Lenin‎ > ‎1903‎ > ‎

Wladimir I. Lenin 19030907 Brief an A. M. Kalmykowa

Wladimir I. Lenin: Brief an A. M. Kalmykowa1

[Geschrieben am 7. September (25. August) 1903 Zum ersten Mal veröffentlicht im Jahre 1927 im „Leninskij Sbornik" Nr. 6. Nach Sämtliche Werke, Wien-Berlin 1930, Band 6, S. 42-46]

Ich erhielt soeben Ihren Brief und beeile mich, zu antworten. Ja, ich sehe, dass Sie schon informiert sind und dass die Nachrichten, die Sie über die Dinge informierten – wie es natürlich auch nicht anders sein konnte –, in einem bestimmten Sinne gefärbt sind. Ich verstehe auch, dass das, was sich ereignet hat, Sie unbedingt quälen muss.

Eine Sache ist aber – zu wissen, eine andere – zu verstehen, schreiben Sie richtig, und ich habe die feste Überzeugung, dass man das, was sich ereignet hat, nicht vom Standpunkt des „Einflusses einer fürchterlichen Übermüdung der Nerven" auffassen kann. Die Übermüdung der Nerven konnte lediglich eine scharfe Verbitterung und Wut, ein unvernünftiges Verhalten zu den Ergebnissen hervorrufen, aber die Ergebnisse selber waren ganz unvermeidlich, und es war seit langem nur eine Frage der Zeit, wann sie eintreten werden.

Pack" und „Prätorianer" sagen Sie. Das stimmt nicht. Die politische Gruppierung war im Großen und Ganzen2 so: 5 Bundisten, 3 Leute vom „Rabotscheje Djelo", 4 vom „Juschny Rabotschij", 6 vom Sumpf oder Unentschlossene, 9 Iskristen von der weichen Linie (oder vom Zickzackkurs3) und 24 konsequente Iskristen: das waren die beschließenden Stimmen – natürlich nur annähernd. Es hat Fälle gegeben, in denen alles durcheinander kam, aber à vol d'oiseau4, in der Bilanz, waren die Gruppen so verteilt. In der wichtigsten Frage, bei der eine Durcheinandermischung erfolgte (die Gleichberechtigung der Sprachen), und die viele Iskristen schwankend machte, standen nicht weniger als 23 (die Gesamtzahl der Iskristen betrug 33) zu uns, und sogar unter diesen 23 waren die „Martowisten" in der Minderheit. Und kennen Sie das Ergebnis der Abstimmung in der Versammlung der 16? Der 16 Mitglieder der „Iskra"-Organisation, nicht des „Packs", nicht der „Prätorianer". Wissen Sie, dass Martow auch hier in der Minderheit war, sowohl in der Frage der Person, die der Zankapfel war, als auch in der Frage der Listen?

Die Minderheit der Iskristen von der weichen Linie oder vom Zickzackkurs hat durch die Koalition des „Bund", des Sumpfes und der „Juschny Rabotschij"-Leute die Mehrheit zerschlagen (in der Frage des Statuts, und mehr als einmal). Und als der „Bund" und die Leute vom „Rabotscheje Djelo" den Parteitag verließen, da übte die Mehrheit der Iskristen Revanche. Voilà tout5. Und kein Mensch zweifelt daran, dass Martow, wenn der „Bund" vom Parteitag nicht weggegangen wäre, uns in der Frage der zentralen Körperschaften geschlagen hätte. Und aus einem solchen Schlussakt will man eine Beleidigung, eine Kränkung, eine Spaltung der Partei ableiten! Das ist Wahnsinn. Man setzt in die Welt, die „Prätorianer" hätten unter der verleumderischen Anschuldigung des Opportunismus Genossen fortgejagt, hätten tüchtige Leute verunglimpft und von der Arbeit entfernt usw. Das alles ist leeres Gerede, die Frucht der beleidigten Phantasie, rien de plus6. Niemand, absolut niemand ist „verunglimpft" oder von der Arbeit, von der Teilnahme an der Sache entfernt worden. Nur aus der Zentralleitung ist der eine oder andere entfernt worden – deswegen beleidigt sein? darum die Partei auseinanderreißen? aus diesem Grunde die Theorie des Hyper-Zentralismus konstruieren? aus diesem Grunde von „eiserner Faust" schreiben usw.? Nie habe ich auch nur einen Augenblick daran gezweifelt, und ich kann nicht daran zweifeln, dass das Dreierkollegium der Redakteure das einzige wahrhaft sachliche Kollegium ist, das nichts zerschlägt, sondern das alte „familiäre" Kollegium der Rolle von Funktionären anpasst. Gerade die Familienwirtschaft des Sechserkollegiums war es, die uns drei Jahre lang geplagt hat. Sie müssen das ja sehr gut wissen, und in dem Augenblick, in dem die „Iskra" die Partei und die Partei die „Iskra" wurde, waren wir gezwungen, waren wir verpflichtet, mit dem Sechserkollegium zu brechen, mit der Familienwirtschaft ein Ende zu machen. Eben darum habe ich schon vor dem Parteitag erklärt, dass ich die freie Wahl der Redaktion – respektive7 des Dreierkollegiums verlangen werde, das die einzige Grundlage auch für eine Kooptation ist.

