Leo Trotzki: Wortlaut des Schreibens an das Plenum des ZK der RKP [Nach Internationale Presse-Korrespondenz, 5. Jahrgang Nr. 18 (29. Januar 1925), S. 217 f.] Werte Genossen! Auf der Tagesordnung der bevorstehenden Sitzung des Plenums des ZK steht als erster Punkt die Frage der Resolutionen der Provinzorganisationen über das „Auftreten" Trotzkis. Da ich angesichts meiner Krankheit nicht die Möglichkeit besitze, an den Arbeiten des Plenums teilzunehmen, nehme ich an, dass ich die Behandlung der Frage erleichtern werde, wenn ich hier folgende kurze Erklärungen abgebe: 1. Ich war der Ansicht und bin der Ansicht, dass ich in der Diskussion hinreichend gewichtige prinzipielle und Tatsachen betreffende Gegengründe gegen den gegen mich erhobenen Vorwurf anzuführen vermocht hätte, dass ich das Ziel einer „Revision des Leninismus" und „Herabsetzung" (!) der Rolle Lenins verfolge. Ich habe auf Erklärungen in dieser Richtung jedoch nicht nur krankheitshalber verzichtet, sondern auch deshalb, weil unter den Verhältnissen der jetzigen Diskussion jegliche Äußerung meinerseits zu diesen Themen, unabhängig vom Inhalt, Charakter und Ton, lediglich den Anstoß zu einer Vertiefung der Polemik gegeben hätte, zu ihrer Verwandlung aus einer einseitigen in eine doppelseitige, zu ihrer weiteren Verschärfung. Ich bin auch gegenwärtig, wenn ich den ganzen Verlauf der Diskussion überblicke, der Ansicht, dass obwohl in ihrem Verlauf gegen mich zahlreiche und geradezu ungeheuerliche Beschuldigungen erhoben worden sind, mein Schweigen vom Standpunkt der allgemeinen Interessen der Partei richtig war. 2. Doch kann ich unter keinen Umständen die Richtigkeit der Beschuldigung der Befolgung meinerseits einer besonderen Linie („des Trotzkismus") und des Bestrebens einer Revision des Leninismus auf mich nehmen. Die mir zugeschriebene Überzeugung, als ob nicht ich zum Bolschewismus, sondern der Bolschewismus zu mir gekommen sei, erscheint mir schlechthin ungeheuerlich. In meinem Vorwort „Die Lehren des Oktober" sage ich ausdrücklich (Seite 62), dass der Bolschewismus sich auf seine Rolle in der Revolution durch einen unversöhnlichen Kampf nicht nur gegen die Bewegung der Volkstümler und des Menschewismus, sondern auch gegen die „Versöhnungsrichtung", das heißt gegen jene Strömung, der ich angehörte, vorbereitet hatte. Es ist mir im Verlaufe der letzten acht Jahre niemals eingefallen, irgendeine Frage vom Gesichtspunkt des sogenannten „Trotzkismus" aus zu betrachten, den ich politisch längst für liquidiert hielt und halte. Ob ich in der einen oder anderen Frage, die vor der Partei auftauchte, recht hatte oder irrte, bei ihrer Lösung ging ich von der allgemeinen theoretischen und praktischen Erfahrung unserer Partei aus. Während all dieser Jahre hat mir denn auch niemand jemals gesagt, dieser oder jener meiner Gedanken oder Vorschläge repräsentieren eine besondere Strömung, die des „Trotzkismus". Dieses Wort selbst ist, vollkommen unerwartet für mich, erst während der Diskussion aus Anlass meines Buches über das Jahr 1917 aufgetaucht. 