Leo Trotzki: Durchhalten, durchhalten, durchhalten! [Nach Die Aktion, 19. Jahrgang, Heft 5-8 (Ende September 1929), Spalte 149-151] Das Taumeln Radeks und noch einiger von der Spitze macht Sinowjew scheinbar Mut. Die Zeitungen teilen mit – und das scheint der Wahrheit nahe zu kommen, – dass Sinowjew Stalin die neueste Parole angeboten hat: „Mit den Trotzkisten, aber ohne Trotzki". Da Sinowjew bei seiner Unterwerfung neben den letzten Resten seiner politischen Ehre auch alle seine Anhänger verloren hat, so will er jetzt Stalin überreden, die Trotzkisten in die Partei aufzunehmen, die dann als Stütze dienen sollen – nicht Stalin, sondern Sinowjew. Fürwahr, ein genialer Plan. Das Unglück liegt nur darin, dass bis jetzt jede kapitulierende Gruppe und jedes Grüppchen sich selbst zur politischen Ohnmacht verurteilten. Pjatakow ist ein ganz gewöhnlicher Beamter geworden. Von der berühmten Gruppe Safarow (linke Sinowjaner) hört man nichts, als ob sie ertrunken wären. Sinowjew und Kamenew klopfen vergebens bei Molotow, Ordschonikidse, Woroschilow an, indem sie die Türen der Parteikanzleien mit den Türen der Partei verwechseln! Aber die Beamten öffnen ihnen nicht ihre Arme. Kamenew, meldet ein Bericht aus Moskau, will der Politik überhaupt adieu sagen und sich mit einem Buche über Lenin beschäftigen. Nun ja, ein schlechtes Buch ist immerhin besser als hoffnungslose Politik. Aber Sinowjew stellt sich noch mit aller Gewalt lebend. Jede neue Kapitulation wirkt auf den ehrwürdigen Kapitulanten wie eine Kampfereinspritzung. Alle diese Leute sprechen von der Partei – schwören auf die Partei, unterwerfen sich im Namen der Partei. Als wenn sie erwarten, dass letzten Endes die Partei ihren politischen Kleinmut anerkennen und sie zur Führung berufen werde. Ist das nicht ungeheuerlich? Es ist wahr, die Presse teilt mit, dass die Sehnsucht der Kapitulanten nach der Partei in der Person des nicht unbekannten Maslow, dem die Berufung zum „Führer" bevorstünde, erfüllt werden würde. Aber von welcher Seite? Nicht seitens der Partei, sondern seitens des Stalinschen Apparates, der in Deutschland einen Wechsel braucht. Aber Stalin denkt nicht daran, sich selbst abzusetzen. Paradox ist es, dass die Maslows, um neuen „Apparat"-Ruhm zu ernten, nur Sinowjew verraten müssen, obgleich Maslows Politik ein Schatten des Sinowjewschen Musters ist. Stalin kann Maslow gegen den unglückseligen Thälmann gebrauchen, aber Sinowjew und Kamenew können von Stalin nicht gebraucht werden. Stalin braucht den Beamten Pjatakow, den Beamten Krestinski. Für Radek aber wird sich kaum ein Platz im System Molotow finden. Zur Verwaltung des Komintern braucht man Menschen wie Gussew und Manuilski. Radek und noch mancher mit ihm denken, dass jetzt der günstigste Moment zur Kapitulation gekommen sei. Warum eigentlich? Ja, seht ihr, darum, weil Stalin mit Rykow, Tomski und Bucharin fertig geworden ist. Aber ist denn unsere Aufgabe die Erledigung eines Teiles der regierenden Gruppe durch den Anderen? Hat sich denn die prinzipielle Anschauung in den grundlegenden Fragen der Politik geändert? Hat sich die Zusammensetzung der Kader, hat sich das Regime der Partei geändert? Ist nicht das anti-marxistische Programm der Komintern geblieben? Ist irgendwie der nächste Tag gesichert ? Die jetzige Abrechnung mit den Rechten, scharf in der Form, aber oberflächlich dem Inhalt nach, ist ihrerseits nur ein Nebenprodukt der Politik der Opposition. Bucharin hat vollkommen Recht, wenn er Stalin anklagt, das dieser kein neues Wort erfunden, sondern nur die Splitter der Plattform der Opposition gebraucht hat. Wodurch ist denn der neue Krampf des ganzen Apparats hervorgerufen worden? Durch unsere Offensive, durch unsere Unversöhnlichkeit, durch das Wachsen unseres Einflusses, den Mut unserer Kader. Hätten wir zum XV. Kongress mit den Sinowjews zusammen Harakiri gemacht. Stalin hätte keinerlei Grund gehabt, sich von seinem Gestern loszusagen und sich mit den bei der Opposition ausgerupften Federn zu schmücken Mit der Kapitulation streicht Radek sich selbst aus den Reihen der Lebenden. Er kommt in die