar nicht für die Synthese taugen, die viel größere Konkretheit erfordert. Das Proletariat der UdSSR ist die herrschende Klasse in einem zurückgebliebenen Lande, wo es noch an den notwendigsten Lebensgütern mangelt. Das Proletariat der UdSSR herrscht in einem Lande, das nur 1/12 der Menschheit umfasst: über die übrigen 11/12 herrscht der Imperialismus. Die Herrschaft des Proletariats, isoliert bereits durch die Zurückgebliebenheit und Armut des Landes, wird doppelt und dreifach verunstaltet durch den Druck des Weltimperialismus. Das Organ der Herrschaft des Proletariats – der Staat – wird zum Organ des imperialistischen Drucks (Diplomatie, Armee, Außenhandel. Ideen und Sitten). Historisch gesehen, geht der Kampf um die Herrschaft nicht zwischen Proletariat und Bürokratie, sondern zwischen Proletariat und Weltbourgeoisie. Die Bürokratie ist nur der Übertragungsmechanismus dieses Kampfes. Der Kampf ist nicht beendet. Trotz allen Bemühungen der Moskauer Clique, ihre konservative Zuverlässigkeit zu beweisen (Stalins konterrevolutionäre Politik in Spanien!) traut der Weltimperialismus Stalin nicht, spart er ihm gegenüber nicht mit erniedrigenden Nasenstübern und ist bereit, bei der ersten günstigen Gelegenheit, ihn zu stürzen. Hitler drückt – und darin liegt seine Stärke – nur konsequenter und offener die Einstellung der Weltbourgeoisie zur Sowjetbürokratie aus. Der faschistischen wie der demokratischen Bourgeoisie sind Stalins einzelne konterrevolutionäre Taten zu wenig; was sie braucht, ist eine vollendete Konterrevolution in den Eigentumsverhältnissen und die Aufschließung des russischen Markts. Solange das nicht der Fall ist, wird sie den Sowjetstaat als Feind betrachten. Und sie hat recht. ★ Das Regime in den kolonialen und halbkolonialen Ländern ist hauptsächlich ein bürgerliches. Doch der Druck des ausländischen Imperialismus verändert und verzerrt die ökonomische und politische Struktur dieser Länder so sehr, dass die nationale Bourgeoisie (selbst in den politisch unabhängigen Ländern Südamerikas) sich nur teilweise in der Lage einer herrschenden Klasse befindet. Der Druck des Imperialismus auf die übrigen Länder ändert zwar nichts an ihrem sozialen Grundcharakter, da hier Subjekt und Objekt der Bedrückung nur verschiedene Entwicklungsniveaus ein und derselben bürgerlichen Gesellschaft darstellen. Nichtsdestoweniger ist der Unterschied zwischen England und Indien, Japan und China, den Vereinigten Staaten und Mexiko so groß, dass wir streng unterscheiden zwischen unterdrückenden und unterdrückten bürgerlichen Ländern und es für unsere Pflicht halten, diese gegen jene zu unterstützen. Die Bourgeoisie der kolonialen und halbkolonialen Länder ist eine halb herrschende, halb unterdrückte Klasse. Der Druck des Imperialismus auf die Sowjetunion hat zur Aufgabe, die Natur der Sowjetgesellschaft selbst zu ändern. Der Kampf – heute ein friedlicher, morgen ein militärischer – geht um die Eigentumsformen. In ihrer Eigenschaft als Übertragungsmechanismus dieses Kampfes stützt sich die Bürokratie auf das Proletariat gegen den Imperialismus und auf den Imperialismus gegen das Proletariat, um ihre eigene Macht zu erweitern. Gleichzeitig bedient sie sich rücksichtslos ihrer Rolle als Verteilerin der dürftigen Lebensgüter, um sich Wohlstand und Macht zu sichern. Dadurch bekommt die Herrschaft des Proletariats geschmälerten, zerknickten, verbogenen Charakter. Mit vollem Recht kann man sagen: das in einem zurückgebliebenen und isolierten Lande herrschende Proletariat bleibt nach wie vor eine unterdrückte Klasse. Quelle der Unterdrückung ist der Weltimperialismus, der Übertragungsmechanismus ist die Bürokratie. Ist in den Worten «herrschende und zugleich unterdrückte Klasse» ein Widerspruch enthalten, so entstammt dieser nicht einem Denkfehler, sondern einem Widerspruch in der Lage der UdSSR selbst. Gerade deshalb lehnen wir ja die Theorie vom Sozialismus in einem Lande ab. Die Anerkennung der UdSSR als Arbeiterstaat – nicht als dessen Typ, sondern als Entstellung dieses Typs – bedeutet keineswegs irgendeine theoretische oder politische Amnestie für die Sowjetbürokratie. Im Gegenteil, ihr reaktionäres Wesen kommt vollständig erst im Lichte des Gegensatzes zwischen ihrer antiproletarischen Politik und den Bedürfnissen des Arbeiterstaats zum Vorschein. Nur wenn die Frage so gestellt wird, erlangt unsere Anprangerung der von der Stalinclique begangener Verbrechen treibende Kraft. Die Verteidigung der UdSSR beinhaltet nicht nur rücksichtslosen Kampf gegen den Imperialismus, sondern auch die Vorbereitung des Sturzes der bonapartistischen Bürokratie. Die Erfahrung der UdSSR beweist, wie groß die Möglichkeiten sind, die dem Arbeiterstaat innewohnen, und wie groß seine Widerstandskraft ist. Doch diese Erfahrung zeigt auch, wie mächtig der Druck des Kapitals und seiner bürokratischen Agentur ist, wie schwer es dem Proletariat fällt, seine vollständige Befreiung zu erreichen, und wie wichtig es ist, die neue Internationale im Geiste des unversöhnlichen Kampfes zu erziehen und zu stählen. Coyoacan, 25. November 1937. |
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