Rosa Luxemburg: Zur Richtigstellung [Vorwärts (Berlin), Nr. 179 vom 2. Juli 1916. Nach Gesammelte Werke, Band 4, S. 200-202] Aus den Pressstimmen zur letzten Großberliner Verbands-Generalversammlung geht unzweideutig hervor, dass über den Verlauf und die Resultate dieser Versammlung eine sehr schöne Legende in der Entstehung begriffen ist. Diese Legende geht dahin, dass ich der Generalversammlung einen Antrag betreffend die Beitragssperre gegenüber dem Parteivorstand vorgelegt hätte und dass dieser Antrag dann mit überwältigender Majorität abgelehnt sei. Dies gibt der „Leipziger Volkszeitung" Anlass, einen langen Hymnus auf die „Besonnenheit", „politische Klugheit" und ähnliche Tugenden der Berliner Opposition unter der Führung Haase, Hoffmann, Ledebour anzustimmen, die sich der „Gefahr des wüsten Zerstörens" weise widersetzten, welche Gefahr offenbar von der „Richtung Liebknecht-Luxemburg" drohte.1 Die Entstehung dieser für die erstgenannte Richtung so bequemen Legende ist nur dadurch ermöglicht worden, dass im Bericht über die Verbands-Generalversammlung der Text meines Antrags gar nicht abgedruckt, sein Inhalt hingegen derart in meine Rede hinein geflochten worden ist2, dass jeder Leser, der bei den Verhandlungen nicht zugegen war, unbedingt zu dem Schluss kommen musste, ich hätte in der Tat in meinem Antrag die Beitragssperre empfohlen. Demgegenüber stelle ich fest: Der von meinen Freunden und mir eingebrachte Antrag hatte nicht mit einer Silbe die Beitragssperre erwähnt. lautete vielmehr: „Das Verhalten des Parteivorstandes gegenüber der Redaktion des Zentralorgans ‚Vorwärts'3; sein Gewaltstreich in Duisburg; seine Mitwirkung an den Parteiwirren im Frankfurter Agitationsbezirk und in Bremen4; der Versuch, die dem Parteivorstand missliebigen Mitglieder aus der Kontrollkommission hinauszudrängen5; die Parteinahme für den abgesetzten Kreisvorstand von Teltow-Beeskow; endlich der mit der preußischen Landeskommission ausgeführte Handstreich gegen die Berliner Genossen6…, alles dies hat bewiesen, dass der Parteivorstand …7 (hier folgte die nähere Charakterisierung der politischen Rolle des Parteivorstandes, die aus den bekannten Gründen weggelassen bleiben mag). Der Parteivorstand erweist sich damit als eine Gefahr für den Bestand der Organisation, die politische Macht und den sozialdemokratischen Geist der Partei, eine Gefahr, deren systematische Bekämpfung dringende Pflicht aller Genossen ist, denen die Grundsätze des internationalen Sozialismus und die Zukunft der Arbeiterbewegung am Herzen liegen. Die Verbands-Generalversammlung beauftragt den Großberliner Zentralvorstand, sich mit anderen Kreisen im Reich, die gleichfalls unter der zerrüttenden Politik des Parteivorstandes zu leiden haben, ins Einvernehmen zu setzen, um gemeinsam über organisatorische Abwehrmaßnahmen zur Rettung der Partei zu beraten." Dies der Wortlaut des Antrages. Ich stelle deshalb fest, dass ich in meiner Begründung des Antrages ausdrücklich sagte: Meine Freunde und ich machen diesmal keinen Vorschlag, die Beitragssperre zu beschließen, da wir ohne weiteres annehmen und es ruhig feststellen, die Mehrheit der Verbands-Generalversammlung sei ja gegen die Beitragssperre. Aber gerade deshalb fordern wir die Berliner Vertreter auf, selbst Abwehrmaßnahmen gegen die Politik des Parteivorstandes zu überlegen, vor allem aber mit den Genossen im Reiche Fühlung zu nehmen, um der Gewaltpolitik der Instanzen den Willen der Parteimitgliedschaften, der Massen entgegenzustellen. Ein solches energisches geschlossenes Vorgehen würde auf weite Kreise im Reiche belebend und ermunternd wirken, und nur ein solches Vorgehen könnte diejenigen Elemente der Partei erhalten, die vor Erbitterung und Verzweiflung über die jetzigen Zustände in der Partei ihr den Rücken kehren möchten. Ich stelle endlich fest, dass, nachdem die Genossen Ledebour, Däumig und Haase gegen mich polemisiert und namentlich Haase die schwärzesten Gefahren, die aus der Annahme meines Antrages der Berliner Bewegung angeblich erwachsen sollten, an die Wand gemalt und die Missverständlichkeit des Antrages denunziert hatte, mir das Wort abgeschnitten wurde, so dass ich keine Möglichkeit hatte, die Haasesche Argumentation zu zerpflücken. Dies waren also der Wortlaut des Antrags, seine Begründung und die Umstände, unter denen er abgelehnt wurde. Und nun überlasse ich getrost den Genossen zu beurteilen, ob die Ablehnung dieses Antrags sich als ein Akt der „Besonnenheit", der „politischen Klugheit" und dergleichen charakterisiert oder ob sie einen ganz anderen Namen verdient. Ob aber so oder anders – lassen wir doch bitte jedenfalls die Legende, bleiben wir bei der nüchternen Wahrheit: die Beitragssperre ist auf der Berliner Verbands-Generalversammlung von der Opposition Haase, Ledebour, Hoffmann „mit überwältigender Mehrheit" abgelehnt worden, sondern – ein Antrag, der die politische Rolle des Parteivorstandes als Angelegenheit der Gesamtpartei statt als einen Berliner lokalen Kompetenzstreit charakterisierte und demgemäß zur gemeinsamen Abwehraktion im ganzen Reiche aufrief, wobei die näheren Maßnahmen dieser Aktion dem eigenen Entschluss der weiteren Parteikreise anheim gestellt wurden. Rosa Luxemburg 1 Siehe Berlins Entscheidung. In: Leipziger Volkszeitung, Nr. 139 vom 26. Juni 1916. 2 Siehe dazu „Gegen den ,Vorwärts'-Raub“ (27. Juni 1916). 3 Siehe „Gegen den Gewaltstreich …“ (15. April 1916) 4 Siehe „Gegen den ,Vorwärts'-Raub“ (27. Juni 1916). 5 Es handelt sich vor allem um Wilhelm Bock und Fritz Geyer, die zur Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft (siehe „Die Lehre des 24. März“ - April 1916) gehörten, und um Clara Zetkin als Mitglied der Spartakusgruppe. Offiziell wurden sie am 8. Mai 1917 aus der Kontrollkommission ausgeschlossen. 6 Siehe „Gegen den ,Vorwärts'-Raub“ (27. Juni 1916). 7 Auslassung in der Quelle. Den vollständigen, leicht abgeänderten Wortlaut dieser Resolution siehe „Gegen die Politik des Parteivorstandes“ (3. November 1916). |
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