Kategorie, deren Haupt Sinowjew ist, die Kategorie der Halbgehenkten, Halbbegnadigten. Diese Leute haben Angst, laut ein Wort zu sagen, haben Angst, eine eigene Meinung zu haben und leben, auf ihren Schatten zurückblickend. Man erlaubt ihnen nicht einmal, öffentlich die regierende Fraktion zu unterstützen. Stalin hat ihnen durch Molotow geantwortet, wie einst Benkendorf, ein General Nikolaus I., dem Redakteur der patriotischen Zeitung geantwortet hatte: „Die Regierung bedarf Ihrer Unterstützung nicht". Eine andere Sache wäre es, wenn Radek, wie Pjatakow, Kassenwart der Staatsbank werden könnte. Aber Radek verfolgt die höchsten politischen Ziele. Er will sich der Partei nähern. Wie andere, die ihm gleichen, hat er aufgehört, zu sehen, dass die lebendigste Kraft der Partei eben die Opposition ist. Das ganze Leben der Partei, alle ihr Entschließungen und Taten drehen sich um die Ideen und Parolen der Opposition. Im Kampfe zwischen Stalin und Bucharin bewerfen beide Seiten einander mit Anklagen wegen dem „Trotzkismus" – wie Clowns im Zirkus. Sie haben keine eigenen Ideen. Die theoretische Grundlage und politische Voraussicht haben allein wir. Auf diesem Fundament bilden wir neue Formationen, des zweiten bolschewistischen Aufgebots. Die Kapitulanten aber zerstören, erledigen, demoralisieren die Reihen, indem sie zur Heuchelei, zum Chamäleonentum, zur Speichelleckerei erziehen unter Bedingungen und zu einer Zeit, da die theoretische Klarheit sich mit unbeugsamen revolutionärem Mut paaren muss. Die revolutionäre Epoche verbraucht Menschen rasch. Es ist durchaus nicht leicht, den Druck des imperialistischen Krieges, der Oktober-Revolution, die Reihe der internationalen Niederlagen und der daraus erwachsenen Reaktion auszuhalten. Die Menschen verbrauchen sich, die Nerven streiken, das Bewusstsein trübt sich. Man beobachtet diese Tatsache immer im politischen Leben, besonders im revolutionären Kampf. Wir haben das tragische Beispiel gesehen, wie die Generation der Bebel, Guesde, Viktor Adler, Plechanow sich verbraucht hatte. Der Prozess dauerte Jahrzehnte. Ein ganz anderes Tempo nahm die Entwicklung seit dem imperialistischen Krieg und der Oktober-Revolution an. Vor unseren Augen ist der größte Teil der älteren Generation der Bolschewiki verbraucht. Einige sind im Bürgerkriege zu Grunde gegangen, andere hielten es physisch nicht aus, viele, zu viele kapitulierten geistig und moralisch. Hunderte und Hunderte alter Bolschewiki leben als gehorsame Beamte, kritisieren die Obrigkeit bei einem Glas Tee und ziehen an ihrem Karren. Diese haben aber wenigstens keine komplizierten Kunststücke gemacht, sich nicht für Adler ausgegeben, sich nicht mit Oppositionskampf beschäftigt, keine „Plattform" unterschrieben, sondern haben sich langsam von Revolutionären zu Bürokraten gewandelt. Man darf nicht denken, dass die Opposition vor Thermidor-Einflüssen sicher ist. Wir sehen an einer ganzen Reihe von Beispielen, wie alte Bolschewiki, die die Tradition der Partei und sich selbst erhalten wollten, bis zur letzten Kraft der Opposition folgten: Manche bis zum Jahre 25, manche bis 27, und manche bis 29. Aber zuletzt fielen auch sie; die Nerven hielten nicht mehr aus. Radek ist jetzt der schreiende und eifrige Ideologe dieser Elemente. Die Opposition würde einen schmachvollen Selbstmord begehen, wenn sie diesen Stimmungen müder Skeptiker nachgeben würde. In den 6 Jahren des angestrengten geistigen Kampfes ist eine neue Generation von Revolutionären entwickelt und erzogen worden, die zum ersten Male mit eigener Erfahrung den großen historischen Aufgaben gegenüber steht. Die Kapitulation der Älteren bewirkt in dieser Generation den notwendigen Widerstand. Das ist der wirkliche Sauerteig für die künftigen Massenkämpfe. Diese Elemente der Opposition werden ihren Weg zum proletarischen Kern der Partei und zu der Arbeiterklasse überhaupt finden. Durchhalten, Durchhalten, Durchhalten! – Das ist die Parole der jetzigen Periode. Die Toten mögen ihre Toten begraben. Konstantinopel, 15. Juni 1929. Leo Trotzki. |
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