3. Die größte politische Bedeutung in diesem Zusammenhang besitzt die Frage der Bewertung der Bauernschaft. Ich stelle kategorisch in Abrede, dass die Formel der „permanenten Revolution", die voll und ganz die Vergangenheit betrifft, für mich in irgendwelchem Grade ein unachtsames Verhältnis meinerseits zur Bauernschaft unter den Bedingungen der Sowjetrevolution zur Folge gehabt habe. Sofern ich nach dem Oktober überhaupt Gelegenheit gehabt habe, in besonderen Fällen auf die Formen der „permanenten Revolution" zurückzugreifen, so nur in Verbindung mit der Parteigeschichtsforschung, das heißt mit Rückblicken auf die Vergangenheit, nicht aber in Verbindung mit der Klärung aktueller politischer Aufgaben. Das Bestreben, auf diese Frage einen unversöhnlichen Gegensatz zu gründen, lässt sich, meiner Anschauung nach, weder durch die achtjährige Revolutionserfahrung, die wir vereint durchgemacht haben, noch durch die Aufgaben der Zukunft begründen. Desgleichen weise ich die Hinweise und Beratungen auf eine angeblich „pessimistische" Einstellung meinerseits zum Schicksal unseres sozialistischen Aufbaues bei einem verlangsamten Verlauf der Revolution im Westen von mir. Ungeachtet aller Schwierigkeiten, die sich aus der kapitalistischen Einkreisung ergeben, sind die ökonomischen und politischen Hilfsquellen der Sowjetdiktatur sehr große. Ich habe diesen Gedanken im Auftrag der Partei wiederholt, unter anderem auf internationalen Kongressen, entwickelt und begründet und bin der Ansicht, dass dieser Gedanke auch in der jetzigen Periode geschichtlicher Entwicklung in Kraft bleibt. 4. Die Differenzpunkte, die der XIII. Parteitag gelöst hat, betreffend, bin ich kein einziges Mal, weder im ZK., noch im Rat der Arbeit und Verteidigung, oder gar außerhalb der führenden Institutionen der Partei und der Sowjetmacht, mit irgendwelchen Vorschlägen hervorgetreten, die, sei es direkt oder indirekt, die bereits entscheidenden Fragen erneut aufgerollt hätten. Nach dem XIII. Parteitag sind neue Aufgaben wirtschaftlichen, sowjetpolitischen und internationalen Charakters entstanden, beziehungsweise klarer hervorgetreten, ihre Lösung bietet außerordentliche Schwierigkeiten. Vollkommen fern lag mir das Bestreben, der Arbeit des ZK der Partei in Hinsicht auf die Lösung dieser Fragen irgendeine „Plattform" entgegenzustellen. Für alle Genossen, die an den Sitzungen des Politischen Büros, der Vollsitzung des ZK, des Rates der Arbeit und Verteidigung oder des Revolutionären Kriegsrates der Sowjetunion beigewohnt haben, bedarf diese Behauptung keines Beweises. Die strittigen Fragen, die der XIII. Parteitag entschieden hat, wurden in der letzten Diskussion nicht nur ohne jeden Zusammenhang mit meiner Arbeit, sondern auch, soweit ich im gegebenen Augenblick zu beurteilen vermag, ohne einen Zusammenhang mit den praktischen Fragen der Parteipolitik erneut aufgeworfen. 5. Soweit das Vorwort zu meinem Buche „1917" den formalen Anlass zur letzten Diskussion geboten hat, halte ich es für erforderlich, vor allem den Vorwurf zurückzuweisen, als hätte ich mein Buch gewissermaßen hinter dem Rücken des ZK herausgegeben. In Wirklichkeit wurde mein Buch (während meiner Kur im Kaukasus) unter genau denselben Umständen gedruckt wie alle meine anderen Bücher oder die Bücher anderer Mitglieder des ZK, beziehungsweise anderer Parteimitglieder überhaupt. Es ist selbstverständlich Sache des ZK, die eine oder andere Form der Kontrolle parteipolitischer Veröffentlichungen festzulegen. Ich habe jedoch in keiner Weise oder in irgendwelchem Grade jenen Formen der Kontrolle zuwidergehandelt, die bisher Geltung hatten, wozu ich selbstverständlich auch keinerlei Anlass gehabt habe. 6. Das Vorwort zu den „Lehren des Oktober" stellt eine Weiterentwicklung jener Gedanken dar, die ich früher und ganz besonders im letzten Jahre wiederholt ausgesprochen hatte. Ich nenne hier nur