Den „Familien"charakter aufzugeben, war für die Sache eine unbedingte Notwendigkeit, und ich bin überzeugt, dass das ganze Sechserkollegium dieses Dreierkollegium friedlich angenommen hätte, wenn nicht gleichzeitig der Zank um den § 1 und wegen des Zentralkomitees vor sich gegangen wäre. Nur dieser Zank hat in ihren Augen das Dreierkollegium eine so „schreckliche", absolut falsche Färbung annehmen lassen. Es ist gar nicht „schrecklich", die Einschränkung des Zickzackkurses aber war notwendig, und die Mehrheit der Iskristen (sowohl auf dem Parteitag als auch innerhalb der „Iskra"-Organisationen) hat das sehr wohl verstanden.

Nein, ich wiederhole, der Schlussakt ist kein „unvorhergesehenes Unglück", keine „Zersplitterung des Ganzen". Das ist falsch. Es ist falsch, dass man den Tag der „Beförderung auf einen höheren Posten" verdammen kann – oder unsere ganze alte Arbeit wäre für immer eine Tantalusqual geblieben. Und in der Partei, auf ihrer formalen Grundlage, bei vollständiger Unterordnung unter das Statut* (für das wir nicht umsonst verzweifelt gekämpft, für jede kleinste Kleinigkeit gegen Martow, der hier gesiegt hat, gekämpft haben) – in einer solchen Partei war die alte Familien-Redaktion (die innerhalb von drei Jahren – das ist eine Tatsache – kein einziges Mal vollzählig zusammenkam) unmöglich, um so mehr, als der Partei sofort rechtmäßig, auf formaler Grundlage, haufenweise Nicht-Iskristen beitraten. Und das erforderte gerade eine feste Linie und eine konsequente Politik, und nicht einen Zickzackkurs. Es gibt keine Rückkehr zum Alten, und nur eine verirrte Phantasie kann das Bild zeichnen, dass man Martow zur Schlachtbank führt, und nicht zur gemeinsamen Arbeit mit Genossen, von denen jeder seine politische Schattierung hat. De facto, das muss ich noch bemerken, war dieses Dreierkollegium auch früher immer, diese ganzen drei Jahre hindurch, in 99 von 100 Fällen die entscheidende, die politisch und nicht literarisch entscheidende Zentralinstanz.

Mir erscheinen jetzt „ihre" Beschwerden über das Pack, über die Prätorianer, die Klagen über den „Kristall" der „Iskra"-Redaktion lächerlich – nachdem Martow im Bündnis mit dem „Bund" gegen die Mehrheit der Iskristen ins Feld zog und alles vorbereitet hat, um sie durch dieses Bündnis auch in der Frage der zentralen Körperschaften zu schlagen. Durch dieses Bündnis, sage ich, und nicht infolge einer Abmachung, ich denke nicht daran, ihnen Abmachungen mit dem Sumpf und mit dem „Bund" vorzuwerfen, nichts dergleichen. Wenn „sie" behaupten, man habe gegen sie „kompromittierende Gerüchte" verbreitet (Verbündete der Bundisten sollen sie sein), so wiederholen „sie" ihren üblichen Fehler, verwechseln sie das Persönliche mit dem Politischen. Eine Abmachung würde vom persönlichen Standpunkt aus hässlich sein. Das Bündnis hing nicht von ihrem Willen ab, das Bündnis wurde durch ihren Fehler bestimmt; nicht sie gingen mit dem „Bund" + Sumpf, sondern der „Bund" + Sumpf + „Juschny Rabotschij" usw. folgten ihnen, weil sie sofort begriffen haben, wen von den Iskristen man vom Standpunkte der Anti-Iskristen unterstützen müsse. Der „Bund" + Sumpf usw. haben den organisatorischen und den taktischen Fehler Martows nur politisch bloßgelegt.

