Gandhi, Mohandas Karamchand (genannt „Mahatma“, 1869-1948, war eine führende Figur der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Er studierte in England und war dann als Anwalt in Indien und Südafrika tätig. Dort wurde er in der politischen Bewegung der indischen Minderheit aktiv. Unter dem Eindruck der Massenstreiks russischen Revolution 1905 wurde er Befürworter von gewaltlosen Massenaktionen. 1914 kehrte er nach Indien zurück und spielte dort eineführende Rolle in der Bewegung erst für Autonomie und später für Unabhängigkeit. Er lehnte Gewalt im nationalen Befreiungskampf und Klassenkampf ab, warb aber im Ersten Weltkrieg Kriegsfreiwillige (ähnlich wie schon 1899 im Burenkrieg) in der albernen Hoffnung, der britische Imperialismus würde aus Dankbarkeit nach dem Krieg Indien Selbstverwaltung gewähren. Nach dem Krieg organisierte er wiederholt Kampagnen des massenhaften zivilen Ungehorsams, bei denen er die religiösen Vorurteile der hinduistischen Arbeiter*innen und Bäuer*innen zu nutzen versuchte, um sie den Interessen der indischen Bourgeoisie unterzuordnen. Das musste die von der britischen Teile-und-Herrsche-Politik erzeuge Kluft zwischen Hindus und Muslin*innen weiter vertiefen, auch wenn Gandhi persönlich für ein friedliches Zusammenleben beider Religionen war. Aber sein Mittel dazu war nicht die Betonung von Gemeinsamkeiten, sondern die Zementierung von Unterschieden, bei gleichzeitigen Appellen zur Toleranz. So rief er 1920/21 die Hindus zur Unterstützung der Kalifats-Kampagne (für den Erhalt des nach dem Ersten Weltkrieg von den Briten gestürzten türkischen Sultans als geistlichen Führer der sunnitischen Muslime) auf, die nur von reaktionären Muslim*innen unterstützt wurde. Aus Protest verließ Jinnah, der Führer der Muslim Liga, den Indischen Nationalkongress. Gandhi verherrlichte die Jahrtausende alten wirtschaftlichen Verhältnisse und über viele Jahrzehnte hinweg auch das Kastenwesen (er selbst gehörte zur Kaste der Kaufleute). Die indische Unabhängigkeit wurde erreicht, weil sich die Bewegung von Gandhis Methoden emanzipierte: In der Quit-India-Bewegung vom August 1942 gab es flächendeckend Angriffe auf Polizeistationen und Sabotage. Nach dem Krieg gab es eine Sympathiewelle für die Indischen Nationalarmee, die an der Seite des japanischen Imperialismus gegen die Briten gekämpft hatte, und eine Welle von Meutereien in der Armee – Hindus, Muslime und Sikhs Seite an Seite – die den britischen Imperialismus zum Abzug zwangen. Trotzdem ist der Aberglaube verbreitet, Gandhis „Gewaltlosigkeit“ habe die Unabhängigkeit erreicht. Als die Teile-und-Herrsche-Politik sich in Massakern und Massenvertreibungen von Hindus und Muslim*innen entlud, wusste Gandhi nichts Besseres als moralische Appelle und Fasten. Er stimmte zu, dass ein Aufruf zum gemeinsamen Klassenkampf an die hinduistischen und muslimischen Bäuer*innen gegen die Großgrundbesitzer*innen dem Blutbad entgegenwirken würde, lehnte ihn aber trotzdem ab. Kurz danach wurde er von einem fanatischen Hindu-Nationalisten ermordet. |
Übersicht > Personenverzeichnis >