folgende Referate und Artikel: „Auf der Bahn der europäischen Revolution" (Tiflis, den 11. April 1924), „Perspektiven und Aufgaben im Osten" (21. April 1924), „Der erste Mai im Westen und im Osten" (29. April 1924), „An einem neuen Wendepunkt" (Vorwort zum Buche „5 Jahre Komintern", „Welche Etappe passieren wir?" (21. Juni 1924), „Grundfragen des Bürgertums". Alle aufgezählten Referate, die durch die Niederlage der deutschen Revolution im Herbst 1923 veranlasst waren, wurden in der „Prawda", den „Iswestija" und anderen Ausgaben gedruckt. Kein einziges Mitglied des ZK oder gar das Politische Büro als solches hat mich jemals auf die Unrichtigkeit meiner Tätigkeit hingewiesen. Desgleichen hat die Redaktion der „Prawda" meine Referate nicht nur nicht mit Anmerkungen versehen, sondern mir gegenüber auch kein einziges Mal den geringsten Versuch gemacht, darauf hinzuweisen, dass sie in dem einen oder dem anderen Punkt mit ihnen nicht einverstanden sei. Es ist selbstverständlich, dass ich meine Analyse des Oktobers, die im Zusammenhange mit den deutschen Ereignissen stand, nicht nur nicht als eine „Plattform" ansah, sondern es auch für ausgeschlossen hielt, dass diese Arbeit von irgendjemand im Sinne einer „Plattform" ausgelegt werden konnte, die sie nicht und auch nicht sein konnte. 7. Soweit auch einige meiner anderen Bücher, darunter auch solche, die eine Reihe von Auflagen erlebt haben, in den Kreis der Beschuldigungen gegen mich einbezogen worden sind, halte ich es für notwendig, festzustellen, dass nicht nur das Politische Büro als solches, sondern auch nicht ein einziges Mitglied des ZK mir gegenüber jemals darauf verwiesen hat, dass irgendeiner meiner Artikel oder irgendeines meiner Bücher im Sinne einer „Revision" des Leninismus ausgelegt werden könnte. Insbesondere betrifft das das Buch „1905“, das noch zu Lebzeiten Lenins erschienen war, eine Reihe von Auflagen erlebt hatte, von der Parteipresse lebhaft empfohlen und von der Komintern in fremde Sprachen übersetzt worden ist und nun das Hauptmaterial für die Beschuldigung der Revision des Leninismus abgibt. 8. Mit den dargelegten Erwägungen verfolge ich, wie bereits eingangs betont, den ausschließlichen Zweck, dem Plenum die Lösung der als 1. Punkt der Tagesordnung zu behandelnden Frage zu erleichtern. Was nun die in der Diskussion wiederholt aufgetauchten Behauptungen betrifft, als erstrebte ich eine „Sonderstellung" in der Partei, als fügte ich mich nicht der Disziplin, als verweigerte ich die Ausführung der einen oder der anderen Arbeit, die mir das ZK. übertrage, usw. usw., so erkläre ich, ohne auf die Qualifikation dieser Behauptungen einzugehen, auf das allerkategorischste: Ich bin bereit, im Auftrage des ZK jede beliebige Arbeit auf jedem beliebigen Posten oder auch auf keinem Posten und selbstverständlich unter den Bedingungen einer beliebigen Parteikontrolle auszuführen. Insbesondere brauche ich wohl nicht zu beweisen, dass nach der letzten Diskussion das Interesse der Sache meine schleunigste Befreiung von den Obliegenheiten eines Vorsitzenden des Revolutionären Kriegsrates erfordert. Zum Schlüsse erachte ich es für notwendig, hinzuzufügen, dass ich zum Plenum in Moskau verblieben bin, um, falls dies erforderlich sein sollte, die Möglichkeit zu besitzen, auf diese oder jene Fragen zu antworten, beziehungsweise die erforderlicher Aufklärungen zu geben. Kreml, 15. Januar 1925. L. Trotzki |
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