Wer alle Tatsachen des Parteitages und insbesondere die Verteilung der iskristischen Stimmen (sowohl auf dem Parteitag als auch in der Geheimorganisation der Iskra) kennt, der kann nicht daran zweifeln, dass es keine Rückkehr zur Vergangenheit gibt. Die Iskristen haben sich geteilt, die „Iskra" konnte doch aber nicht außerhalb der Iskristen bleiben. Und, ich wiederhole, unter den Iskristen war Martow in unbedingter Minderheit, und die Spaltung in der Partei (der sich Martow schicksalsmäßig mit jedem Tag mehr nähert) wird ein Aufstand der Minderheit sein, der diese sowohl rechtlich als auch noch mehr sachlich, ins Unrecht setzen wird.

Wir „verunglimpfen" wegen eines Fehlers weder Martow noch irgend jemand anders, sondern wir rufen sie alle zur Arbeit.

Was die „materiellen Mittel" betrifft, die Sie erwähnen, so ist unsere Lage jetzt zweifelsohne nicht sehr günstig, auch die kalifornischen Quellen sind versiegt. Aber wir werden im schlimmsten Falle auch die äußerste Not ertragen, nur wollen wir wegen der Unzufriedenheit mit der Zusammensetzung der zentralen Stellen (denn objektiv läuft „ihre" Unzufriedenheit lediglich darauf hinaus) nicht die ganze langjährige Arbeit zunichte machen lassen.

Soll etwa auch der Eimer geteilt werden?"8 fragen Sie. Ich könnte wohl kaum auf diese Frage antworten, denn ich erhebe nicht den Anspruch, der „Teilung" unparteiisch gegenüberzustehen, eine parteiische Antwort aber können Sie nicht brauchen. Ich bin überzeugt, dass es gar keine „Bruchteile" gibt, sondern es gibt nur den wahnsinnigen Versuch, wegen der Niederlage in einer Frage, in der die besiegten Iskristen absolut im Unrecht waren – das Ganze zu zerstückeln, zu zersplittern, zu zerschlagen (einen neuen Herd anzulegen, wie Sie sich ausdrücken).

Ich drücke Ihre Hand.

1 A. Kalmykowa, die mit den Mitgliedern der Gruppe „Befreiung der Arbeit" und der „Iskra", die sie noch von ihrer Arbeit in Petersburg her kannte, persönlich verbunden war, war für die „Iskra" sehr wichtig, da sie sie in jeder Weise unterstützte und sie mit den für ihre Existenz notwendigen Geldmitteln versah. Die ersten Mitteilungen über die Ereignisse auf dem Parteitag erhielt Kalmykowa, die sich zu jener Zeit in Dresden aufhielt, von den Anhängern der Minderheit, und sie schrieb sofort an Lenin über ihre Stellung zu der Spaltung. Für Lenin war es natürlich außerordentlich wichtig, der tendenziösen menschewistischen Information seine eigene Beurteilung des 2. Parteitags und der in der Partei entstandenen Lage entgegenzustellen. Die Briefe der Kalmykowa an Lenin sind im „Leninski-Sbornik" VI veröffentlicht.

2 „im Großen und Ganzen" bei Lenin deutsch. Die Red.

3„Zickzackkurs" bei Lenin deutsch. Die Red.

4 aus der Vogelschau; vom Standpunkte des Gesamtprozesses. Die Red.

5* Das ist alles. Die Red.

6 nicht mehr. Die Red.

7 Beziehungsweise. Die Red.

* Aus diesem Grunde sind „private Sonderstatuten" jetzt sowohl rechtlich wie moralisch unbedingt unmöglich.

8 Der „Eimer" bedeutete die Geldmittel für die „Iskra", die durch die Hand der A. Kalmykowa gingen.

Kommentare